2003-06-16
Friedloser Friedman
Michel Friedman ist angeschlagen oder spielt den Angeschlagenen.
Der strahlende Held hat sich davongemacht, seine Freundin ist zur Mama heimgekehrt.
Möllemanns posthume Rache?
Als Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und gleichzeitiger Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses hat sich Friedman unmöglich gemacht.
Die Rufschädigung, die die jüdische Gemeinschaft dadurch erleidet, ist inzwischen die dritte in einer Reihe, die mit Nachman begann und mit Bubis offenbar nicht endete.
Den Ruch des Kriminellen wird sie nicht mehr los, und die russisch-jüdische Mafia in Mittel-Ost-Europa macht weniger Schlagzeilen, als sie machen müßte, wenn die demokratische Öffentlichkeit intakt bleiben soll, was sie eh schon nicht mehr ist.
Michel Friedman war mir erstmals in den achtziger Jahren als ein mutiger, stolzer Mann aufgefallen, der nicht zu Kreuze kroch, der sich nicht dafür entschuldigte, Jude zu sein, damals ging es in Frankfurt um das widerliche Faßbinder-Stück.
Friedman war CDU-Mitglied und Kultur-Dezernent der Jüdischen Gemeinde Frankfurts.
In den Jahren seither hat er sich profiliert und vor allem als Fernseh-Talkmaster einen Namen gemacht.
Neulich las ich auf einer Internet-Seite der Jüdischen Allgemeinen oder der Wiener Presse, daß Friedman, der Europäer-Präsident, die Österreicher ermahnte, ihrer jüdischen Gemeinschaft aus der Patsche zu helfen, die ist nämlich pleite oder so was.
So ähnlich ist das abgelaufen.
Michel Friedman trat überall offensiv und zugleich sympathisch auf, wenn er sich damit auch viele Feinde machte.
Aber letztlich blieb er als Mensch unangreifbar.
Wenn nun der Moralist in seiner eigenen Unmoral zu versinken droht, sind es seine ernstzunehmenden Kritiker, die ihn gerade davor bewahren wollen.
Das ist nicht mehr so einfach.
Ich glaube übrigens nicht, daß er als Kunde der organisierten Prostitution auftrat, vom Kokain sehen wir erst einmal ab.
Das hat der Mann nicht nötig.
Eher halte ich eine kommerzielle Verflechtung für möglich.
Die drei geleerten "szenetypischen" Mini-Tütchen sprechen weniger für einen Aufsehen erregenden Fund als für den Versuch, diese ganze Geschichte zu verharmlosen.
Natürlich erinnert sich jeder Besucher oder Fernsehzuschauer von "Vorsicht! Friedman" (man könnte die Interpunktion jetzt ändern) an Friedmans Gesicht, an die ausrasierten Augenbrauen, die glänzenden Augen, die müden Augenlider.
Kokain ist die Droge der Prominenten, auch Augstein ist damit mal in Italien erwischt worden, was aber keine Folgen hatte; womöglich war sein Einfluß größer als der Friedmans.
Michel Friedman fehlt das deutsche Hinterland, eine starke Rückenstütze des National-Neutralisten Rudolf Augstein.
Friedmans zur Schau getragene Arroganz gehört zum Mediengeschäft, aber daß die jüdischen Institutionen und ihre Presse sich über den Fall fast ausschweigen, damit nun ihrerseits eine gewisse Peinlichkeit und Betretenheit zur Schau tragen, ist kein gutes Bild.
Haben die alle nichts oder doch davon gewußt?
Warum der kämpferische Fernseh-Journalist nicht streitbar sich schon am ersten Tag zu Wort meldet, sondern die Lippen verschließt und abtaucht (nach Venedig "zu Freunden", nachdem zunächst von Südfrankreich die Rede war), daß er einen Nervenzusammenbruch erlitt, daß in der Presse von seinem Gesundheitszustand gesprochen wird ("Wie krank ist Friedman?", las ich irgendwo im Internet), von seiner Drogenabhängigkeit...
Friedmans Nach-Verhalten ist zerstörerischer als der Fall selbst.
Ein Michel Friedman bricht nicht zusammen.
Der Mann, der als unbesiegbar auftrat, hat beim ersten Anschubser die Fassung verloren und versteckt sich, selber Anwalt, hinter seinem Anwalt?
Das ist es, was mir im Sinne des von Friedman vertretenen aufrechten Juden, seines jüdischen Stolzes, nicht gefällt.
Siehe auch:
- Koresh Kukafka: Mischu, wo bist du?
- Feature: Wiedergutmachung
- Henryk M. Broder: Heißluftballon mit Turbomotor
- Die Presse: Friedmans laute Stippvisiten in Wien
- German News: Michel Friedman to lead the European Jewish Congress
- ORF: Europäischer Jüdischer Kongress EJC will sich stärker organisieren
- Stern: "Warum zerstören Sie sich selbst?"
- BM: Interview mit Staatsanwalt Karge
- Taz: Karge und die Israelische Botschaft
- Rhein Zeitung: Karge: "Wir sind doch kein Kindersuchdienst".
- Der Spiegel: Drohen, schlagen, würgen. Karen Duve über Prostitution und die Affäre Friedman
- Die Presse: Kultusgemeinde: Regierung rechnet Subventionen vor