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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-05-19

Unger Varnsdorf

Das Auto auf der Straße nach Israel

Und was nicht vorgesehen war

Der Seeweg nach Israel will nicht, daß wir mit dem Auto fahren. Er will die innere Sammlung und Vorbereitung aufs Heilige Land.

In zwanzig Jahren kann alles, was heilig und geheimnisvoll, profan geworden sein, so daß man sich vorkommt wie einer, der sich selbst betrog.

Das Heilige Land, mein Gott, das war doch, was für eine Vision! Von seinen Visionen lebt, wer mit der Realität nicht fertig wird.

Der Namenlose mußte sich kennenlernen, zu sich finden, um zu wissen, wer er war. Seine Nachkriegskarriere war ein Trümmerhaufen.

Der Krieg war vorbei, Berlin eine Ruinenstadt. Die jungen Menschen mußten sich schnell zurechtfinden. Die Teilung Deutschlands vereinfachte die Orientierung.

Anonymus hatte im Osten eine Zukunft vor sich, er mußte nur über seinen Schatten springen, zugreifen, mitmachen, schon hatte er gewonnen.

Aber er entschied sich für die Freiheit. Das war eine richtige Entscheidung, wenn man nicht fragt, wie die Freiheit für den namenlosen jungen Familienvater aussah.

Der Westen nahm ihn und seine Familie auf. Anonymus wurde in der Kreuzberger Fichtestraße in einem alten Luftschutzbunker untergebracht, vier (4!) Mann in einer fensterlosen Zelle von sechs (6!) Quadratmetern. Der Bunker wurde maschinell belüftet, das Rauschen war Tag und Nacht zu hören. Es gab Kaltverpflegung, Margarine, Brot, ein Stück Wurst oder Käse, mittags was Warmes, monatlich ein Taschengeld in Höhe von fünf (5!) D-Mark.

Und all die Namenlosen waren glücklich.

Anonyma, seine Frau, war in der Landhausstraße in einer alten Fabrik untergebracht. Die Schwangere hauste mit anderen Frauen in einer kleinen Halle, die Versorgung war ähnlich wie die im Fichtebunker.

Heute können wir Vergleiche anstellen. Was der Staat etwa für Asylbewerber oder andere Zuwanderer ausgibt, wie er die Menschen mit Geld, neuer Kleidung und modernen Wohnungen versorgt, während die Namenlosen der fünfziger Jahre, die zum Teil aus dem Nachbarbezirk kamen, acht Jahre auf ihre erste Wohnung warten mußten.

Während Asylanten mit aggressiver Begleit-Propaganda einer politischen Lobby gegen die heimische Bevölkerung erfolgreich Unterstützung erfahren, wurden die namenlosen Flüchtlinge aus dem Osten kommentarlos in Bunkern, Fabrikhallen und Barackenlagern übereinander gepackt. Und sie mußten sich in langwierigen Aufnahmeverfahren im eigenen Lande legitimieren.

Das Lagerregime hatten ehemalige Militär- und SS-Offiziere sowie das nicht weniger belastete Deutsche Rote Kreuz übernommen. Die westliche demokratische Freiheit funktionierte wirklich vortrefflich.

Anonymus hat es nie bereut, weil er ein Spinner war, ein Visionär, der in seinen Träumen lebte und nicht in der Wirklichkeit, obwohl er sich viel darauf zugute hielt, ein politisch aufgeklärter Realist zu sein.

Machen wir uns nichts vor. Die Straße nach Israel war zunächst ein Ausweg aus der deutschen Sackgasse. Man versuchte, so oder so aus der Misere herauszukommen, und Israel bot sich an, weil Anonymus in sich den Juden wiederentdeckt hatte.

Das war keine falsche, allerdings eine schwache Spur. Die Umstände verstärkten und begünstigten solche Tendenzen.

