2003-04-18
Die neuen Antagonismen wachsen sich aus
Was Formen annimmt und nicht vorgesehen war
Die Verschleuderung der Gründungsprinzipien und goldenen Regeln Amerikas als Hüters der Schwachen und Unterdrückten hat die bisher gewohnte Welt auf den Kopf gestellt.
Wenn Europa - mehr schlecht als recht - für den 1. Mai nächsten Jahrs - in Athen sich zusammenwürfelt, so ist das noch kein Grund zu besonderer Freude.
Die Vorstellung des freien, unbefangenen Würfelns trifft ohnehin nicht den europäischen Sachverhalt.
Jedes Land erhält in der nur dürftig verschleierten Hierarchie Europas seinen Platz zugeordnet.
Schon bei Fototerminen wird nicht einfach fotografiert, was zufällig beisammen steht.
Die neuen Antagonismen - dahinter - haben keine politische Moral mehr auf ihrer Seite, obwohl von Moral, von Gut und Böse immerfort und bei vielen Gelegenheiten die Rede ist.
Der stets (und von jeder Seite) einseitig interpretierte Heilige Krieg wird nicht als Gesamtheit erfaßt.
Tatsächlich trägt doch jeder zu ihm bei.
Das zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts eher Unerwartete ist der Größenwahn, den Amerika seither an den Tag legt und dem alle sich unterzuordnen haben.
Ich muß sagen, daß ich manchmal verzweifeln möchte; daß ich mich frage, ob das denn wirklich so neu und unerwartet sei, wie es mir erscheinen will.
Ich sah die Gefahren für unsere Freiheit aus anderen Himmelsrichtungen kommen, wobei mir die Vereinigten Staaten der wohl einzige Garant für unsere Sicherheit und Freiheit waren.
Damit hatte ich nicht gerechnet: daß Amerika sich über seine Ideale hinwegsetzen würde, um die Weltherrschaft zu erlangen.
Das würde sich doch irgendwie von selbst ergeben, weil das amerikanische Modell einfach so freizügig war, so leicht verständlich, so sonnenklar.
Da hat sich etwas vollzogen, was unsereins allmählich begreifen muß.
Die Sonnenklarheit ist nur noch Propaganda, während die Realität Amerikas der Welt die Zähne zeigt.
Vielleicht nicht völlig unerwartet; die euro-islamische Strategie ging bereits von solchen Entwicklungen aus.
Daß die Einigung Europas der äußeren Bedrohung, einer besonderen Herausforderung bedarf, war logisch und realistisch gedacht.
Rußland trat als die unbedingt einzudämmende Gefahr auf, vor der uns nur das Bündnis mit den USA schützen konnte.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte Amerika allerdings nichts Eiligeres zu tun, als Rußland wieder auf die Beine zu bringen und stark zu machen.
Der Maßstab für die internationale Rolle Rußlands ist seine Kaukasuspolitik, vor allem das verbrecherische Vorgehen gegen Tschetschenien.
Maßstab, weil Moskau sich im Kaukasus alles erlauben kann, ohne international zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Das Selbstbestimmungs- und Selbstbefreiungsrecht der kaukasischen Völker wird nirgendwo ernsthaft anerkannt.
Nur die Vereinigten Staaten von Amerika hätten Rußland von seiner Unterdrückungs- und Ausrottungspolitik zurückhalten können.
Offenbar war es von Anfang an ein spezifisch us-amerikanischer - evangelikaler - Fundamentalismus, der Washington nicht daran denken ließ, die vornehmlich islamischen Völker in ihrem Befreiungskampf zu unterstützen.
Auch Helmut Kohl hatte in seinen Kanzlerjahren die Gefahr vor allem in der Ausbreitung des islamischen Fundamentalismus gesehen, der amerikanische stand gar nicht zur Debatte.
Mit anderen Worten: Amerikas Eurasien-Politik hat Rußland wieder zu der Gefahr für Mittel- und Westeuropa gemacht, die es zu Zeiten der Sowjetunion war.
Daß die USA jetzt Frankreich zum Ziel einer nächsten Intervention machen, um es für seine querköpfige Iraq-Politik zu bestrafen, paßt ins Gesamtbild.
Frankreich ist erstens aufmüpfig und zweitens im Besitz von Massenvernichtungswaffen.
Die Atommacht Frankreich ist möglicherweise das letzte Hindernis bei der Eroberung Europas - durch Rußland.
Doch nicht Rußland, sondern Amerika wird Frankreich in die Schranken weisen und damit sturmreif machen für den sonst kaum ausdenkbaren Ernstfall.
Denn Frankreich würde sich gegen Rußland nicht wehren.
Rußland ist politisch viel zu geschickt, als daß es sich in Europa irgendwelche Blößen geben würde, wir sind hier nicht im Kaukasus, der den Russen sowieso sicher zu sein scheint.
Mit Europa meint Rußland es wirklich ernst, zuviel steht dabei auf dem Spiel.
Die eurasische Vision reicht von Alaska bis zur französischen Atlantik-Küste, und der Gedanke hat fast schon etwas Versöhnliches, wenn man nicht an die Konsequenzen denkt, und die sind vor allem innenpolitischer und gesellschaftlicher Natur.
