2003-02-20
Arzt im Sozialismus
Nach Hörensagen
Die Frau zog sich noch die Läuse aus dem langen schwarzen Haar, da hielt der Lastwagen am Funkturm, und wir sprangen ab. Jemand warf uns einen Sack Kartoffeln nach, der uns gar nicht gehörte. Mein Mentor, ich lachte ihn aus, aber er wußte, wie wertvoll Kartoffeln geworden waren. Wir schleppten den Sack durch die Stadt. Als wir ankamen, war die Freude groß. Ich hatte soeben mit der neuen Realität Bekanntschaft gemacht.
Das ist nicht wahr. Seit Monaten lebten wir in großer Not, allerdings auch in wechselnden Welten. In jeder neuen fingen wir wieder von vorn an, will es mir heute scheinen. Die Erfahrungen der einen Zeit gingen nicht in die andere über.
Die erste Nacht verbrachten wir auf den Stufen der Messehallen. An den Kartoffelsack gelehnt, träumten wir uns in die Bilder des immer noch frühen Nachkriegshimmels. Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daß eine Sternenwelt unsere Schlaflosigkeit erleuchtete.
Morgens fuhr die Straßenbahn, sie brachte uns von der Kantstraße zum Bahnhof Zoo. Dann nahmen wir die U-Bahn. Es war Ende August 1945. Wir kamen aus Seifhennersdorf, über das völlig zerstörte, wirklich bedauernswerte Dresden nach Berlin. Ein Zug hatte uns nach Wittenberg gebracht. Von dort nahm uns ein offener Lastwagen mit. So kamen wir nach Berlin. Hier war vieles zerbombt, und doch schien Berlin, verglichen mit Dresden, irgendwie intakt zu sein. Daß Straßenbahn und U-Bahn fuhren, war uns wie ein Wunder.
Mutter wohnte mit meinem Bruder in Niederschönhausen in der Grabbe-Allee, der früheren Lindenstraße. Mein Vater war seit einer Woche verschwunden. An Mutters Geburtstag stand ein Polizist vor der Wohnungstür. Vater war nicht zuhause. Er sollte sich auf dem Revier melden. Mutter riet davon ab, er möge doch untertauchen oder nach dem Westen abhauen, aber Vater hatte ein gutes Gewissen, er hatte nichts ausgefressen. Drei Jahre später sahen wir ihn wieder. Für mich waren inzwischen fünf Jahre vergangen. 1943 sah ich ihn zum letzten Mal.
Sie wohnten in zwei Zimmern einer Vierzimmerwohnung im dritten Stock des Vorderhauses. Nun kam ich hinzu. Mein Mentor verließ uns nach einigen Tagen, nicht ohne einen verschlossenen Schrank, der in dem einen Zimmer stand, aufgebrochen zu haben. Mutter erschrak über so viel Dreistigkeit. Doch der Mentor meinte, daß die Besitzer nicht wiederkehren würden. Wahrscheinlich waren sie längst tot. Irgendetwas nahm er mit, mir ist so, als wär's eine Kamera gewesen. Da trennten sich unsere Wege, schieden zwei Welten voneinander, ohne daß mir das damals schon klar war.
Einsichten und Erleuchtungen kommen vor der Zeit oder lange danach. Damals mußte das Kind erst in den Brunnen fallen, ehe Vorsichtsmaßnahmen ergriffen wurden, und auch die erst Jahre danach. Der Mentor hatte bis dahin die Vaterstelle vertreten. Die Hauptmieter waren verschollen oder lebten irgendwo, wir wußten es nicht. Die anderen zwei Zimmer wurden von einer Frau mit Kind, deren Mann noch in Kriegsgefangenschaft war, und ihrer Schwester bewohnt, zu der auch noch eine Freundin gezogen war.
Zwei Schuljahre, drei Lehrjahre. In der Zwischenzeit kehrte Vater körperlich zerstört, aber geistig rege zurück. Eines Tages kamen auch die Hauptmieter, denen nun ein Zimmer, später ein weiteres freigemacht werden mußten. Wir fanden in der Nachbarschaft ein paar Häuser weiter eine andere Wohnung mit Hauswartstelle.