Aus dem Osten in den Westen, von hier nach Israel. Der Namenlose wäre auch nach Amerika ausgewandert, aber dazu fehlten ihm die Beziehungen. Israel lag geografisch und gedanklich näher. In Israel konnte er sich wiederfinden.

Alles war ein gesammelter Irrtum. Da ist die Geschichte mit dem Auto, das ihn zur Zivilisation verführen sollte...

Wie im Fichtebunker und im Barackenlager Staaken, so fühlte er sich am wohlsten in seiner Wohnbaracke im israelischen Kibbuz. Vom Lagerleben ging eine Faszination aus.

Aus der erzwungenen Lebensweise entstand die Auffassung vom einzig wahren Nomadendasein, das auf dem Wege des Denkens war, so blieb die Realität nicht wieder auf der Strecke.

So wurde der Theorie eingepaßt, daß dieses unruhige Wanderleben nicht frei gewählt war, daß es den Zwängen der historischen Umstände unterlag.

Anonymus war von seinem Flecken vertrieben worden, und der Flecken gehörte nicht ihm, sondern anderen. Es gab eine Reihe solcher Flecken.

Sein erster Flecken war eine Kochstube in der Blankenburger Straße, sein zweiter Flecken wurde die Küche mit der Stube und dem Treppenklosett in der Reinickendorfer. Der dritte ein Dorf in Böhmen.

Alle drei Flecken mußte er verlassen. Die sozialen, politischen, historischen Grundbedingungen und Ereignisse erzwangen es.

Der Bombenkrieg zerschlug die Berliner Wohnung. Die ethnische Säuberung von 1945 war die nächste Zwangsmaßnahme.

An so was kann man sich gewöhnen. Und dann eine Theorie entwickeln. Danach sein Leben einrichten. Doch am Anfang war die Vertreibung.

Die Austreibung. Die Zugehörigkeit zu einem gezeichneten Volk gab dem Namenlosen den moralischen Rest, den Gnadenstoß, gewissermaßen.

Das gezeichnete Volk aber war diesmal nicht das jüdische, sondern das deutsche.

Der Namenlose dachte viel darüber nach, warum es immer die Ärmsten traf. In Berlin waren die Arbeiterbezirke die bevorzugten Ziele der Bombenangriffe.

Aus den sogenannten Ostgebieten wurden alle Deutschen vertrieben, aber die Grundbesitzer erhielten sofort einen Lastenausgleich, und die Nazibonzen, die kurzfristig ihre Privilegien verloren, mußten kraft Grundgesetzes bevorzugt wieder eingestellt werden. Das war der Unterschied.

Die Namenlosen hausten bis Anfang 1960 in einem Flüchtlingsheim. Beruflich mußten sie von vorn anfangen.

Es gab Gegenden in Deutschland, da fiel keine einzige Bombe. Aber der unbeschädigte Besitz wurde heilig gesprochen. Niemand tastete ihn an.

Die Besitzlosen kampierten im Wirtschaftswunderland unterm Sonnenschirm der Freiheit und glaubten an den Weihnachtsmann. Ehrlich währte am längsten im Schatten des Wohlstands. Da war's mitunter kalt, aber der Glaube hielt die Dummköpfe jung und die Herzen warm.

Es war eine Freude, die Tragikomödie zu erfassen, daß die Ostflüchtlinge im Westen lernten, was Arbeiten hieß. Die Bäume des Kapitalismus wuchsen in den Himmel, leider hatten die Affen das Klettern verlernt.

Ob Auto oder Israel, es waren Träume des kleinen Mannes, der die Glocken der Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten läuten hörte.

Er hatte Glück, daß es ihm nicht die Trommelfelle zerschlug.

Als Anonymus erwachte, war es halbsieben in der Frühe, er hatte verschlafen.

Aber das war schon wieder ein Irrtum. Als Rentner konnte er jetzt ruhig weiterträumen.

Der Namenlose hatte gelernt, daß er lateinisch Anonymus hieß, und so hatte er auch endlich einen Namen.

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