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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-05-10
Es war ein kaschubisches Dorf, völlig umgeben von dichtem Wald, mit einem kleinen Bahnhof, einigen grösseren Bauernhöfen und vielen kleinen Holzkaten.
In einer dieser Katen lebte Jadwiga, die Frau eines Waldarbeiters und Mutter von 26 Kindern.
Die älteren Kinder arbeiteten alle in den Konservenfabriken in Braunschweig. Von Zeit zu Zeit besuchten sie ihre Eltern und wohnten dann mit ihnen und den übrigen Kindern in dem einzigen Raum dieser Kate, in der dank Jadwiga eine unerwartete Harmonie herrschte, weil von dieser einfachen Frau so viel Kraft und Liebe ausging.
Als Jadwiga, die schon hoch in den vierziger Jahren war, ihr letztes Kind erwartete (ein kleines Mädchen, und sie nannten es Hedwig), erhielten sie die Nachricht, dass ihr Sohn, der, was unter Kaschuben vorkam, Soldat war, schwerverwundet in einem Hamburger Lazarett lag.
Jadwiga machte sich sofort auf den Weg zu ihrem Sohn, und sie blieb bei ihm, bis er starb. Dann kam sie nach Hause, und ohne Klagen versorgte sie ihren Mann und ihre Kinder.
Alle im Dorf waren katholisch, und so besuchten sie regelmässig am Sonntagmorgen den Gottesdienst in einem der angrenzenden Dörfer. Einige fuhren mit dem Pferdewagen, andere mit der Eisenbahn.
Aber Jadwiga ging mit ihrer Familie zu Fuss, und damit Schuhe und Strümpfe nicht schmutzig wurden, gingen sie barfuss und zogen die Schuhe erst vor der Kirche an.
Die Frömmigkeit der Jadwiga ging so weit, dass es ihr geheimster Wunsch war, wenigstens eine Tochter möge ins Kloster gehen und eine Nonne werden. (Ihr Wunsch wurde ihr später erfüllt: die drei jüngsten Töchter gingen wirklich in ein Kloster.)
Anfang 1944, im harten Winter, war gleich zweimal ihre selbstverständliche Menschlichkeit gefragt. Es kamen mehrere SS-Leute mit einem Trupp russischer Gefangener, so etwa 15 Menschen, ins Dorf. Und wie es der Zufall wollte: die SS-Leute gingen essen und liessen den Trupp direkt vor Jadwigas Haus warten.
Jadwiga öffnete eines der kleinen Fenster, und sie gab dem am nächsten stehenden Mann Brotstücke zum Weiterreichen. Danach füllte sie die Kinderbecher mit heissem Zuckerwasser und reichte sie ebenfalls durch. Als sie die Becher wieder im Haus hatte, trat sie aus der Tür, nur ein Wolltuch um die Schultern, und ging den kleinen Berg hinauf zu dem einzelnen Haus, in dem die SS einen kleinen Stützpunkt hatte.
Hier vermutete Jadwiga auch die Gefangeneneskorte. Sie ging in die Poststelle, die sich im selben Haus befand, und verlangte eine Briefmarke. Als sie das Haus wieder verliess, liefen die SS-Leute gerade an ihr vorbei den Berg hinunter. Jadwiga erreichte ihr Heim, der Gefangenentrupp war inzwischen abgezogen.
Ein paar Tage später bemerkte Jadwiga im Morgengrauen gegenüber ihrem Haus in einer Schneewehe einen Menschen. Sie ging hin und sah, dass es eine junge schwangere Frau war, die bereits in den Wehen lag. Schnell holte sie sie ins Haus und tat alles, was notwendig war.
Bald war ein kleines Mädchen geboren. Die Frau war sehr schwach, sagte, sie wäre Jüdin und aus dem Lager geflohen. Jadwiga holte unauffällig Johannes, den Dorfgendarmen, der das vollste Vertrauen aller kaschubischen Dorfbewohner besass.
Sie sagte, sie müsse die Frau ins Krankenhaus (der Kreisstadt) bringen, aber wohin mit dem Baby? Johannes beruhigte Jadwiga, wickelte das Kind in eine Decke und sagte ihr, sie möge mit der Frau hinunter zum Bahnhof gehen, er würde mit dem Auto dort hinkommen.
