2002-04-16
Wie Wnuky da reingeriet, ihm kam das ganz überraschend. Die jungen Leute, es ist nicht so einfach, ihnen so was klar zu machen.
Wir hatten schon ähnliches in den Siebzigern. Man kann auch sagen, daß es seit dreißig Jahren nicht mehr ruhig um die Familie war.
Und immer waren es die Machenschaften des Alten, die dem Clan hinterher liefen. Eigentlich harmlose Sachen.
Er hatte einen angeborenen Fehler: er war mit dem, was er wußte, nicht zufrieden. Er wollte immer noch mehr wissen, und die das wußten, mußten sich vor ihm in acht nehmen, wenn sie etwas zu verbergen hatten.
Die internationalen Geheimdienste litten also nicht an Verfolgungswahn oder dergleichen, sie waren nur auf der Hut, weil sie auf der Hut sein mußten.
Der Alte hatte in Israel die Sicherheitsvorkehrungen an der Küste überprüft; er war in Le Havre aufgefallen, als er sich so eingehend für die Küstenanlagen gegen England interessierte.
Seine deutsch-deutschen und deutsch-tschechischen Grenzgänge waren legendär. Ungarn und Jugoslawen konnten ein Lied von ihm singen.
Die Enttäuschung in Thessaloniki war zunächst begrenzt, hatte aber außergewöhnliche Folgen.
Die noch frischen Kontakte zur Schweiz wurden von heute auf morgen zerstört - und international registriert; so daß eine Beziehung, die gar nicht zustande kam, wie ein Postament die Dateien der Dienste belastet und auch verdirbt.
Es ist einfach nichts dran und kann leicht in die Irre führen.
Das lag alles lange und weit zurück. Aber was sie wußten, das wußten sie, und niemals würde der Alte aus ihren Dateien gelöscht werden, denn er stand bei ihnen unter Dauerverdacht.
Nun kam bereits die dritte Generation und hatte auf einmal Schwierigkeiten wegen der nationalen Sicherheit.
Die ganze Familie schien seit vielen Jahren ein Sicherheitsrisiko zu sein oder als ein solches betrachtet zu werden.
Der Überwachungsstaat listet alles auf, was sich umtut und geschieht, und der Alte tat sich um und um, und so geschah allerhand mit seinem Zutun und aus dieser Quelle.
Wollen wir mal ehrlich sein. Als der Wnuky sich beim BND bewarb, schlugen die Wellen hoch und die Vögel auf den Dächern mit den Flügeln, wie wenn es bald losginge, aber wohin?
Die Kokhavim drehten sich um ihre Achsen und setzten auf ein Neues, denn Quellen wurden aufgetan, und das war schließlich ihr Job. Was sie erfahren, bleibt nicht geheim.
Glücksburg. Le Havre. Israel. Berlin. Die ständigen Überprüfungen des eigenen Standorts.
Angefangen hatte es in Treptow, dann lief es nach Wandlitz, wo die DDR-Bonzen bald ihre Zelte aufschlugen.
Doch ehe sie auch nur daran dachten, hatten Avram und Chanah das Terrain sondiert und ihre Spuren hinterlassen, unsichtbare Spuren, deren Erkenntnis nicht über die fünf Sinne ging. Gehen Sie zu der Birke, finden Sie die Birke. Sie ist inzwischen alt und eine wahre Pracht. Suchen Sie die frühesten Äste.
Und jetzt das, und die Globalisierung des familiären Irrtums, das ist doch schon was.
Die Literatur bewirkt, daß man sie liest. Lesen verändert das Bewußtsein, korrigiert das Denken.
Stillehalten ist mitunter der Veräußerung des Denkens vorzuziehen, weil überlegen, wie alles Nichtstun dem Tun überlegen ist.
Tolle Sache, selbst dabeijewesen, und kein Mensch konnte es überprüfen. Wer das letzte Wort hat, bestimmt die Geschichte. Niemand hat das letzte Wort, kein Sterblicher jemals.
Mit welcher Begründung haben sie ihn abgelehnt? Wnuky ist nicht dumm, hat auch den Familienschalk im Nacken, und schließlich soll ja die Geschichte so ausgehen, daß man sich nicht schämen muß, wenn man sie später liest.
