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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-06-07
Als der ägyptische Gott Thot die Schrift erfand, lobte er sie über die Maßen als einen Sieg übers Vergessen.
Der babylonische Gott Tamuz aber sagte, die Schrift ersetze die Erinnerung und speichere das Wissen. Die Menschen werden alles vergessen, weil sie nun den Schriften vertrauen.
Wer nicht lesen konnte, mußte auswendig lernen. Noch heute gibt es in islamischen Ländern Menschen, die den Quran Wort für Wort aus dem Gedächtnis aufsagen können. Sie haben nur gehört und nicht vergessen.
Die Schrift setzt ihre Kenntnis voraus. Die Elektronik beschert uns ein ähnliches Phänomen, das zum Problem werden könnte.
Es beginnt mit der einfachen Telefonnummer. In jedem "Handy" läßt sie sich speichern. Eine gespeicherte Nummer muß ich mir nicht merken. Mit der Zeit vergesse ich sie. Verliere ich mein Handy, verliere ich den gesamten Nummernspeicher und also mein Gedächtnis.
Dies ist exemplarisch für jeden Computer, jede elektronisch gesteuerte Anlage, exemplarisch für unser Dasein im elektronischen Zeitalter. Das Wissen ist nur am Anfang.
Die Installation und Konfigurierung entspricht dem Erlernen des Alphabets im Zeitalter des Buchwissens unter der Ägide einer neuen speziellen Schriftgelehrsamkeit.
Die Arbeit am Computer beginnt mit der Nutzung der angebotenen Hilfen und Bequemlichkeiten. Die "Handy-Nummer" gilt auch hier, und sie gilt um so dringlicher und dramatischer.
Das Drama spitzt sich mit der Weiterentwicklung zu. Der elektronische Fortschritt ist eine fortschreitende Differenzierung. Die kleinsten Einheiten werden kleiner und winziger.
Die Konfiguration erfolgt zunächst aus menschlichem Wissen. Der Mensch ist ja der Erfinder des Computers, d.h. der praktischen Anwendung elektronischen Wissens. Der Mensch hat jedes Bausteinchen irgendwann in der Hand gehabt, aber wie der Maurer vergißt er diese Kleinigkeit, wenn das Gebäude fertig vor uns steht. Der Vergleich hinkt gleichwohl, weil ein Haus verhältnismäßig übersichtlich bleibt und auch jetzt "verstanden" werden kann.
Der Computer ist unersättlich. Das Haus steht still, unterliegt nur den natürlichen Verfallserscheinungen der Zeit. Der Computer "lebt", die Elektronik erfüllt einen anderen Zweck. Sie ergänzt und erweitert unsere Motorik.
Der Rechner verfügt zu jeder Zeit über jede Datei und ihre erreichbaren Umfeldbedingungen. Das menschliche Wissen wird zu einem zwar abrufbaren, aber auch verschlossenen Bestand der elektronischen Enzyklopädie. Ihre Dynamik beruht auf festen Zahlen- und Zeichenkombinationen. Der Computer hat alles in seine Verfügbarkeit genommen.
Die Abhängigkeit des Menschen vom Computer beruht nicht auf dessen "Intelligenz", sondern auf seiner unermeßlichen Speicherkapazität und der menschlichen Begrenztheit.
Wir tragen nur noch die Steine zusammen, das Haus baut und bewacht das digitale System.
Der Mensch kann sich die Einzelheiten nicht alle merken. Die Abrufbarkeit der Daten, d.h. des ursprünglich menschlichen Wissens ist eine Bequemlichkeit der Einsteinschen Art.
Albert Einstein meinte doch, daß wir, was in den Büchern steht, uns nicht merken müßten. Und was im Computer gespeichert ist, können wir demnach getrost vergessen.
Der fatale Unterschied ist der weitaus kompliziertere Weg zu diesem digitalen Wissensspeicher.
Wir vergessen nicht nur das meiste seines Inhalts, wir vergessen auch das Procedere des Wiederfindens. Dabei hilft uns das ungestört funktionierende Gerät. Erst wenn die Störung auftritt, ist wieder menschliches Wissen gefordert.
Je perfekter die Technik und ihre Software, desto seltener ist unser technologisches Spezialwissen gefragt. Theoretisch ist die absolute Perfektion der potentielle Verlust unseres Grundlagenwissens.
Auch der menschliche Spezialist leistet nur noch partielle Zuarbeiten. Das ist etwa vergleichbar dem Schriftgelehrten in seinem Verhältnis zum Buch in einer Welt von Analphabeten. Eine neue gesellschaftliche Hierarchie des elektronischen Wissens ist im Kommen. Der Begriff der Technokratie erhält erst auf diesem Wege seine historische Bedeutung.
Wir müssen uns jedesmal von neuem vergewissern und Stück für Stück wiedererinnern. Die Suche in einer herkömmlichen Bibliothek ist ein Kinderspiel dagegen.
Die Verschiedenheit des Wissens ist ein besonderes Problem. So ist zum Beispiel die Strukturwelt der elektronischen Datenverarbeitung der Welt der menschlichen Sprache eher fremd, wenn nicht schädlich.
