2002-07-30
1975 wurde Erich Knapp - bis dahin Presse- und Kulturattaché der deutschen Botschaft in Kairo - aus dem Diplomatischen Dienst entlassen. Ein Vierteljahrhundert später verurteilte ein Berliner Gericht den kuckuck-Herausgeber Horst Lummert wegen "Volksverhetzung" zu einer Geldstrafe in Höhe von rund 2000 Mark. Die Betroffenen reagierten auf ihre je eigene Weise. Die Vorgänge sind umfassend und detailliert auf unserer WebSite dokumentiert worden. Beide Fälle sind miteinander verwoben.
Was wäre wenn I und II...
Wir haben einen imaginären Rollentausch vorgenommen. Lummert erlebt in Kairo seinen Abschied, Knapp wird in Berlin wegen Volksverhetzung verurteilt. Wie hätten sie jeweils reagiert? Jeder erzählt seine eigene Geschichte.
Was Besseres konnte mir nicht passieren. Ich muß nur sehen, daß ich mich unauffällig aus dem Staub mache. Wie will ich jetzt heißen? An meinen vielen bekannten Namen wäre ich leicht zu erkennen. Nein, tarnen werde ich mich nicht. Meine Namen sind Spielfiguren, kein Ersatz meiner selbst. Ich verstecke mich nicht, tauche nicht unter, es würde nicht zu mir passen.
Ich werde zum Islam übertreten, vorher jedoch eine Geldquelle aufmachen. Ich gehe nicht als Berater in die arabische Politik, sondern steige ins Geschäft ein. Krumme oder gerade Sachen, egal. Ich werde nirgend wohin übertreten, werde niemanden beraten und in kein Geschäft einsteigen. Ich bin meine eigene Firma, ganz gleich, was dabei herauskommt.
Vielleicht finde ich eine passende Frau. Bei den Hiesigen muß ich vorsichtig sein. Ich darf sie nicht entehren. Mal sehen, wie ich es anstelle. Das alles werde ich unterlassen.
Waffengeschäft, Opium, Haschisch, nein, was Unauffälliges. Ich mache den Trittbrettfahrer, egal was, Hauptsache mitfahren. Blödsinn, das alles liegt mir nicht.
Ich gehe verschütt. Madame wird staunen, wenn sie ihren Diplomaten gleich zweimal verliert. Die Kinder ihren Kulturattaché. Kultur machte sich gut. Ich werde meine Familie nicht im Stich lassen.
Daß die darauf reingefallen sind! Zuletzt haben sie mich fast ausgetrickst. Ich wollte sie am Nasenring rumführen, wie nur, wie konnte ich so blöd sein, es nicht zu merken. Aber ich habe es geahnt.
Ich war der Einzige, der bis zuletzt nicht wußte, daß meine Stunde schon vor einem Jahr geschlagen hatte. Dennoch kam ich ihnen zuvor.
Ich gebe es zu, hab's zu weit getrieben, wollte den ganzen Laden umkrempeln und alle Nazis feuern, dann hätte ich aber alles alleine machen müssen. So was überlegt man oft nicht richtig.
Meine Güte, ist das schön hier, und ich bin frei, endlich raus aus dem ganzen Schwindel. Herr Diplomat, ist doch alles Scheiße.
Ich war nie ein Diplomat, und wenn ich ehrlich bin, muß ich zugeben, daß die politische Geschichte mir doch sehr gelegen kam. Ich selbst hatte sie angedreht, hatte sie bald nicht mehr unter Kontrolle.
Ich wußte, daß ich beruflich keine Niete war, aber auch nicht sonderlich engagiert. Vorsorgen hätte ich können. Eine Vorsorgeversicherung abschließen für alle Fälle? Lächerlich. Ich liebe das Risiko und trieb alles auf die Spitze. Ich wollte sie bis zum Letzten reizen und in allerletzter Minute abspringen. Ich brachte sie um die Früchte ihrer Intrigen. Einen Hakal feuert man nicht, der geht von selbst.
Ein guter Journalist, na ja, war ich vielleicht, vielleicht auch nicht. Als Redakteur, egal wo, wollte ich die ganze Welt verändern.
