2003-03-06
Berlin hat die Besatzung gewechselt
Eine unauffällige Geschichte
Die neuen Antagonismen / Die Avantgarde der Avantgarde und ihre neuen Kontrahenten
Das ist eine merkwürdige Erfahrung.
Du fühlst dich auf einmal als Fremder.
Eines Morgens entdeckst du diese Fremdheit wie einer, der ausgestoßen wurde.
Nicht daß die Generationen wechseln.
Die Sache ist viel vertrackter.
Vieles kam herein, was wir überwunden glaubten.
Unsere generöse Aufnahmebereitschaft für alles Neue und Fremde war doch ehrlich gemeint, war wirklich echt.
Es war unsere Überzeugung, daß unser Land allen gehört, das war zwar in anderen Ländern keineswegs so, aber wir gaben damit doch ein gutes Beispiel, irgendwann würde die ganze Welt so denken.
Tatsächlich aber haben die Eingeladenen inzwischen die Gastgeber verdrängt.
Das ist keine oberflächliche Feststellung, sondern geht wirklich sehr tief.
Wir hatten den Firlefanz der modernen Industriegesellschaft durchschaut, fielen auf ihre Verlockungen nicht mehr herein.
Wir waren immun geworden gegen diese Fassadenkultur, und wir glaubten, wenn wir die Dritte Welt hier hereinlassen, kommt die Echtheit und Schlichtheit zu uns.
Die Vereinfachung des Lebens bringt uns die Wahrhaftigkeit wieder, die uns abhanden gekommen war.
Doch mit den Gästen, Einwanderern, Zuwanderern aus Süd und Ost kam viel alter Gedankenplunder wieder zu uns.
Wir hatten nicht daran gedacht, daß diese Leute genau das suchten und sich wünschten, was wir hatten und inzwischen verpönten.
In deren Augen mußten wir undankbar und unzivilisert erscheinen.
In unserer Sicht waren wir die Spitze einer Überwindungsgeschichte.
Die Soziologen und etablierten Wettermacher hatten es doch ständig parat, dieses Soziozentrische.
Die moderne Gesellschaft war und ist die Avantgarde der Menschheitsgeschichte.
Wir aber waren die aufgeklärte und resignierende Avantgarde dieser Avantgarde.
Die Vereinigten Staaten wurden nicht erst an jenem dramatischen Septembertag aus ihrer selbstgefälligen Sicherheit gestört.
Die lateinischen und asiatischen Zuwanderer brachten es mit sich, daß Amerika eines Tages entdecken mußte: nicht einmal die Staatssprache Englisch ist gesichert.
Jetzt kommt das Spanische und das Arabische und das Pazifische... über sie und damit natürlich der Zug in den Wohlstand, in den scheinbaren Reichtum für alle der amerikanischen Gesellschaft.
Die Zerstörung des World Trade Centers schien diesen Trend umzukehren:
Wir wollen nicht mehr so sein wie ihr, wir werden auch euch den Hochmut nehmen...
Die neuen Pläne für den Wiederaufbau über dem Ground Zero sprechen allerdings nicht für eine weise Zurücknahme der soeben angeschlagenen alten Hybris, nicht für den Erfolg jenes neuen Trends.
Vielmehr ist anzunehmen, daß die frenetischen Zuwanderer aus den Schwellen- und Entwicklungsländern den unbegrenzten Trieb in die grenzenlosen Wolken erheblich verstärkt haben.
Und hierzulande - in diesem Deutschland - werden eines Tages die eingebürgerten Türken und Russen die fanatischsten Deutschen sein, die mit legerer Selbstverständlichkeit ihr 1945 verlorenes Land zurückfordern, während die alten Deutschen des alten Europas längst auf alles verzichtet, auch gar keinen Bock mehr darauf haben.
Die Neudeutschen kennen die Hemmungen der Altdeutschen nicht.
Und untereinander werden die Turkodeutschen mit den Russodeutschen ein paar Besitzansprüche auszufechten haben.
Deutschland als Davidsland ist gar nichts dagegen.
Eurasien hat viele Gesichter, darunter das russische und das türkische.
Der Ausgang des inneren Migrantenstreits wird maßgeblich vom Atommachtstatus Rußlands - und Frankreichs? - abhängen.
Wenn nicht Amerika sich die Europafrage inzwischen wieder anders überlegt.