Der "Sprachler" bedient sich gern der digitalen Hilfe, möchte und darf sich aber nicht zum Erfüllungsgehilfen seines Computers machen lassen.
Solange das Gerät intakt ist und läuft, wie es laufen soll, ist alles in Ordnung. Erst der Störfall zerschneidet das Band.
Jeder Fehler ist in der Regel zu beheben, aber der normale "Sprachler" ist nicht zugleich der Computerspezialist.
Während er früher unmittelbar über seine Texte verfügte, ist er jetzt von der digitalen Zwischenschaltung abhängig wie die Zitierfähigkeit des Quranschülers von dem Imam, der dem Analphabeten den Quran vorlas.
Handbücher und Nachschlagewerke sind letztlich Rückfälle in das Zeitalter der herkömmlichen Schrift. Die Abhängigkeit des Menschen von Schrift- und Zeichensystemen ist evident. Es bleibt nur zu hoffen, daß er mit den mathematischen - zahlen- und zeichenkombinativen - Subsystemen auch jetzt fertig wird wie bisher.
Die individuelle Unzulänglichkeit des Menschen macht ihn abhängig, sobald er seine Grenzen überschreitet bzw. überschreiten will.
Er bedarf aufgrund seiner Natur der Großorganisation, die sich in Bürokratien und Hierarchien manifestiert. Die Hierarchie ist eine Unterstützung und eine Gefahr zugleich.
Der menschliche Erkenntnistrieb ist ein Trieb in die Abhängigkeit. In einer alten Legende fragt der Mensch den Affen, warum er nicht spreche. Der Affe antwortet, spräche ich, müßte ich arbeiten und gehorchen. Ich müßte Befehle entgegen nehmen. Wer nicht versteht, dem kann nicht befohlen werden.
Verglichen mit dem Menschen, ist "der Affe" autonom. Wenn wir davon ausgehen, daß nicht der Mensch vom Affen, sondern der Affe vom Menschen herkomme, wofür die Definition des Menschen als unbehaarte und körperlich unvollendete Frühgeburt spricht, also eine Weiterentwicklung des Menschen darstelle, das heißt, jeder Affe einmal ein Mensch, nämlich ein unselbständiges Kind war, so ist Hoffnung für eine künftige Autonomie des heutigen Menschen.
Vielleicht ist "der Affe" unser ursprüngliches Totemtier, eine Gottheit des Menschen.
Offenbar ist bereits die Sprache ein Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument. Was sich als Befreiungsakt aus den Fesseln der Unwissenheit erklärt und versteht, geht auf Kosten und zu Lasten nicht "des Unwissens", sondern der "unwissenden" Menschen.
Der "Unwissende" ist unter Berücksichtigung der hier "favorisierten" Evolution - nämlich vom Menschen zum Affen oder vom unvollendeten zum vollendeten Affen - der Spätere und Reifere.
Unter dieser Voraussetzung erscheint der "wissende Mensch" als ein naseweiser, unreifer, unfertiger Sohn des Affen, nämlich seines authentischen Vaters, von dem er nicht artenmutativ, sondern als natürlicher Nachkomme abstammt.
Die "Abstammung des Menschen vom Affen" ist wie die des Kindes von seinen Eltern, denen es nun nachstrebt.
Wie ein Kind erwachsen werden will und muß, wächst der Mensch zum "Affen" heran. Das ist allerdings eine Utopie, ein Nochnicht oder Niemals und Unmöglich.
Was den Menschen hindert, erwachsen zu werden, sind genau die Merkmale, die ihn auszeichnen, nämlich seine besondere Art von Intelligenz und Wissenstrieb.
Er sucht, was er nicht finden kann. Er steht seiner eigenen Erwachsenheit im Wege. Der "Affe", was etymologisch ja mit Apa, Aba, Abh, Av, Vater verwandt ist, darf "dem" Menschen niemals ein Ziel sein. Als der genuine "Besserwisser" glaubt er zu wissen, daß er aus dem "Affen"-Dasein heraus sei und nicht es vor sich habe.
Der Mensch als das unvollkommene Wesen sucht seine Vollendung aus sich heraus. Seine geistige Ausstattung erlaubt ihm die "Erschaffung" einer Welt, die es nicht (oder noch nicht) gibt.
Der Mensch ist aus der Affenlinie der Säugetiere herausgetreten und zum - verkleideten - Insekt mutiert. Seine organisatorisch-substrukturelle Begabung ist ein "humaner" Trieb, der ihn den Bienen und Spinnen stark anähnelt.
Seine kulturellen und zivilisatorischen Hervorbringungen sind dem autogenen Wirken und Waben und Weben der Insekten spezifisch verwandt. Insofern muß der Mensch seine Erwachsen- und Affen- und Vaterwerdung nicht fürchten. Eher wird er zur Ameise, zur Biene, zur Spinne oder zur Mücke, mit der er ohnehin blutsverwandt ist. Die weiblichen Stechmücken produzieren ihre Eier, also ihren Nachwuchs, aus Menschenblut. Auch für sie ist also der Mensch eine Vorbedingung, keine Weiter- und Höherentwicklung.
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