free download kokhavivpublications.com Styleskji newcatch.com

Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-06-10

Unger Varnsdorf

Die unüberwindbaren Unterschiede

Was nicht gern gesagt wird

Geistige Unterschiede werden gewöhnlich nicht erwähnt, weil diejenigen, deren Herz voll ist, nicht darüber sprechen möchten. Meist wird dabei auch nur an individuelle Unterschiede gedacht.

Die natürlichen Differenzen lassen sich politisch nutzen und mißbrauchen. Eine zunächst harmlose, vielleicht nur altersbedingte Unbelehrbarkeit wird zur gesellschaftlichen Systematik, ist nicht mehr nur eine individuelle Begrenztheit, auch Begabte lassen sich in Dummköpfe verwandeln, wenn die Propaganda es so will.

Jedes gesellschaftliche System gliedert sich in Hierarchien, Klassen und Schichten. Klassen stehen in einem hierarchischen Verhältnis zueinander, das gilt ebenso für Schichten, die als Untergliederungen der Klassen verstanden werden. Jede Klasse und jede Schicht sind in sich noch einmal hierarchisch geordnet.

Eine Hierarchie ist geschichtlich entstanden. Der Bildung von Über- und Unterordnung gehen Machtkämpfe voraus. Die Streit- bzw. Konkurrenzmotive gleichen meist denen, die in befriedeter Zeit als Richtlinien dienen.

Die Motive verdanken sich Wertesystemen, die gewöhnlich auf eine Vorgeschichte zurückgeführt werden.

Wo in einer Gesellschaft gegensätzliche Wertmaßstäbe miteinander fechten, stehen wir vor einem latenten Bürgerkrieg, der aus mobilisierendem Anlaß - je nach "Gemenge-Lage" - bedrohliche Gestalt annehmen kann.

Gegensätzliche Wertesysteme sind etwa a) das geistige Judentum bzw. die bibelgeschichtliche Tradition und b) die NS-Weltanschauung.

Die Widersprüche sind historisch frappant, aber bereits von ihren leitenden Prinzipien her unübersehbar antagonistisch.

In der jüdischen Familientradition und ihrer ideellen Hierarchie besetzt der Schriftgelehrte und Torahweise den höchsten Rang.

Der jüdische Geist steht an der Spitze des jüdischen Volkes nach dessen spezifischem Selbstverständnis. Der jüdische Intellektuelle, der dem religiösen Judentum entwuchs, ist gleichwohl ein Kind dieser ehrwürdigen jüdischen Geistesgeschichte.

Im NS-Germanentum gelten gegensätzliche Auffassungen. Von Hitler ist der Satz überliefert: "Ein Deutscher kann kein Intellektueller sein." Die nationalsozialistische Weltanschauung propagiert den blonden, blauäugigen Athleten und Kriegshelden als Prototyp des Germanentums.

Max Schmeling und Marcel Reich-Ranicki sind Gegensätze, wie sie im Buche stehen. Der eine boxt für Deutschland, der andere liest, denkt, schreibt im Geiste der Sprache und der ihr eigenen Wahrheit.

Die Talmudisten sagen, mit der Torah kam der Haß in die Welt. Die Menschen lieben die Wahrheit nicht.

In der Welt der Boxer gilt der Literaturkritiker nichts. Die Literaturkritik nimmt den Boxring nicht oder allenfalls mit Humor, kulturpessimistisch und sarkastisch zur Kenntnis. Der Kritiker weiß sich über den Gegenstand seiner Kritik erhaben. Andererseits hat er gegen die Fäuste des Boxers mit dem Killerinstinkt keine Chance.

Während das deutsche Studentenkorps auf dem Paukboden sich die Schädel einschlug, seine Kindergesichter ins Heldische entstellte und Bier aus Stiefeln soff, gingen die jungen Juden ihren Studien nach und arbeiteten fürs nächste Examen.

In diesen Tagen sind die alten Gegensätze wieder aufgebrochen. Und wie es ausschaut, bahnt sich damit ein Wertewechsel in Deutschland, aber auch in Europa an.

Die Angriffe auf Reich-Ranicki orientieren sich - man höre - an seiner Aussprache und an seiner Nase, sie entdecken an dem gewitzten Kritiker Nachklänge des Jiddischen und jüdische Machtgelüste...

Es gehört offenbar wieder zum guten Ton, Todeswünsche gegen einen Juden auszustoßen und seelenruhig zu diskutieren.

Der Mann soll in seiner menschlichen Integrität getroffen und vernichtet werden. Dieser freche Jude hat es gewagt, deutsche Literatur der Gegenwart - verdientermaßen - in Grund und Boden zu kritisieren und Langeweile zu kürzen.

Welchen Haß im Lande der Dichter und Denker Kritik hervorrufen kann, erleben wir nicht zum ersten Mal, und man soll sich bloß keine Mühe geben, den darin geäußerten deutsch-jüdischen Widerspruch unter den Teppich zu kehren.

Wer hat das Sagen in Deutschland, in welchem Geiste wird in Deutschland gedacht, gesprochen, geschrieben und argumentiert?

Im Geiste des Boxsports oder im Geiste der kritischen Wahrheit in der Literatur?

Wer gibt in der Gruppe den Ton an, wer übernimmt die Führung, auf wen wird gehört: auf den geistig oder auf den körperlich Überlegenen?

Die Antwort gibt Auskunft über den zivilisatorischen Zustand eines Landes und seiner Bevölkerung.

In Deutschland können wir die Frage ohne viel Nachdenkens, wie aus dem Schlaf richtig beantworten.

kokhaviv publications > Styleskji

© Copyright 1999 - 2002 kokhaviv publications