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Wo lassen Sie denken · Où laissez-vous penser? · Rent a brain…

2003-08-04

Felix Pech

Mosaikpflaster ist uns keine Hilfe

Das ist klar, das versteht auch gleich jeder, der sich mit der Materie schon näher befaßt hat, denn eine gewisse Kompetenz ist schon erforderlich, wenn da einer mitreden will, und wer will das schließlich nicht, wenn der Club erst einmal beisammen sitzt und sich über sein neues Thema hermacht.

Mosaik, da denkt doch der Bibelkundige an den alten Mosheh, der bei Luther Mose heißt, und diese Verbindung ist ja nicht von ungefähr, weil die lange biblische Geschichte, analog geordnet, tatsächlich so etwas wie ein Mosaik ergibt, mit dem manches erst verständlich wird, was historisch sich vielleicht irgendwo verlieren würde.

Legen wir die kleinen Berliner Pflastersteine in eine Reihe, haben wir die Aufeinanderfolge von Steinen, wenn wir sie zeitlich verstehen - jeder Stein eine Minute oder ein Tag oder ein Jahr - und nach und nach abklappern, so haben wir die historische Darstellung, die uns aber nicht viel bedeutet, erst als Mosaik zusammen gefügt, zeigen die Steine den praktischen Sinn eines Pflasters.

Ebenso läßt sich ein Mosaik in seine Bestandteile zerlegen, anders ausgedrückt, kann ich die Zeitlosigkeit eines Mosaiks historisieren, indem ich es Stein um Stein aufreihe.

Die relative Zeitlosigkeit städtischen Lebens ist durch das Verlassen der Städte in die Geschichte zurück gekehrt, aber hier entstehen ein paar Absurditäten, weil die Stadt selbst als Gründungssymptom menschlicher Geschichtswerdung, wie die Erfindung der Schrift, schwerlich als geschichtslos definiert werden kann.

Nehmen wir uns hingegen den Begriff vor, das deutsche Wort "Geschichte", das englische "history", das vom lateinischen "historia" kommt, so haben wir jedesmal die Verbindung mit der Erzählung, mit den erzählten Geschichten.

Die Geschichtswerdung des Menschen ist demnach eng mit der Schrift verbunden.

Mit Hilfe der Schrift werden die erzählten Geschichten in Stein, auf Papyrusblättern, schließlich auf Papier festgehalten, so entsteht allmählich eine sichtbare, anfaßbare, in Regalen und Archiven feststellbare Tradition.

Der Städtebau schafft Zentren der Schrift-Kultur, von denen alles weitere künstlerische Bestreben ausgeht, Stadtbewohner sind in erster Linie Beamte, nämlich Schreiber, Verwalter und Ordnungshüter.

Das Zeitverständnis macht sich ursprünglich an den Gestirnen fest, verliert diese jedoch im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr aus den Augen, weil sich die Religiosität vom Himmel ab und den gebauten Stadttempeln und ihren Requisiten zuwendet.

Das Heilige ist nicht mehr außerirdisch, sondern in den Innenraum verlagert worden; daß Israel kein Königtum, keinen Tempel haben, nicht sehen (und lesen?), sondern hören sollte, war der - gescheiterte - Versuch Gottes, die Stadt abzuwenden und das natürliche Leben unter den Sternen zu retten.

Der Gott vom Sinai ist nicht allmächtig, sondern ein immer wieder resignierender, wechselnd zorniger und liebevoller Vater.

Der Herr der Geschichte ist ein Störfaktor, der nicht aufgibt, aber auch nicht wirklich siegreich ist und sein kann, weil andere Götter keine Bündnisse mit Menschen schlossen und darum unabhängig blieben.

Die Rücksichtslosigkeit, die dem Gott vom Sinai so gern zugeschrieben wird, ist gerade seinen erfolgreicheren Feinden und Rivalen eigen.

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