Die ließ sich nicht verändern, und ich machte mich zum Clown. Oder auch nicht.
Selbständig, frei arbeiten... Davon hielt mich nicht nur die Botschaft, sondern - im Apparat - auch mein Genius ab. Ich gab immer mehr, als ich kriegen konnte. Ich weiß gar nicht, von wem ich das geerbt habe. Ich gab privat reichlich Trinkgeld, sparte nicht an Briefmarken. Ich nahm im Amt keine Geschenke an und war in Geldpflichten penibel. Ich hätte mich geschämt, vom Staat mehr zu nehmen, als mir zustand.
Das war weder diplomatisch noch upperclass. Umwerfend generös demonstrierte ich meine proletarische Unabhängigkeit. Beamte sind geizig und denken in jeder freien Minute an ihre Altersversorgung. Ich war großzügig - nicht verschwenderisch - und wußte, daß es Gott so gefiel. Meine Altersversorgung war messianisch getönt.
Ich hatte nichts geerbt, kannte keine Geldsorgen und wirkte wie einer, der's nicht nötig hat. Jede Knauserigkeit, das A und O des gesellschaftlichen Aufstiegs, ging mir ab.
Wenn ich Informationen mitnahm, mußte es was handfest Phänomenales sein. Mit ein paar Briefdurchschlägen war nichts zu gewinnen, aber ein Ruf zu verlieren.
Ach, hör doch auf mit diesem Quatsch. Mein Ruf, das war kein Ruf, nicht einmal ein Ruch. Mir lag auch gar nicht daran, nicht an dem, was sie meinten. Ich schätzte mich niemals nach ihren Maßstäben ein, ich wollte nur frei und unabhängig sein. Das war mein Maß. Bloß raus aus dem blöden Laden.
Den meisten galt ich als junger Nachwuchs, der sich noch die Hörner abstoßen mußte. Das lief schon über Jahre.
Mit 45 stößt man kräftig zu und nicht die Hörner ab. Das war alles nichts.
Natürlich wollte ich Karriere machen, ins Ausland gehen, ein freies Leben führen. Doch Freiheit war draußen, nicht in diesem sturen Apparat.
Solange ich jung war, mochten mich alle, die jungen Kolleginnen gingen mit mir durch Dick und Dünn.
Irgendwann durchschauten sie mich als Überflieger, wurzellosen Zigeuner und Juden, der ihnen am meisten zu schaffen machte. Auf ihrer Wertetafel stand ich ganz unten. Nach meiner waren sie die Versager. Das sind sie auch nicht mehr los geworden.
Ein Glück, daß ich das alles hinter mir habe. Wir lebten in verschiedenen Welten.
Interne Post weitergegeben? Na und! Hätte ich's doch getan! Nein, ich hätte es nicht getan, es lag mir nicht. Ich wollte korrekt sein und korrekt erscheinen. Daran war mir gelegen.
Geheimnisse verraten? Was für Geheimnisse? Das bißchen, was ich wußte, war kein Geheimnis.
Was die Spatzen von den Dächern pfeifen, ist kein Geheimnis. Andererseits hätte ich Verstöße gegen Gottes Gesetz, heißt: gegen Ehre und Würde des Menschen, nicht für mich behalten. Die offene Gesellschaft war mir in Fleisch und Blut übergegangen.
Die wollten mich loswerden, und nach meinen Regeln wurden sie mich los. Das war ich mir schuldig.
Ich mußte auf mein Gesicht achten, mußte meinen Grundsätzen treu bleiben.
In den Augen meiner Feinde hatte ich viele Gesichter. Ich war viel herumgekommen. Alles färbt ein wenig ab.
Beim Bäcker hast du Mehl auf der Jacke, beim Fischhändler riechst du nach Fisch.
Wer mit Rindern zu tun hat, guckt bald wie sie.
Die Zigarettenfabrik ist mit dem Flavour in jedem Anzug.
Ist das schön! Dieser Himmel, die Rufe zum Gebet, der Bazar, hier könnte ich untertauchen, man würde mich vergessen. Doch mich vergißt man nicht.
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