2003-01-30
Weimars größter Staatsmann?
Gustav Stresemann nach Oxford
Jonathan Wright, Gustav Stresemann. Weimar's Greatest Statesman. © Jonathan Wright. First published 2002. Oxford University Press
Solche Titel stellen Gegenwartsbezüge her, das wollen und sollen sie auch.
Halten wir uns an die nahen Tatsachen, an die deutsche Nachkriegsgeschichte, so können wir uns fragen, wer denn der Größte unter deren Politikern war, und da fallen mir nacheinander Konrad Adenauer und Helmut Kohl ein.
Niemand sonst.
Erfolg macht die Größe.
Der erste Bundeskanzler hat die Priorität.
Adenauer stellte unter historisch schwierigsten und zugleich glücklichen Bedingungen die Weichen für Deutschlands Fahrt in den Westen.
Helmut Kohl hängte vierzig Jahre später die Ostwaggons an diesen Zug, so daß ganz Deutschland nun zum Westen gehörte.
Es war die große Befreiung Deutschlands aus seiner mitteleuropäischen Enge und der russischen Versuchung.
Und dennoch ein Fehler?
Frankreich ist und war niemals oder nur vorübergehend ein Hoffnungssignal für Freiheit und Demokratie.
Die Hoffnung Frankreich hat de Gaulle begraben und haben die Sozialisten nicht wieder zu Leben erweckt.
Die de Gaulle'sche Verfassung nahm Frankreich das schöpferische Chaos und den revolutionären Impuls.
Mit de Gaulle kam ein altes Pfauen-Element in den Elysée zurück, das seither nicht wieder gegangen ist.
Nein, die Freiheitsgarantie für Deutschland kam aus Amerika, und ich hätte mir gewünscht, daß die Sozialdemokraten daran entschieden Anteil nehmen würden.
Das atlantische Bündnis lag deutscherseits nicht einmal bei der CDU insgesamt, sondern vor allem in den Händen der rheinischen Politik, die für das deutsch-amerikanische und das deutsch-französische Zusammengehen den historischen Geschmack mitbrachte.
In bezug auf Amerika sind auch die Bayern nicht so sicher, wie allgemein vielleicht angenommen wird.
Stresemanns wirtschaftliches Engagement lag in Sachsen, das zwischen Bayern und Polen von historischem Gewicht gewesen war. Eine andere Zeit?
Die Elbe ist nicht der Rhein, dessen geschichtliche Weitsicht und Fernweh den Deutschen immer gefehlt hat, obwohl sie den alten Strom besangen und zerträumten.
Das größte Unglück für eine weltoffene Politik waren und sind die Sozialdemokraten.
Als Stresemann das aufging, obwohl er es von vornherein wissen mußte, war es nicht zu spät. Um es zu korrigieren, blieb ihm nicht mehr die Zeit. Angesichts der faschistischen Folgen ist es heute müßig, über eventuelle Hoffnungsschimmer seiner Politik zu spekulieren.
Die kleinmütige SPD-Kampagne "Kohl muß weg" nahm die große "rheinische" Politik mit Erfolg ins Visier.
In der Tat ist es der Schröder-Regierung innerhalb kurzer Zeit gelungen, sich aus dem westlichen Bündnis ein Stück herauszuschälen.
Daß US-Präsident Bush dem einige Vorlagen schoß, ändert nichts daran, daß die deutsche Regierung darauf nicht hätte eingehen dürfen.
Schröder sollte man nicht unterschätzen.
Seine kindischen Eitelkeiten um Haarfarbe und Ehezustand, die den Kanzler sogar zu juristischen Mitteln greifen ließen, sind so etwas wie der Rauchvorhang, hinter dem eine neue Außenpolitik eingefädelt worden ist.
Nun kann man über geopolitische Fragen uneins sein, nur darf die Freiheit nicht vor die Hunde gehen, und dies geschieht permanent unter diesen und jenen Vorwänden.
Erschwerend kommt allerdings hinzu, daß auch Amerika inzwischen auf viele Freiheiten verzichten mußte.
Die Hauptquelle der neuen Unfreiheit ist das sogenannte Umweltbewußtsein, in dem der Mensch nicht mehr im Zentrum seiner Bemühungen steht, sondern als teuflische Gefahr für Natur samt Ressourcen monströs an der Wand hängt.
Vage "ökologisch" definierte Naturvorstellungen haben den Platz der Götter eingenommen, und der biblische Gott, der das Abendland begründete, muß inzwischen als die eigentliche Ursache aller Nöte und Katastrophen herhalten.
Ein historisches Werk, das sich mit Gustav Stresemann beschäftigt, muß berücksichtigen, daß unsere Welt nicht mehr im traditionellen Sinne politisch regiert und dirigiert wird.
Es schildert eine andere Welt.
Politik in deren Sinne bleibt heute an der Oberfläche, während metapolitische Ideologien quasi-religiös die Wertetafeln umgeschrieben haben.
Darunter aber leidet unsere vom Westen überkommene Freiheit am meisten.
Eine sozialdemokratische Außenpolitik, die sich und das Land innen-gesellschafts-wirtschafts-politisch "alternativ-ökologisch" umbaut, ist das tägliche Säurebad, in dem die Demokratie ihre Freiheiten versinken und sich auflösen sieht.
Eine "rot-grüne" Koalition, wie wir sie heute haben, war so ungefähr das Schlimmste, was den demokratischen Freiheiten in Deutschland passieren konnte.
Es ist ein spezifisch Deutsches, ein Mittelmaß im Denken und im Fühlen, das hierzulande autochthon nicht aufkommen läßt, was man politische oder geistige oder charakterliche Größe nennen könnte.
War Gustav Stresemann Weimars bedeutendster Staatsmann, so war er es auch unter diesen deutschen Bedingungen. Von politischer Größe vor der historischen Sonnenfinsternis zu sprechen, ist ohnehin bestenfalls akademisch.
Konrad Adenauer, der Größte und Einsamste, hatte den Rückhalt des Westens, der USA und Frankreichs, wobei wir uns die Briten immer als kritische Beobachter und Mitspieler, als bestenfalls wohlwollende Rivalen deutscher Politik vorstellen müssen.
Es ist gewiß kein Zufall, daß ein englischer Politikwissenschaftler zu diesem Zeitpunkt sich des Themas annahm und den Werk-Titel wählte.