2003-06-01

Avram Kokhaviv

Vertrauensverlust

Ist es eine Gefahr, daß die Politik den Vertrauensverlust in ihre Gesamtrechnung einbezieht?

Der Verlust ist total, sie hat nichts mehr zu verlieren.

Das Volk steht - und staunt längst nicht mehr - am Rande des politischen Geschehens, während die natürlichen Ränder der Gesellschaft im Zentrum sich breitgemacht haben.

Ist es eine Gefahr, daß das Volk sich ins Private zurückzieht und dem Establishment die Arena überläßt?

Ist es nicht vielmehr ein Segen, wenn die einfachen Menschen endlich verstehen und daraus ihre Konsequenzen ziehen, daß sie machtlos sind und der Staat nicht ihr Staat, sondern ihr vornehmster Feind?

Der Staat als Volksfeind Nummer 1 ist die höchste Einsicht in die politisch-historische Wirklichkeit.

So lagen die Dinge schon immer.

Nur in kritischen Zeiten, da die Politik als Konkursverwalter des von ihr ruinierten Landes das Volk abwickelt, wird es so deutlich wie heute.

"Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt", sagt der Finanzminister, womit er natürlich recht hat, falls er sich und die Finanzpolitik des Staates damit meint.

Sie haben über unsere Verhältnisse gelebt, und alle Welt weiß es.

Und sie fahren damit unbekümmert fort, indem sie das Volk seiner Existenzgrundlagen berauben und das große Geld da lassen und häufen, wo es ohnehin ist.

Kaum jemals zuvor wurde die Herrschaft der Ausbeuterklasse uns so eklatant vor Augen geführt.

Ihr Volk habt unseren Reichtum erarbeitet und erwirtschaftet, nun verschwindet gefälligst, nehmt euch, euren Alten und Kindern das Leben, wir brauchen euch nicht mehr.

Der Innenminister, dessen Regierung diesen gesellschaftlichen Tod um sich verbreitet, wagt es doch, den Islam eine "Kultur des Todes" zu nennen, gegen die er polizeistaatlichen Alarm schlägt.

Wenn das kein Zeichen des Fluches ist, der auf diesem Lande - auf dieser Epoche - liegt, weiß ich nicht mehr, was göttliche Gerechtigkeit bedeutet.

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