2003-05-06
Ein neues Europa?
Zu Polen gehören Bayern, Sachsen, Thüringen...
Die katholische Substanz in der neuen amerikanischen Europa-Strategie
Der Rhein-Main-Donau-Kanal war den Sozialdemokraten ein Dorn im Auge, weil er die mittel-süd-osteuropäische Verbindung dem Bundesmodell aus Nord- und Süddeutschland vorzog.
Die Nord-Süd-Verknüpfung erwies sich als nicht sonderlich haltbar.
Der evangelische, eher atheistische Norden hat zum katholischen Süden kein dauerhaft fruchtbares Verhältnis herstellen können.
Damit endet aber auch die kleine Reichsidee Bismarcks.
Die Bayern verstanden sich besser mit Österreichern und Kroaten als mit Preußen, die ihrerseits eher den Russen als den deutschen Rheinländern zuneigten.
Die Parole "Kohl muß weg" war der Anfang vom Ende des - in den Konzentrationslagern Hitler-Deutschlands entstandenen - versöhnlich "christlichen" - protestantisch-katholischen - Nord-Süd-Konzepts.
Bis heute trifft man in Berlins Straßen und über die sozialdemokratisch hirnverwaschenen Medien auf einen sonst unbegreiflichen Haß gegen den nach Adenauer zweiten erfolgreichen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.
Der Atheismus des Nordens erträgt nicht die Kultur des katholischen Europa.
Auf dieses katholische Europa - von Polen, Kroatien, Slowenien... über Italien bis Spanien - scheint nun aber die neue US-Strategie zu setzen - und sich verlassen zu können.
Wir mußten immer unterscheiden, zwischen USA und USA, zwischen ihrer Rolle etwa in Südamerika oder neuerdings im Mittleren Osten - und der in Europa.
In Europa traten die Amerikaner tatsächlich als Befreier auf.
Diese geschichtliche Tatsache wird zur Legende, wenn man sie einfach auf den Iraq überträgt.
Was im Mittleren Osten und in der Beziehung zum Islam zu einer Farce zu werden droht, war und ist keine Farce in Europa.
Der neuerlich, wie sonst sowieso bei jeder Gelegenheit auftretende Antiamerikanismus kennt solche Unterscheidungen nicht.
Die an Verrat grenzende Lässigkeit der einstigen Westberliner im Umgang mit der Freiheit und den demokratischen Grundsätzen werden die Amerikaner niemals vergessen.
Dieser Verrat sitzt auch in anderen - nördlichen - Teilen Deutschlands unerwartet tief.
Als ob die Geschichte sich dagegen etwas einfallen läßt.
Der Freistaat Sachsen erinnert an August den Starken, der die polnische Krone erwarb und zum Katholizismus übertrat.
Der König von Sachsen - Friedrich August der Gerechte - trat dem Rheinbund bei und stand bis zuletzt auf der Seite Napoleons, des damaligen Westens; der Konflikt mit Preußen und Rußland war programmiert.
Wer die Wiederauflage der alten europäischen Mächtekonstellation erkennt, dem mag auch der Gedanke kommen, daß Amerikaner und Briten 1945 einen historischen Fehler begingen, als sie noch in letzter Minute das Elbjuwel Dresden, die Stadt des Königs von Polen und Sachsen, einem Bombeninferno aussetzten, bei dem zwei bis dreihunderttausend Menschen umgekommen sein sollen; und daß sie, Briten und US-Amerikaner, diesen Fehler jetzt korrigieren wollen.
Möglicherweise hatten sie ihrem Alliierten Stalin damals einen Wunsch erfüllt, der nicht nur Polen, sondern alles, was an Polen erinnerte, ausgelöscht sehen wollte.
Das alte Königreich Polen hatte lange Zeit den russischen Nachbarn in die Schranken gewiesen.
Der antikatholisch, antidemokratisch-antiwestlich dirigierte Haß der Sozialisten auf die Bayern paßt in die Weltsicht dieser Konstellation.
In gewisser Weise revidieren die Westmächte sogar das britische Verhältnis zu Napoleon, der Amerika bewunderte und im Vergleich zum damaligen Britannien ein progressiver Faktor war, gegen den schließlich das - von Rußland und dem Inspirator England angeführte - reaktionäre Europa Front machte.
Napoleons Waterloo war auch eine Niederlage der westlichen Freiheitsidee und ein Sieg der Gegenaufklärung, Beginn der Verfinsterung Europas.
Sollten die Westmächte das erkannt haben und historisch wieder gut machen wollen, wofür neuerdings einiges spricht, so könnte dies eine neue Epoche in und für Europa bedeuten.
Mit einer solchen Revision der letzten zweihundert Jahre europäischer Geschichte müßten wir uns vom deutschen Reich Bismarckscher Prägung verabschieden und eine andere Konzeption in Betracht ziehen.
Aus den oben angeführten Gründen hätte sich die kleindeutsche Ökumene aus evangelischer und katholischer Grundüberzeugung als nicht existenzfähig erwiesen.
Die deutschen Freistaaten
- Bayern - vor der Bundesrepublik erster westdeutscher Staat nach dem Zweiten Weltkrieg;
- Thüringen - zu dem die amerikanischen Sieger als Erstbesatzer 1945 eine besondere Beziehung hatten;
- Sachsen - der traditionelle Preußengegner;
könnten sich von der Bundesrepublik emanzipieren und historisch bewährten, solideren europäischen Strukturen zuwenden.
Vom alten Preußen bliebe ein schwaches Brandenburg übrig, das man sich nördlich der Mainlinie noch ein wenig in Westrichtung ausgedehnt vorstellen mag, falls nicht Widerstände dies zu verhindern suchten.
Die Favorisierung und Stärkung Polens durch die Supermacht USA wäre ein fast absolutes Hindernis für Rußland, die alte anti-westliche Völkerschlacht-Verbindung mit Preußen wieder aufzunehmen.
Gegen ein starkes Polen, wie es das europäische Mittelalter kannte, müßte Moskau neue Reaktionsweisen kultivieren.
Die unlichte Eurasien-Akte käme einstweilen wieder ins Regal.
Daß Polen allerjüngst deutsche Soldaten als Assistenten für den Iraq-Einsatz anfordert, gibt der Sache eine besondere Pointe.