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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-05-31

Unger Varnsdorf

Die globalisierte Eintracht

Auch Einfalt

Wenn wir so anfangen, finden die Mühseligen und Beladenen keinen Ausweg mehr. Man muß daran denken, daß die Menschen verschieden sind und nicht alle gleich reagieren, nicht alle gleich ausgeglichen oder gleich aufgestört.

Die globale Eintracht ist ein Menschheitstraum, ein Traum der Hoffnung und des Verhängnisses.

Verhangen ist, was sichtbar werden muß.

Die globale Eintracht ist ein Gedanke der Einfalt und darum nicht unbedingt falsch. Sie ist nur insofern ein falscher Gedanke, als unter der Schlichtheit auch eine Gefahr lauert.

Die Gefahr steckt im Mangel an Erfahrung und Einsicht. Der Menschheitstraum ist ein Kindheitstraum.

Jeder Mensch sieht, sobald er die Augen öffnet, ein blaues Universum über sich und die Welt der Dinge um sich herum. Sein Radius reicht bis an den Horizont.

Das Urerlebnis ist keine politische Vorstellung. Wenn es ins politische Denken und Geschehen einbricht, erleben wir eine Infantilisierung oder Traumatisierung der Politik.

Politik ist nicht, was die Kinder verstehen können. Sie wissen aber, daß sie es lernen, daß wir es sie lehren müssen. Das ist die Aufgabe der Erwachsenen. Auch in der Politik.

Utopische Phantasie mag uns begleiten und Mut machen, wenn wir verzagen wollen. Sie ist nicht das Ziel und nicht die Zielvorgabe der Politik.

Politik hat die praktischen Dinge zu regeln, meist ist sie schon damit überfordert.

Politik auf den Pfaden der blauen Blume den Albträumen nach ist eine Herausforderung an die Erwachsenheit.

In der Demokratie regeln das die periodischen Wahlen. Der Politikwechsel ist wie die Ordnung der Tageszeiten.

Wechsel und Unterscheidungen sind das A&O des politischen Lebens.

Trennung von Staat und Religion ist die demokratische Vergewisserung einer wechselseitigen Unabhängigkeit.

Auch die - ökonomisch-machtstrategisch motivierte - Globalisierung ist nicht dagegen gefeit, zur Weltanschauung zu verkommen.

Die in ihrem Geiste agierende anti-islamische Terrorbekämpfung hat die religiösen Züge bereits angenommen.

Die globale Antiterrorismus-Koalition ist ein organisierter Fundamentalismus aus Christentum, Atheismus und Polytheismus.

Globalisierung ist, wenn man's dreht, der politisch und ökonomisch verbrämte Ausdruck eines religiösen Weltkriegs, mithin eine fundamentale Verletzung des demokratischen Prinzips der Trennung von Religion und Politik.

Globalisierung ist die Verallgemeinerung eines ideellen Besonderen ("Guten"), die Verabsolutierung und Heiligung der westlichen Welt.

Der Krieg dieses Absolutismus gegens Relative und Besondere ("Böse") ist ein imperialistischer Krieg der Feindverteufelung.

Dennoch scheint die Heiligung der Politik und des Krieges im - übergeordneten - Zuge der Zeit zu liegen.

Ebenso haben wir eine Differenzierung zwischen unserer Wahrnehmung und der Realität vorzunehmen.

Die dem Globalismus immanenten Ordnungs- und Organisationsprinzipien werden nicht von vornherein realisiert.

Die menschliche Neigung, komplizierte Zusammenhänge auf einen einfachen Nenner zu bringen, wirkt sich hier auf fatale und zugleich beruhigende Weise aus.

Einerseits stärkt sie das Bewußtsein, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, andererseits entsteht daraus das Gefühl, die sprichwörtlichen Bäume am Wachsen hindern zu sollen, und nicht zu verstehen, daß wir's mit einem ungeschriebenen, dafür um so nachhaltigeren Natur-Gesetz zu tun haben.

Es bleibt allerdings die Frage, ob ein Natur-Gesetz der irdischen Art auf die genannten inneren Organisationsprinzipien Anwendung finden kann.

Die Entdeckung und Indienstnahme der Elektronik ist angewandte Wissenschaft, aber auch eine Offenbarung des kosmischen Innenlebens.

Die Differenzierung erscheint als ein Auflösungsprozeß, sobald der Zusammenhalt wegfällt, doch gleichzeitig als dessen Notwendigkeit und Existenz, denn es hält ja zusammen.

Einsicht ist die subjektive Komponente einer objektiv waltenden wissenschaftlichen Offenbarung: Die menschliche Erkenntnis ist ein Integral der Weltengeschichte.

Es ist schwer, hierbei immer streng auf die gegenseitige Unabhängigkeit von Politik und Religion zu achten. Auf der geistigen Ebene gibt es diese Unabhängigkeit sowieso nicht.

Die Unabhängigkeit ist ein sinnvolles Utensil der politischen Praxis, hat sich in jüngster Zeit allerdings auch als staatspolitische Behinderung religiöser Souveränität einen Namen gemacht.

Grenzen der Grenzziehung sind zu erkennen und zu respektieren. Übergriffe sind auch Indizien für die Notwendigkeit von Korrekturen.

Wo sinnvolle Gliederung zu einer diktatorischen Ausgliederung gerät, muß neu über sie nachgedacht werden.

Unterliegen nun aber die inneren Ordnungs- und Organisationsprinzipien der Globalisierung nicht dem irdischen Natur-, sondern dem nach unseren Maßstäben ewigen kosmischen Gesetz, müßten dann nicht ihre Bäume doch in den Himmel wachsen?

Wie werden wir Sterblichen unter diesen Umständen ("langfristig") mit der "ewigen" Elektronik fertig, wenn's uns endlich mal reicht?

Wie es uns nicht mehr gefällt, gerade die Sonne scheint oder aus den Stürmen die Götter rufen: einfältig abschalten.

Und nach dem Nachtmahl wieder rein ins digitale Vergnügen. Wir sind doch keine Spielverderber.

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