Die Fribes waren eine alte Nazifamilie und zugleich ein tragischer Fall. Zwei der drei Söhne waren im Krieg gefallen. Der dritte studierte in Kiel Medizin. Seine Mutter zog schon voraus nach Berlin, ging hier putzen, um davon das Studium ihres Jüngsten und Letzten zu finanzieren.
Die Tragik reichte aber weiter zurück.
In Ulm lebten sie in einem alten Schloß. Ihr Mann bekleidete einen hohen Parteiposten, irgendwas in der Nähe eines Gauleiters.
Er bekam aus mir nicht bekannten Gründen Ärger mit der Gestapo, die ihn verhaften wollte. Als die bewaffnete Kolonne in Zivil und Uniform vorfuhr und ins Haus trat, kam Vater Fribe den Männern schon entgegen. Er schritt die breite Treppe herab, nahm seine Pistole, erschoß sich und stürzte die Steinstufen hinunter. In diesem Moment verfluchte Mutter Fribe die Nazis, zu denen sie bis eben gehörte und denen sie allen Wohlstand, all das schöne Leben zu verdanken hatte.
Der jüngste Sohn überlebte als junger Wehrmachtsoffizier. Eine Bilderbuchfamilie des aufgestiegenen Nationalsozialismus. Die Frau hatte ihren Mann und zwei Söhne verloren.
Jungfribe studierte in Kiel, ging anschließend nach Berlin. Nun wohnten wir alle in der Wohnung.
An einem Vormittag boxte er meinen Bruder nieder. Damit hatte Jungfribe aber sein Leben besiegelt.
Fribe war als junger Assistenzarzt gerade in Buch angekommen, verdiente 320 Mark, für die es nicht viel gab. Es muß 1951 gewesen sein, und fünfzig Jahre später wohnt er immer noch in seiner alten Wohnung, die er nach dem Krieg von seiner Mutter übernahm.
Er war der jüngste von drei Brüdern, die beiden älteren fielen an der Front, er blieb zurück. Weil er seine verwitwete Mutter nicht im Stich lassen wollte, ließ er sein Mädchen laufen. Sie wollten heiraten. Die Mutter wollte es, aber er ließ die Verlobte im Stich. Das verstand damals niemand.
So fällt diese Mischung auf, aus Strenge, Selbstdisziplin und sensibler Ängstlichkeit.
Er konnte nicht zusehen, wenn ein Kaninchen geschlachtet wurde, kam erst wieder vorbei, als das Tier schon tot war.
Im Gespräch zeigte er sich kultiviert, gebildet, offenherzig. Der Offizier in ihm lag knapp unter der Haut, anstudiert wie der Chirurg und schnell wieder weg.
Die Kieler Studienjahre waren seine schönste und glücklichste Zeit. Daß er nach Ostberlin zurück kam, weil die Wohnung hier lag, schien im privaten Rahmen vernünftig zu sein.
Vielleicht ist darin sein politisches Geheimnis. Als Demokrat wäre er im Westen geblieben. Er ging in den Osten, weil dort seine alte Mutter auf ihn wartete.
Er ging als Deutscher in den Osten unter ein Regime, das dem ähnlich war, unter welchem seine Familie die schönsten Jahre und die trübsten Erfahrungen mitgemacht hatte.
Wem die eine Diktatur ans Herz gewachsen war, der fühlte sich auch unter der anderen wohler als in der Demokratie. Die offene Gesellschaft mußte ihm fremd sein.
Ein Offizier kennt Befehlsstrukturen in zwei Richtungen, von welchen die eine er passiv erduldet und akzeptiert, die andere aber aktiv bedient.
Die Radfahrernatur - oben bücken, unten treten - ist das angeborene oder jedenfalls angedrillte Offizierspatent.
So funktioniert eine Armee, und so funktionierte der nationalsozialistische Wehrmachtsoffizier und sozialistische Assistenzarzt Fribe, als er auf den halbstarken G. einboxte, weil der ein bißchen laut gewesen war.
Das war nicht feige, das war Oberleutnant Fribes Naturell.
Ich schritt nicht dagegen ein. Was hielt mich zurück? Ein Streit unter Brüdern fand seine Fortsetzung, Fribe wurde zum verlängerten Arm.
Später mache ich mir ernste Gedanken über einen frühen Brudertod.