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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-07-10
Mit Geschichten, die das Leben schrieb, konnten Rundfunksender ihre Abende füllen. Lebensgeschichten ist ein Plural, der sich jedes Einzelnen annimmt.
Die Geschichte der Menschheit wird uns nicht erzählt. Wir lesen, als würden wir die Ereignisse mit- und nacherleben.
Mit Biografien ist es nicht anders als mit der politischen oder der Kultur-Geschichte. Im Vergleich kommt der Kulturgeschichte eine höhere Authentizität zu.
Die politische Geschichte stützt sich auf politische Geschichte, auf Wortdokumente, zeitgenössische Betrachtungen, Literatur, subjektiv verfaßte Berichte, die der Analyse und Auswertung bedürfen.
Kulturgeschichte ist meist die Geschichte von Kunstwerken, auch ihrer späteren Wanderungen von Besitzer zu Besitzer. Skulpturen, Gemälde, Architektur sind Spurenfragmente ihrer Meister, anders als Texte liegen sie gewöhnlich im Original vor.
Originale Texte sind rar, schwer zugänglich. Literatur ist durch Sammler, alte Bibliotheken, Übersetzer, Neuverleger überliefert.
Dennoch ergibt sich die Frage, ob der konzeptionell gedachte Unterschied so relevant ist wie zunächst angenommen.
Was durch Menschenhände ging, trägt ihre Spuren. Überlieferung ohne Menschenhand ist ein Unding.
Das relativiert alle und jede Geschichte. Besonders Familiengeschichten tragen diese unverkennbaren Spuren.
Subjektivitäten sind grausam.
In der Korrespondenz schreibt jeder seine Briefe. Die selbe Faktenlage ist mit der Zahl ihrer Betrachter zu einer langen Reihe von Faktenlagen geworden. Die Lage an sich liegt nicht vor. Objektivitäten bleiben uns verborgen, obwohl wir ihrer ständig teilhaftig sind.
Wir lieben die Lektüre, weil sie uns zuspricht, weil sie unseren Wünschen und Vorurteilen entgegen kommt. Wir hassen die Lektüre, wenn sie unser Weltbild zerstört.
Es wird uns zum Vergnügen, unseren Untergang in den Darstellungen unserer Feinde zu erleben.
Alles hängt von unserer Stimmung ab.
Wer so liest, ist gerettet.
Dennoch bleibt, daß ein Autor beim Schreiben das Gefühl nicht los wird, nicht der Autor zu sein. Er spürt einen inneren oder äußeren Antrieb, den er sich nicht erklären kann.
Entweder meldet sich sein Freudsches Es zu Wort oder ein verborgenes Über-Ich.
Ist das Über-Ich eine Projektion des Ich, mithin seiner selbst, oder erlebt der Autor einen transzendentalen Eingriff in sein Denken und Fühlen, der sich in der Sprache via Schrift kundtut, die "von oben" kommt.
Folgt man der Auffassung der antiken Denkkulturen, so ist die Schrift göttlicher Herkunft. Im Geschriebenen, und sei es noch so banal, sind die Spuren Gottes.
Je näher der Schreiber dieser Wahrheit, desto intensiver ist das merkwürdige Erleben, nicht Herr der eigenen Schriften zu sein.
Das relativiert die Relativität. Die Unterschiede kommen wieder zur Geltung, nachdem sie eingangs vernachlässigt wurden, ohne daß dabei an ein Experiment gedacht worden wäre.
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