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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-05-10

Chanah Wolff

Miriams letzter Shabbat

Es war am Vormittag des Freitag, und Miriam kam mit einer schweren Tasche vom Einholen. Eigentlich brauchte sie nicht mehr so viel, seitdem Shlomo nicht mehr da war, aber heute wollte Rosalie den Erew-Shabbat mit ihr feiern.

Miriam blieb vor dem Schaufenster der Wizo stehen und besah sich die schönen Silbersachen. Verstohlen spiegelte sie sich in der Scheibe. Sie trug einen dunkelblauen Rock, eine weisse Bluse mit dunkelblauen Punkten und einen dunkelblauen Sommerhut.

Zufrieden mit ihrem Spiegelbild, ging sie weiter und bog in eine Seitenstrasse ein. In ihrer Wohnung stellte sie die Tasche ab. Wie immer bereitete sie auch heute schon früh den Shabbattisch, das Essen wollte Rosalie mit ihr zusammen kochen.

Miriam wurde ein wenig müde, und sie setzte sich in den Sessel. Hoffentlich verspätete sich Rosalie nicht.

Wer war Rosalie?

Miriam musste weit zurückdenken. Es war 1939, Shlomo und sie waren mit dem Schiff in Haifa angekommen. Sie hatten gerade geheiratet, nachdem Shlomo als frischgebackener Rechtsanwalt in die Anwaltskanzlei ihres Vaters eingetreten war.

Es gab in Berlin innerhalb der Familien heftige Diskussionen über den Plan Shlomos, nicht wie alle anderen Angehörigen nach Amerika auszuwandern, sondern mit Miriam nach Palästina zu gehen. Aber Shlomo liess sich nicht beirren - und Miriam ging natürlich mit.

In Haifa organisierte Shlomo ein Auto, das gross genug war, sie mit ihrem Gepäck nach Jerusalem zu bringen. Er hatte eine Adresse für eine Unterkunft, der Fahrer half, das Gepäck auszuladen.

Miriam schaute sich entsetzt das Haus an. Viele Menschen, zumeist Frauen und Kinder, liefen hektisch hin und her, sie sprachen, schrien sich gegenseitig an. Miriam verstand kein Wort. Ein Mann sprach Shlomo an und fragte, ob er Arbeit suche. Als Shlomo die Frage bejahte, nahm der Mann ihn gleich mit. Und da war es um Miriams Fassung geschehen.

Sie sass allein auf der Strasse mit dem vielen Gepäck, und Shlomo war nicht bei ihr. Miriam war verzweifelt, sie fing an zu weinen. Dann war da plötzlich die Frau, sie nahm Miriam in ihre Arme, fragte sie ein wenig aus. Dann sagte sie, sie heisse Rosalie, und sie wolle, solange Shlomo weg sei, alles Nötige in die Hand nehmen. Miriam liess staunend alles geschehen, und als Shlomo müde von der Arbeit kam, nahm er mit Erleichterung wahr, dass das Zimmer einigermassen, wenn auch karg, so doch ein wenig wohnlich eingerichtet war. Dankbar war er auch für das Essen und den heissen Tee, von Rosalie bereitet.

So trat Rosalie in das Leben von Shlomo und Miriam.

In der Nacht hatte Shlomo mit Miriam ein ernstes Gespräch. Er machte ihr klar, dass sie beide von jetzt an von dem leben mussten, was er für kleine Gelegenheitsarbeiten bekommen würde. Und das war nun wirklich erst einmal ein herber Schlag für die verwöhnte Miriam. Aber am Morgen - Shlomo ging sehr früh auf Arbeitssuche - war da wieder Rosalie. Sie machte Miriam mit einigen Hausbewohnerinnen bekannt, zeigte ihr, wo man preiswert einkaufen konnte. Und als Shlomo an diesem Abend nach Hause kam, hatte Miriam für ihn gekocht, und es machte ihr Spass, Hausfrau zu sein.

Als Miriam ihr erstes Kind erwartete, besorgte Shlomo eine kleine Wohnung in Tel Aviv, was zu ihrem Bedauern eine Trennung von Rosalie bedeutete. Aber als Moritz und zwei Jahre später Baruch geboren wurden, war Rosalie zur Stelle. Irgendwann ergab es sich, dass Rosalie ihnen nach Tel Aviv folgte.

Seitdem sie in Tel Aviv wohnten, arbeitete Shlomo fest bei einem Rechtsanwalt, dadurch hatten sie ein gutes Auskommen. Moritz wurde übrigens im Jahr der Gründung des Staates Israel geboren, was die Eltern als ein gutes Zeichen sahen.

Moritz nahm schon früh alle Gelegenheiten wahr, mit anderen Jugendlichen ins Ausland reisen zu können, während Baruch niemals aus Israel raus wollte. Nach dem Wehrdienst arbeitete er und sparte, bis er sich einen kleinen Stand zum Verkauf von Getränken und Falafel in der Allenby-Strasse leisten konnte. Er heiratete Rifka, ein nettes, liebes Mädchen. Sie hatten 3 Kinder, und sie waren mit ihrem Leben zufrieden. Die Kinder besuchten oft Miriam und Shlomo, und das war dann für beide Teile ein Festtag. Jetzt waren die "Kinder" schon erwachsen, aber sie vergassen ihre Grosseltern nicht.