Nun könnte man sich hypothetisch durchaus vorstellen, daß ein neuer Napoleon es noch einmal versucht, Europa zu befreien; aber wahrscheinlich würden auch diesmal wieder die Deutschen ihm einen Strich durch die Rechnung machen, die sich den Russen immer verwandter fühlten als den Franzosen.
An dem russisch dominierten Eurasien-Modell jedenfalls müssen die USA interessiert sein, wenn sie ihre Kreuzzugspolitik gegen den Islam fortsetzen wollen.
Rußland kann in Ruhe zusehen, wie Amerika sich um seinen guten Ruf bringt, und anschließend die eurasisch-orientalische Ernte einfahren.
Natürlich sind noch andere Kräfte und Mächte am Werk und am Warten.
Wenn China sich auf seine Wirtschaft konzentriert und ansonsten stillhält, so gewiß nicht aus Furcht vor der amerikanischen Supermacht.
Was du zusammendrücken willst, das mußt du erst richtig sich ausdehnen lassen.
Die alte chinesische Weisheit kommt hier wieder zum Zuge.
Den reißenden Tiger gewähren lassen, bis er sich erschöpft, ihm aber nicht in den Weg treten.
Dem größten Volk steht - ontologisch - das kleinste gegenüber.
Beim kleinsten Volk, das heute politisch Bedeutung hat und eine herausragende Rolle spielt, denkt man zunächst an Israel und das jüdische Volk.
Das kleinste und zugleich politisch-historisch relevante Volk scheinen mir aber eher die Tschetschenen zu sein, jedenfalls eines der kleinsten Völker, die im Kaukasus zuhause sind.
Dort ist unser aller Ursprung.
Von den Tschetschenen sind kaum Überlieferungen bekannt, eine aber zählt: von Mesopotamien wird ein großer apokalyptischer Krieg ausgehen.
Die Überlieferer werden kaum zur Kenntnis genommen, auf Hilfe können sie nicht rechnen, wenn nicht Gott es für sie tut.
Aber auch dafür spricht im Augenblick wenig.
Die Prophezeiung indes scheint sich gerade zu erfüllen.
Die großen Kriege sind stets mit großen Entrechtungen verbunden.
Die Entrechteten sind die Schwachen, sind die Verlierer, die nun auch noch als abgründig und böse vorgeführt werden.
Das Reich des Bösen, die Achse des Bösen sind Bestimmungen der Guten.
Die Guten sind die Gewinner, die Sieger, die Starken und Mächtigen.
Rom ist gut, die Aufständischen gegen Rom sind die Bösen, die Barbaren - heißt: Bärtigen! - und Einflüsterer, Subversiven.
Daraus aber entstand das christliche Abendland.
Das hebräisch inspirierte Christentum unterspülte und überwand das starke, als unbesiegbar geltende Rom.
Wenn wir diese Geschichte auf unsere Zeit übertragen, sehen wir sofort, daß das christliche Abendland verschwunden ist.
Ein fundamentalistisches Amerika hat den Platz besetzt.
Christlich allerdings ist das Denken und Parteinehmen für die Schwachen, die Verlierer und Unterworfenen.
Der evangelikale Fundamentalismus der heute Tonangebenden und Regierenden ist so etwas wie ein amerikanischer Calvinismus, der sich den Erfolgreichen und nicht den Unterlegenen zurechnet.
Max Weber könnte heute seine Studien noch vertiefen, ohne ihre Erkenntnisse revidieren zu müssen.
Wenn der unüberwindbare amerikanische Imperialismus seine Feinde als die Bösen definiert, steigt er praktisch aus dem ur-christlichen Denken aus.
Auch das Hebräertum verstand sich ursprünglich aus der Sklaverei in Ägypten und seiner endlichen Befreiung durch Gottes Eingriff.
Die biblische Religion ist das Manifest der Befreiung aus der Sklaverei, nicht das der Unterdrückung.
Darum ist der aktuelle Mittelost-Krieg - ein us-fundamentalistischer Verdrängungs- und Vernichtungskreuzzug gegen den Islam - aus christlicher Sicht ein Frevel.
Er trifft nicht die reichen und mächtigen Scheichs, sondern die Ärmsten.
Die biblische Lehre ist ohne ihre befreienden klassenpolitischen Implikationen ein - wenn auch praktikables - Mißverständnis.
Von daher ist die teleologische Rolle Israels, das sich den Mächtigen zugewandt hat, höchst problematisch.
Der Islam, der sich kaum verteidigt, der sich nur halbherzig wehrt, steht seinem geschichtlichen Selbstverständnis nach auf einem ganz anderen Blatt.
Der Islam ist letztlich schwach, weil er sich auf seine ur-biblischen Wurzeln nicht so besinnt, daß er daraus Lehren ziehen könnte für die notwendige islamische Revolution, die zunächst eine innere Angelegenheit des Islams ist.
Die islamischen Völker sind verraten und verkauft, solange sie die Kumpanei zwischen inneren und äußeren Herrschaftsinteressen auf die leichte Schulter nehmen.