Er ging auf schnellstem Wege zu Emma, einer Kleinbäuerin, erklärte ihr alles und fragte sie, ob das Baby bei ihr bleiben könne, aber es dürfe niemand davon etwas wissen.
Emma nahm wortlos das Kind und brachte es in ihre Schlafstube. Sie sagte, Johannes solle schnell gehen.
Johannes brachte Jadwiga und die junge Frau mit seinem Auto bis kurz vors Krankenhaus, dann wartete er auf Jadwiga. Es dauerte eine Stunde, bis sie zurückkam.
Sie erzählte Johannes, dass sie ihr die Frau erst nicht abnehmen wollten, aber dann habe sie gesagt, sie hätte die Frau hilflos auf der Strasse gefunden. Als die Schwestern sie auf eine Trage legten, starb sie.
Johannes war beunruhigt, und er ging, nachdem er Jadwiga nach Hause gebracht hatte, zu Emma. Er sagte ihr, er müsse das Baby mitnehmen, sie solle es warm einpacken und eine Milchflasche mitgeben.
Emma weinte und bettelte, Johannes solle doch das kleine Kind bei ihr lassen. Aber er beschwor sie, niemand etwas von dem Kind zu sagen, sie habe es nie gesehen. Und Emma versprach, alles so zu tun.
Am nächsten Morgen klopfte es heftig an Emmas Haustür. Vor ihr standen zwei Männer in Zivil und zwei Uniformierte. Sie verlangten die Herausgabe "des Kindes". Emma wusste nicht, wovon sie sprachen, und das sagte sie ihnen. Sie durchsuchten das Haus und gingen wieder.
Am Nachmittag kamen sie noch einmal, aber es war kein Kind im Haus. Und es war seltsam, kein Nachbar fragte, was los wäre, und Jadwiga und Emma redeten auch untereinander weder über die Frau aus dem Lager noch über das Kind.
Zwei Tage später kam Johannes über die Felder zu Emma, er trug eine grosse Tasche. Emma nahm das Baby und wickelte es aus der Decke. Sie war so glücklich, und sie erzählte nach dem Krieg ihren schon erwachsenen Kindern, dass sie schwören könnte, dass das Baby sauber gewickelt und nicht hungrig gewesen wäre.
Nur Johannes wusste, wo er das kleine Kind vor der Gestapo versteckt gehalten hatte, aber er redete nicht. Auch seine Familie hat nie davon Kenntnis erhalten. Das Mädchen wuchs in Emmas Familie glücklich auf.
Nachzutragen ist, dass die Holzkate von Jadwiga in den letzten Kriegstagen durch einen Panzer zerstört wurde.
Und ebenfalls nachzutragen ist, dass Johannes, der Gendarm, den es mit seiner kleinen Familie nach dem Kriege nach Norddeutschland verschlagen hatte, 1979 die Möglichkeit hatte, sein kleines Dorf noch einmal zu besuchen.
Sein Sohn fuhr ihn mit dem Auto dorthin. Kurz vor dem Dorf stieg er aus dem Wagen und ging zu Fuss die Dorfstrasse entlang. Und aus jedem Haus traten die Dorfbewohner und begrüssten und umarmten ihn.
Die Herzlichkeit der Menschen war so wunderbar, und Johannes musste weinen. Er wusste, hier schloss sich sein Lebenskreis.
So ist aus der Geschichte der Jadwiga die Geschichte von Jadwiga, Johannes und Emma geworden.
Es ist nie über sie geschrieben, sie sind nie geehrt worden, niemand pflanzte für sie ob ihrer Menschlichkeit und Anständigkeit Bäumchen mit ihrem Namensschild in der Allee der Gerechten in Yad Vaschem.
Und darum schrieb ich ihre Geschichte, für deren Wahrheit ich mich verbürgen kann. Auch die Namen sind authentisch. Ich war in diesem Dorf mit meiner Familie untergetaucht und lebte bis Anfang März 1945 im Hause des Johannes.
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