2003-06-14
Die iranische Konterrevolution
Traut - erst einmal - keiner Studentenbewegung
Wenn junge Menschen gegen das Establishment aufbegehren, können sie mit den Sympathien der freien Geister rechnen.
An der Teheraner Universität rührt sich etwas - wie man im Westen gern glaubt - gegen die orthodoxen und reformerischen Muslime, ihre geistlichen Autoritäten Khamenei und Khatami mithin.
Die Polizei geht mit den protestierenden Studenten noch relativ milde um, letztlich kommen die meisten von ihnen - wenn auch nicht alle - aus etablierten Familien.
Die Hizbollah-Aktivisten werden vorerst daran gehindert, härter auf die als anti-islamisch verstandenen Demonstrationen zu reagieren.
Khamenei hat die Amerikaner beschuldigt, den Iran mit Hilfe der neuen Studentenbewegung destabilisieren zu wollen, und dieser Verdacht ist sicherlich nicht aus der Luft gegriffen.
Der frühere Präsident Rafsanjani rief die Studenten und jungen Gläubigen auf, sich nicht einschüchtern und provozieren zu lassen.
Wenn Studenten sich politisch versammeln - rebelliert der Schaum gegen das Bier.
So will es der Anschein.
Wir wissen aus den sechziger Jahren in Europa, daß mit Studenten allerhand bewegt werden kann; was nicht unbedingt im Interesse der Bevölkerungsmehrheit ist.
Dennoch haben die Teheraner Unruhen einen ernsten Hintergrund.
Die Studenten fürchten die Privatisierung ihrer Universitäten und damit die Einführung von Studiengebühren.
Die Verfassung garantiert jedoch freie Erziehung und Ausbildung für jeden.
Genau besehen richten sich die Proteste gegen - tatsächlich - überraschend neue - kapitalistische! - Tendenzen, nicht gegen den Islam.
Die anti-islamischen Momente haben ganz andere Quellen.
Die USA bedrohen Teheran schon seit längerem, um es davon abzuhalten, sich über die Shia in den iraqischen (!) Krieg einzumischen.
Die Teheraner Unruhen, beginnend im Kopfe, könnten nun - und sollen womöglich - für den psychologischen Krieg gegen die Islamische Republik Iran (!) umfunktioniert werden.
Nach Peter Scholl-Latour hat sich im Iran eine relativ freie islamische Gesellschaft herausgebildet.
Über die aktuellen Ereignisse wird in den iranischen Medien ausführlich berichtet und offen diskutiert - nicht gerade zum Nutzen des US-evangelikalen Kreuzzugsgedankens.
Denn Freiheit ist auch für den Islam die beste Medizin zur Kräftigung der Seele des Widerstands.
Der Einsatz exil-monarchistischer - schah-freundlicher - Kreise gegen die islamische Revolution darf nicht verharmlost, aber auch nicht überschätzt werden.
Die Stärke der islamischen Renaissance liegt in ihrer autochthonen Wahrheit.