2003-06-14
Kompetenzstreitigkeiten
Strategische Arbeitsteilung
Allmählich zeichnet sich ab, wie es in Mittelost weitergehen soll.
Die Washingtoner Strategen behandeln ihre Schurkenstaaten sehr individuell.
Der Iraq wurde unter tausend Vorwänden militärisch angegriffen und großenteils verwüstet.
Ein akzeptabler Kriegsgrund, das Verbrecherische am Saddam-Staat, blieb unerwähnt.
Der Griff in die inneren Angelegenheiten eines Terrorregimes galt auch vor dem Krieg als Standard des Einvernehmens.
Die Befreier haben jetzt einen Sack voll Probleme am Hals, doch was macht das schon.
Der iraqische Widerstand hat viele Gesichter, und manches davon mag eine Maske sein, hinter der sich ein anderes verbirgt.
Afghanistan ist nicht vergessen, nur zeitlich in den Hintergrund getreten.
Seine Behandlung durch die Amerikaner ist jedermann bekannt; es wird ihnen angenehm sein, nicht zu oft daran erinnert zu werden.
Osama Bin Laden, der ewig Gesuchte, mit Sicherheit zu Findende, gleichzeitig nicht Auffindbare, das Phantom mit dem grauen Bart und der unentbehrlichen Kalaschnikow, erscheint dann und wann seinen Häschern im Traum, und damit hat es sich auch.
Die aufwendige Blamage namens Afghanistan und Antiterrorismus-Kampagne ist schon heute filmreif, und ich möchte wetten, daß das Drehbuch längst irgendwo in der Schublade liegt, um zu geeigneter Stunde das Licht der Welt zu erblicken.
Die Absurdität kennt keine Grenzen.
Selbst Kritiker des amerikanischen Feldzugs bewundern - weiß der Himmel, warum - die Vorschlaghammer-Strategen im Pentagon.
So geriet der Iraq, ein Bombenerfolg - in wenigen Wochen alles zusammengeschlagen...
Nur, leider, leider, der Widerstand - sprich: Terrorismus - hat seither zugenommen: in Afghanistan und im Iraq.
Saddam Hussein ist wie Osama Bin Laden spurlos verschwunden und läßt wie dieser von Zeit zu Zeit von sich hören oder lesen.
Saddam bevorzugt neuerdings handgeschriebene Briefe, in denen er der Welt mitteilt, daß sie sich vorsehen möge, besonders Iraq-Besucher müssen sich demnach in Acht nehmen.
Wie die Hamas in Palästina, so droht Saddam im Iraq - und nicht nur dort - die härtesten Vernichtungsschläge an; demnächst gehe es richtig los.
Schiffe, Flugzeuge und Busse, die beliebten Transportmittel des westlichen Tourismus seien nirgendwo mehr sicher.
Ich muß schon sagen, das ist ein wirklich herausragender Erfolg des Kampfes gegen den Terrorismus.
In Afrika, in Israel fliegen friedliche Bürger in die Luft; Pipelines, Ölraffinerien im Mittleren Osten, in Nordamerika und sonstwo explodieren einfach mal; schon erfahren wir gar nicht mehr das ganze Ausmaß dieser terroristischen Taten, weil die westliche Welt sich ihren Traum, mit dem Problem fertig zu werden, nicht verderben möchte.
Der Schurkenstaat Nordkorea ist einstweilen zurückgestellt worden, Koreaner sind keine Araber und außerdem von atomarer Aggressivität.
Bleiben als nächste Syrien und der Iran.
Mit Syrien scheint es am leichtesten zu sein.
Der autoritär erzogene Sohn des alten Assad knickt vor der ersten Drohgebärde ein, und George W. Bush droht nicht nur, er macht gleich Ernst.
Der Iran soll offenbar mit inneren Unruhen weich gemacht werden.
Das warten wir erst einmal ab.
Es scheint den Amerikanern ein wenig der Schneid abhanden gekommen zu sein.
Afghanistan und Iraq, beide nach dem Hauruck-Verfahren, das reicht fürs erste und zweite.
Im nächsten Jahr sind Präsidentschaftswahlen; da wartet eine Menge Unannehmliches auf die momentan noch Regierenden, Schaltenden und Waltenden.
Die Zahl derer, die die amerikanische Regierung am liebsten vollzählig vor ein Kriegsverbrecher-Tribunal stellen möchten, nimmt täglich zu.
Die aufmerksame Welt spricht von einem Kreuzzug gegen den Islam, der daran wächst.
Wie soll das bloß ausgehn?
Guantánamo.
Was will man dazu noch sagen?