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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-05-21
Namenlos durch den Alltag zu kramen und zu krauchen, ist das eine, es sich eingestehen, das ist schon was anderes.
Anonymus kannte seine Lage, wußte aber auch, daß ihm das nicht helfen konnte. Es galt, das Bewußtsein zu mobilisieren und von daher das Leben zu begreifen und zu gestalten. Er war ja kein Dummkopf, und seine Intelligenz bewies er im doppelten Sinn. Er erkannte die Realität, wußte, daß er in einem ebenso realen Sinne daran nichts ändern konnte. Er hätte denn sein Bewußtsein, seine Überzeugungen, seine Prinzipien, all die Essentials seines Denkens, aufgeben müssen.
Er war in diesem besten Sinne ein Idealist, und zwar einer, der auf dem Umweg des Denkens seine soziale Lage zu bessern, zu verändern suchte.
Es war ihm ins Gedenken geschnitten: Bleib dir treu, verwirf deine Prinzipien nicht, vergiß deinen Gott nicht, den du erkannt hast in der größten Not, als andere ihn verlachten und verhöhnten, vergiß es nicht, geh niemals den leichten Weg, denn der ist immer der falsche, wenn du die Welt begriffen hast.
Der Namenlose war ein selbstbewußter Mann, der sich nicht aufgeben wollte, der sich nicht aufgab und eben drum seine Lage oft verschlimmert hat.
Es geht nicht darum, den persönlichen Anteil an der Misere zu leugnen. Es wird der Nachweis geführt, daß du nur auf dem Wege der Selbstverleugnung und des Selbstverrats gesellschaftlich "etwas werden" kannst. Die Unverschämtheit hat dagegen keinen Preis, sie wird belohnt.
Es soll nicht moralisiert und gejammert werden. Der Namenlose war und blieb sich seiner Lage und seiner Verantwortung bewußt. Zwei Verantwortlichkeiten schienen gegeneinander zu stehen: Die Familie und das substantiierte Denken. Das war auszugleichen, und nun kommt ein Moment hinzu, mit dem niemals gerechnet wurde: Gott muß geholfen haben, die Feinheiten aufeinander abzustimmen.
Was war denn nun schlimmer, schlimmer als was?
Die Wahl war getroffen. Der Westen wurde zur politischen Heimat und zur sozialen Herausforderung.
Im Schaufenster der Freien Welt standen noch einige Attrappen herum, die irgendwie nicht in die Zeit zu passen schienen, andererseits aber geschichtlich bedingt und auch logisch waren. So eine Stadt in so einem Land mag andere Farben anlegen, im Innern bleibt zunächst doch vieles beim alten.
Das Alte war das Undemokratische, war der Staat bzw. das Bewußtsein von einem Staat, der "seine" Bürger bevormundete, sich in alles einmischte, was sie betraf.
Die alte Fürsorgepflicht aber, die sich mit den Anmaßungen immer verbunden hatte, war von heute auf morgen fast vergessen.
In diese Phase der staatlichen Differenzierungen und öffentlichen Bewußtseinsveränderungen gerieten die Namenlosen unserer Geschichte.
Niemand kümmerte sich um die beruflichen Probleme, die zwangsläufig mit dem politischen Systemwechsel verbunden waren. Erlernte Berufe waren plötzlich wertlos geworden. Jeder blieb sich selbst überlassen.
Die Namen- und Arbeitslosen mußten sich wöchentlich zweimal beim Arbeitsamt melden. Das Arbeitsamt lag mitten in Berlin, Anonymus lebte mit seiner Famlie in einem Barackenlager am Rande der Stadt.
Seine Bemühungen hatten zur Folge, daß er irgendwann ins Notstandsprogramm eingegliedert wurde. Heute würde man sagen, unzumutbare Arbeiten, und wer heute wie damals zu den Gezeichneten und Verfemten gehört, muß sie annehmen.
Anonymus, der im Osten einem Schlips- und Kragenberuf nachging, arbeitete jetzt ohne jede Vorbereitung und passende Arbeitskleidung im nassen Dreck der Lieper Bucht, wo der Schauspieler Heinz Rühmann morgens vorbeiritt und die Landschaft genoß.
Anonymus arbeitete im Straßenbau am Postfenn, wo er mit Spezialhämmern Steine kleinschlug, die den Gehweg bedeckten.
Die reine Knochenschinderei wurde den politischen Flüchtlingen aus der Ostzone und dem Ostsektor angeboten. Sieht man alles zusammen, so führte der Namenlose ein gelockertes Arbeitslagerleben, gelockert, weil er nicht in der Kolonne zum Arbeitsplatz marschieren mußte, dafür aber das Fahrgeld bezahlen durfte. Verdient hat er ungefähr siebzig Pfennig die Stunde.
Es war eine herrliche Zeit, eine glückliche Zeit, wenn er freitags mit seinem Lohn ins Lager kam und den größten Teil von dem bißchen Geld bei der Lagerleitung für Unterkunft und Verpflegung abliefern mußte.
Es kostete Kämpfe mit dem Lagerleiter, einem ehemaligen Wehrmachtsmajor, und dem Bezirksamt Spandau, um aus der Zwangsverpflegung herauszukommen.
Sie wollten sich nur selbst ernähren, mehr war es nicht, aber es kostete Energien, Nerven. Um sich treu zu bleiben, war dem Namenlosen wirklich nichts zuviel. Aber konnte man so was noch als die Folgen einer freien, richtigen politischen Entscheidung betrachten?
Die Geschichte der Anonyma, einer jungen Mutter und tüchtigen, fleißigen, nie ermüdenden Mitarbeiterin, Ehefrau und Geliebten des Namenlosen wird Chanah Wolff bald erzählen. Es kommt hierbei immer wieder auf den persönlichen Blickwinkel an.
Das schikanöse Zeitalter beginnt sicherlich mit der Erfindung der Bürokratie. Der deutsche Westen entfaltete im Laufe der Jahre und Jahrzehnte eine bürokratische Vielfalt, die sich mit dem Osten nicht nur messen konnte, sondern den bürokratischen Sozialismus bei weitem übertraf. Das ist allerdings eine spätere Entdeckung.
"West"-Berlin betrieb einen Etikettenschwindel, der sich sehen lassen konnte. Es schmückte sich mit der Freiheit der Alliierten und machte hinter der Fassade sein Preußisch-Kleinkariertes weiter. Ein Pendant zur anderen Seite der Mauer.
Anonymus traf die richtige Wahl am falschen Ort. Das ist alles.
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