2003-05-28
Der Ökumenische Djihad als Restauration von Gottes Gesetz
Krieg dem moralischen Verfall und seiner quasi- oder pseudoreligiösen Philosophie / Eine notwendige Abrechnung und ein enttäuschender Dreh
Die Nachricht kommt aus Amerika
Peter Kreeft, Ökumenischer Djihad? Religionen im globalen Kulturkampf. Aus dem Amerikanischen von Hans-Joachim Tambour. Titel der Originalausgabe: Ecumenical Jihad. © 1996 Ignatius Press, San Francisco. Deutsche Ausgabe: © 2003 by Sankt Ulrich Verlag GmbH, Augsburg
Das Buch wurde unter anderen Bedingungen geschrieben, als es jetzt in Deutschland ankommt.
Man könnte meinen, daß die politische Entwicklung, die sich mittlerweile in den Vereinigten Staaten vollzogen hat, vom Autor als Wunschziel vorgegeben war.
Peter Kreeft trat bereits vor mehr als vierzig Jahren zum Katholizismus über, so daß ein diesbezüglicher Verlagshinweis eher unnötig erscheinen mag.
Die Konversion ist jedoch von elementarer Bedeutung.
Mit 21 Jahren - 1960 - macht sich der holländisch reformierte Calvinist zum römischen Katholiken.
Kreeft schildert und begründet diese Entscheidung in seinem Kapitel über "Eucharistie und Ökumene", die beide ihm Christi Gegenwart vermittelt haben.
Peter Kreeft ist ein bekennend fanatischer Heiliger Krieger, der es ernst meint mit dem Djihad aller - nicht nur monotheistischen - Religionen und Gutwilligen gegen das Böse in der Welt, vornehmlich in der eigenen, modernen, westlichen, amerikanischen Gesellschaft.
Darin weicht er von den Evangelikalen in Washington ab, die ihren Heiligen Krieg gegen den entschiedenen Islam führen.
Der Autor beruft sich ausdrücklich auf den Islam, auf die Wortbedeutung seines Begriffs.
Islam ist die Fügung in den Willen Gottes.
Er zieht einen Vergleich, der die USA direkt anspricht: "Vielleicht wächst der Islam in Amerika deshalb schneller als das Christentum, weil die Muslime mehr als die Christen Heilige sein wollen" (50).
"Unsere Nation wurde im Kampf um Freiheit geboren, weswegen wir persönliche Freiheit mit Recht hochschätzen. Aber es gibt keine Freiheit ohne Wahrheit" (70).
Kreeft plädiert für eine "Konterrevolution" gegen die sexuelle Revolution, auf welchen Nenner er die Verrottung der modernen Welt bringt.
Der Massenmord an den ungeborenen Kindern ist ihm das Teuflischste und Unbegreiflichste in unserer Zeit, die er gleichwohl für umkehrbar hält.
Seine Kritik richtet sich gegen die Medien, die als "Experten"-Klüngel-Minderheit ihre tödliche Ideologie verbreiten und die Meinung - den politischen Willen! - der überwältigenden Mehrheit nicht zur Kenntnis nehmen.
Er macht dem Volk Mut, sich dagegen zu wehren und appelliert an die "Schreibfeder" - sprich: das geschriebene Wort - als schärfste Waffe in diesem Heiligen Krieg.
Der Autor tut dies aus innerster Überzeugung. Der Mann spricht mir buchstäblich aus der Seele.
Ein revolutionäres, meinethalben konterrevolutionäres Buch, eine notwendige Abrechnung und die Vision: Wir werden - alle gemeinsam gegen die etablierte Gottlosigkeit - die Vollendung des Teufelswerks nicht zulassen, wenn und weil Gott die Zeit für die Erlösung bestimmt hat.
Aber das ist vielleicht zu früh gejubelt.
Kreeft ist ein bekannter und geehrter Universitätslehrer, Theologe und Philosoph und damit ein prominenter Vertreter desselben Establishments, das sich anhand konkurrierender Macht- und Einflußzentren lokalisieren läßt.
Seine anfängliche, für sich und ihn einnehmende Unabdingbarkeit löst sich am Ende auf, wenn er sagt, was wir tun können, um dem weltweiten Übel abzuhelfen.
Absurderweise erinnert er mich an den viel zu früh verstorbenen Österreich-Schweizer Hochschullehrer Paul Feyerabend, der zwar keinen heiligen Krieg anzetteln wollte, dafür aber alles konkrete - etablierte - Denken relativieren zu können glaubte.
Ein Freier, nein - ein scheinbar Freier als Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich.
Den Djihad gegen das eigene Nest zu verkünden, ist mutig und gefährlich oder geflunkert.
Es ist nämlich keineswegs ausgemacht, daß die von Peter Kreeft vertretene Kirche und favorisierten kirchlichen Organisationen, ja die Idee der Ökumene - nicht selbst ein Ziel des zu Recht verkündeten Djihad würden und gerechterweise werden müßten.
Der heilige Krieg läßt sich nicht organisieren.
Kreefts "Djihad" ist allerdings ein calvinistisch angefeuerter römischer Katholizismus, der - absehbar - mit der russischen Orthodoxie und den 20.000 Protestantismen zusammen sowohl den Islam als auch das Judentum wird verdrängen wollen.
Eine lohnende Lektüre.
"Ich vermutete, daß der Grund für das explosionsartige Anwachsen des Islam in unserer Zeit viel einfacher zu erklären ist, als dies die Soziologen glauben: Gott segnet Gehorsam und Gläubigkeit, besonders inmitten ungläubiger und ungehorsamer Kulturen" (93).
So nimmt der calvinisch-katholische Stratege dem Islam das Djihad-Schwert aus der Hand, wendet es begrifflich und de facto - zunächst "ökumenisch" im menschheitlichen oder allgemein-religiösen Sinne -, um zu guter Letzt auf die christliche Ökumene zurückzukommen, sie römisch-katholisch auszurichten und anzuleiten.
Der revolutionäre Ansatz geht in eine zentrifugale, nun wirklich konterrevolutionäre, nämlich anti-islamische Bewegung über.
In einem fiktiven scholastischen Disput zwischen Thomas von Aquin, Martin Luther und C. S. Lewis, einem amerikanischen Verteidiger des Katholizismus und - Christentum schlechthin - theologischen Vorbild Kreefts, wird dem Leser ein wenig Sand in die Augen gestreut.
Jetzt geht es nur noch um die anzustrebende Einheit des Christentums.
An der Eucharistie führt Kreeft exemplarisch vor, worin sich letztlich der römische Katholizismus von allen anderen Kirchen unterscheidet.
Kreefts "Heiliger Krieg" ist der christliche Kreuzzug nach innen und außen, der in den Sieg der römisch-katholischen Kirche einmündet.
Die ander-religiösen Bündnispartner im Kampf gegen das Böse werden nun nicht mehr gebraucht und - tendenziell - dem Bösen gleich mit zugerechnet.
Wenn der Leser zuletzt sich getäuscht sieht, so liegt es an ihm.
Dem überzeugten Calvin-Katholiken Peter Kreeft ist das nicht vorzuwerfen.
Sein Plädoyer für den "Kulturkampf" erlaubt keinen Zweifel.