2003-10-18
Druck, Enttäuschung, Niederlagen
Ein Ost-West-Vergleich zum Ernst des Reifens
Meine unglaubliche Trauer
Das hätte ich mir nicht träumen lassen, aber nun ist es eingetroffen, ich trauere um die verblichene DDR, nicht um den Staatsapparat, nicht um das System, aber um den Verlust, den die Menschen erlitten haben, die, wenn auch vielleicht absurden, Hoffnungen, die sie sich machten, meine Güte, dieser Palast der Republik, für dessen sofortigen Abriß ich war, den ich mir und uns allen heute erhalten möchte, obwohl es dazu nun wohl zu spät ist, denn da steht nur noch ein Gerippe, und der Ort, an dem die vielleicht wichtigste demokratische Entscheidung für die Wiedervereinigung Deutschlands getroffen wurde, soll nun ganz und gar verschwinden, als Anfangsgrund wurde eine angebliche Asbestverseuchung genannt, ein reiner Schmus für eine politische Entscheidung, denn asbestverseuchte Gebäude hat Berlin, im Westen vielleicht mehr als im Osten, in großer Zahl, neulich wurde zum Beispiel das noch relativ junge ICC am Funkturm erwähnt, für dessen Abriß oder auch nur Sanierung sich noch niemand stark gemacht hat.
Ja, ich trauere, wenn ich die Gesichter der Menschen sehe, die anfangs natürlich alle erst einmal unter Stasiverdacht standen, und ich bin zornig, wenn ich höre, daß die Leipziger Olympia-Bewerbung plötzlich mit einem Problem belastet sei, weil nämlich ein zuständiger Geschäftsführer irgendwas mit der Stasi zu tun gehabt haben soll.
Alter Mann, was nun, denke ich, doch der Mann ist nicht alt, sondern jung, ein 33-Jähriger, der, man rechnet, vielleicht als Schüler irgendwelche Vorgänge gemeldet hat, was ja in unserer heutigen Denunziantengesellschaft gar nichts Auffälliges sein sollte, und Polizeimeister und Olympiaaufsicht Otto Schily sieht nun die Vertrauensbasis beschädigt, wenn nicht entzogen, der selbe Schily, der eine Untersuchung der westdeutschen Politiker auf eventuelle Stasi-Verflechtungen hin, derer es ja eine ganze Menge gegeben haben soll, rigoros ablehnt und damit natürlich ein echtes Vertrauensproblem schafft.
Die Menschen "im Osten" sind irgendwie reifer, ernster und in sich stabiler als die Westdeutschen, nicht so aufgeregt, nicht so manipuliert, nicht so verfälscht, die merkwürdigen DDR-Verhältnisse scheinen jedenfalls die menschliche Substanz nicht sonderlich berührt zu haben, das muß nicht nur mir auffallen.
Vielleicht ist es aus den Niederlagen entstanden, aus den Enttäuschungen, und die Ostdeutschen von heute zeigen mehr demokratische Entschiedenheit und Courage als die in unverdienter Freiheit seelisch oft verkommenen Westdeutschen, was ich jetzt nicht verallgemeinern will, aber es gibt ein paar Auffälligkeiten, die im Ost-West-Vergleich auf ihre unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen zurückgeführt werden möchten.
Der Druck hat die Menschen offensichtlich nicht zerstört, sondern zur Freiheit erzogen und zur Wertschätzung der Vernunft.
Die Wiedervereinigung war - vor allem wirtschaftlich und währungspolitisch - als eine Bereicherung des Ostens gedacht, über die damit zusammen gekommenen Enttäuschungen müssen wir nicht reden, und die verheißene Freiheit hat inzwischen ihre deutschen Tücken an den Tag gelegt.
Die eigentliche Bereicherung sind die Menschen aus der ehemaligen DDR, und es mag manchen wundern, daß ich das so leicht sage, eine Bereicherung für das ganze Land, besonders für die Westdeutschen, die das aber noch gar nicht gemerkt zu haben scheinen.
In den Medien fällt mir auf, daß dieselben westdeutschen - einstigen - Freunde der DDR heute über die DDR-Menschen die Nase rümpfen.
Die falschen Freunde bleiben es eben auch, wenn der Wind gedreht hat.