Als Verwandte von Shlomo aus Amerika nach Berlin zurückkehrten, besuchte Moritz diese. Er schrieb an Shlomo, er wolle erst einmal in Berlin bleiben. Shlomo war einverstanden, zumal Moritz schrieb, er könne in Berlin arbeiten.

Moritz kam nicht nach Israel zurück. Irgendwann teilte er den Eltern mit, dass er in Berlin heiraten werde. Shlomo und Miriam wurden nicht eingeladen, auch sein Bruder Baruch nicht. Nach ein paar Wochen kam ein Brief aus Berlin, Miriam dachte, er wäre von Moritz, aber dann sah sie, dass ein völlig anderer Absender auf dem Umschlag stand. Sie gab den Brief Shlomo, der ihn mit unbewegtem Gesicht las und ihn dann auf den Tisch warf. Er nahm seinen Hut und sagte, er käme bald wieder. Miriam und Rosalie, die gerade bei ihnen war, stürzten sich auf den Brief. Moritz teilte seinen Eltern und der Familie mit, dass er seinen Vornamen geändert und den Nachnamen seiner nichtjüdischen Frau angenommen habe. Es wäre in Berlin so besser. Und sie sollten ihn verstehen.

Beide Frauen waren entsetzt und warteten ängstlich auf Shlomo. Als er kam, hatte er einen grossen braunen Umschlag in der Hand. Er legte ihn in die unterste Schublade eines Schrankes und schärfte Rosalie ein, diesen Umschlag sofort zu Baruch zu bringen, wenn Miriam und er nicht mehr leben würden. Danach sprach er nie mehr von Moritz.

Der Arzt hatte Shlomo Bewegung verschrieben, und so gingen er und Miriam jeden Tag spazieren. Meistens gingen sie nach Yafo, hier hatten sie viele Erinnerungen aus der Zeit, als ihre Kinder noch klein waren. Sie gingen zu dem kleinen Hafen und sahen den Fischverkäufern zu. Shlomo schleppte Miriam auf die Mole, hier war die Luft so herrlich frisch, und sie liefen bis zu den Andromeda-Steinen. Im Restaurant Aladin tranken sie Kaffee. Manchmal liefen sie beide in Tel Aviv durch die Allenby-Strasse, besuchten den Carmelmarkt und guckten sich die kleinen Geschäfte an. Bei dieser Gelegenheit besuchten sie dann regelmässig Baruch an seinem Falafel-Stand und tranken ein Glas Saft. Dann gingen sie nach Hause, und sie waren jedesmal froh, wenn sie sich wieder ausruhen konnten.

Abends sassen sie oft mit Rosalie auf den weissen Kunststoffstühlen auf der Strandpromenade. Sie trafen hier auf viele Bekannte, die sie sonst nicht sahen. Es ging ihnen allen nicht schlecht, und ihr Lebensabend war gesichert, aber diese alten Leute hatten sich in Israel nie voll integriert.

Shlomo starb plötzlich, ohne dass er richtig krank gewesen wäre. Es war gut, dass Rosalie da war und Miriam über die ersten Wochen ohne Shlomo hinweghalf. Baruch erledigte alles Nötige in seiner korrekten Weise. Rifka kochte für Miriam und Rosalie und war überhaupt sofort da, wenn sie gebraucht wurde. Miriam wollte Moritz Shlomos Tod mitteilen, aber Baruch und Rosalie rieten ihr davon ab. Sie meinten, dass Shlomo es nicht gewollt hätte.

Miriam erwachte aus ihren Wachträumen. Sie schaute zur Uhr, es war Zeit, die Shabbatkerzen anzuzünden, und Rosalie war noch nicht da. Miriam war etwas verwirrt, es war nicht gut, so lange in der Vergangenheit zu verweilen. Sie schaute in den Spiegel und bemerkte zu ihrer Verwunderung, dass sie ihren Hut noch gar nicht abgesetzt hatte. Es war ihr seltsam zumute, ihr Herz klopfte stark, und plötzlich konnte sie alles klar sehen: ihr Hut, ihr Rock, die Punkte auf ihrer Bluse, sie waren gar nicht mehr blau, die Farbe war zu einem Grau, die Punkte waren sogar löchrig geworden. Und sie lächelte darüber, dass weder Shlomo noch Rosalie ihr jemals gesagt hatten, wie sie herumlief.

Als Rosalie in Miriams Wohnung eintraf, brannten die Kerzen noch zur Hälfte, Miriam sass im Sessel, das Gesicht dem Spiegel zugewandt. Rosalie stand eine Weile vor Miriam, dann trug sie ihre alte Freundin zum Sofa, nahm aus dem Schrank zwei Laken. Mit dem einen deckte sie Miriam zu, mit dem anderen verhängte sie den Spiegel. Rosalie setzte sich ein paar Minuten an den Shabbattisch. Sie brach ein Stück Brot ab und goss in ein Glas von dem Wein. Sie ass und trank, dann löschte sie die Kerzen. Sie nahm Abschied von Miriam, und jetzt kamen auch die Tränen. Dann ging sie eilends zur Tür, kehrte aber noch einmal um und holte aus der Schublade den braunen Umschlag.

Sie musste schnell zu Baruch und Rifka, sie musste ihnen Bescheid sagen. Baruch würde wissen, was zu tun nötig wäre.

Und Rosalie? Sie wusste, dass sie wieder ganz allein war, so wie damals in Jerusalem, als ihre Freundschaft mit Miriam und Shlomo unter so schwierigen Bedingungen begann.

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