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Wo lassen Sie denken · Où laissez-vous penser? · Rent a brain…

2003-07-31

Felix Pech

Heerstraße

Dazu gibt es einiges zu sagen, was so einfällt, ein paar Wohnadressen, Krankenhäuser, Flüchtlingslager, Erste Hilfe nach einem Unfall.

Spandau war eine Zuflucht für viele aus dem Osten. Die Stadt wollte uns aus der Mitte heraus haben.

Später kamen öfters solche Vorschläge, diejenigen, die nicht ins gesellschaftsideologische Bild paßten, an die Stadtränder abzuschieben.

Heute ist es Marzahn, Hellersdorf, Biesdorf, wo Weddinger Nachbarn mal eine Laube hatten.

Die Zeit der Arbeiter ist vorbei, jedenfalls, was ihre Wertschätzung angeht, das Ausbeuterpack hat diese vorerst letzte Runde haushoch gewonnen.

Unser Spandauer Lagerplatz gehörte zu einer Baufirma, nebenan gleich das Zigeunerlager.

Die Havel und die vielen Raben aus Rußland, wenn es dort zu kalt wurde.

In Staaken lebten wir lange Zeit, es war die Zeit um den 17. Juni 1953 herum, vor- und nachher, in einem Barackenlager, danke fürs Zuschauen.

Das haben andere schon besser erzählt.

Es ist immer dasselbe.

Ich kann nicht einmal sagen, daß wir verraten wurden, wir waren nie deren Fall, außerdem lagen wir quer, kein Wunder.

Wir haben keinen Grund, uns deshalb zu beklagen.

Unser Karma, wie manche sagen, unser Schicksal, unsere Bestimmung, unser Reinfall, als wir geboren wurden, so ist es nun mal, und wir haben das Beste daraus zu machen versucht, mit großem Erfolg.

Kismet ist die Wahl, die Einer über uns traf, über uns, für uns, gegen uns, eigentlich haben wir's doch ganz gut getroffen.

Wir haben uns die Stimmung nicht nehmen lassen, warum auch, wir waren schon so gestrickt, daß wir uns wohlfühlten, wo andere jammerten und sich unnötig das Leben schwer machten.

In der Heerstraße sah ich Tränen und das Ende unserer Stadt, und das Kleeblatt muß in der Nähe gewesen sein, das Denkmal für die russischen Soldaten, die nicht auf die Arbeiter vom 17. Juni schießen wollten, und hinterher heißt es, die habe es gar nicht gegeben, das war Propaganda, angeblich, die nehmen uns auch noch das letzte Licht.

Vielleicht war es nicht in der Nähe, aber in meiner Erinnerung paßt das alles zusammen, Nikolassee, die Dreilindenstraße, das Autobahn-Kleeblatt, das Gymnasium und das DRK-Flüchtlingslager in einer alten Villa, und die Heerstraße in Spandau, wohin wir danach verlagert wurden.

Wir waren Packzeug, Mau-Mau, Nichtse minus, weniger als nicht vorhanden, denn wir störten die Landschaft oder die Stadtschaft und waren obendrein dankbar für alles, das man uns antat, täglich, in der Art, wie wir in den Akten vorkamen.

Wir waren Menschen Dritter oder Vierter Klasse in deren Augen, die uns nicht das Wasser reichen konnten, das hat uns stolz und stark und innerlich reich gemacht, uns konnte jetzt keener mehr, uns konnten se alle.

Damals hatten wir Gott noch nicht entdeckt, obwohl wir viel lasen, wahrscheinlich hatte er bereits ein Auge auf uns.

Kismet war unser Schlängelweg aus dem Allerärgsten.

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