Wnuky führte seine Stärke ins Feld. Es war ihm in die Wiege gelegt, ein ganz doppeldeutiger Typ zu werden.
Barry ging ihm aus dem Weg, weil er ihn unheimlich fand.
Wnuky konnte stundenlang in die Gegend starren, ohne ein Wort von sich zu geben. Er schien völlig abwesend zu sein.
In der Zeit seiner hermetischen Abwesenheit registrierte er alles, was um ihn herum geschah, gesprochen und gedacht wurde. Er las aus jeder Mimik, jeder Bewegung, jeder Geste wie aus offenen Büchern, niemand vermochte es wie er. Und alle dachten, es gehe an ihm vorbei.
Wnuky wäre also für den Auslandsgeheimdienst der richtige Mann, ja eine glückliche Fügung gewesen. Nur leider hatte er dieses Handikap in der Ahnengalerie.
So blieb Wnuky noch lange Zeit eine investigative Brache. Bis eines Tages die Welt ausbrach, aber das ist eine Metapher, über die wir uns erst noch klar werden müssen.
Sie fürchteten die zwei Schneiden der Botschaft vom Sinai. Wie konnte ein alter Mann sich als Jude verstehen und zugleich den Islam als die wahre Religion bezeichnen?
In diesem Zwiespalt saß die Welt fest, denn der Widerspruch war mit sich in Feindschaft und Krieg geraten.
Alle seine Söhne und Töchter hatten diese zwei Seiten, das machte sie gefährlich, weil auf den ersten und den zweiten Blick undurchschaubar.
Der größte Fehler, den ihre Feinde machen konnten, war der, sie zu unterschätzen, weil sie gerade ihre naive Seite hervorkehrten.
Niemand hätte in dem Strukturalisten und stillen Strategen Barry den Zeichner Lyrois vermutet.
Die Frauen zeigten und verbargen so viele Gesichter, daß man erschrecken konnte, wenn man dabei den Humor verlor.
Diese Familie war zu allem geboren und fähig, was aus dem Rahmen fiel, eine tolle Mischung, wenn man genauer hinsah, und eine Bescheidenheit dem Blinden und Vorübergehenden.
Also machte Wnuky sich selbständig. Das war schon deshalb eine verrückte Idee, weil er nicht wußte, was er selbständigerweise nun eigentlich anstellen sollte.
Er ließ sich treiben und landete in einer psychiatrischen Klinik, in der Hoffnung, dort seine verlorene Familie wieder zu finden.
Die Idee war nicht von vornherein falsch, denn hier hätten sie alle ein schönes Zuhause finden können.
Doch der Herr der Heerscharen hatte mit ihnen noch etwas vor.
Wnuky landete auf Gottes Geheiß in der Personalabteilung des Bundesnachrichtendienstes und lernte auf diese Weise die Fragen kennen, die man nun an ihn richten sollte.
Allein die Kenntnis dieser Fragen machte Wnuky reich und zu einer Informationsquelle für die Kokhavim, denn die waren unersättlich.
Der fragende Oberst wollte wissen, was Barry im Internet wolle, was seine Absichten seien, was und vor allem wer dahinter stecke.
Es war von geheimen und weniger geheimen Mächten die Rede und der Notwendigkeit, sich vor ihnen zu schützen.
Dies sei Sache des Dienstes, und an dieser Sache und Arbeit könne Wnuky sich nun bald beteiligen, wenn er nur die Voraussetzungen erfüllte, und da machte es in der Leitung knack.
Wnuky hatte erwartet, daß man ihn nach seinen Ambitionen, seinen Talenten und Fähigkeiten fragen würde.
Nun erhielt er den Eindruck, daß sie ihn zu dem Zweck geladen hatten, über die Kokhavim und deren Ambitionen mehr zu erfahren. Der Wald ist voller Spuren.
Waren sie denn die geheimen Mächte, mit denen der Oberst ihm in den Ohren lag?
Der Verdacht verstärkte sich, und nun machte Wnuky einen Fehler, der aber keiner war.
Er schlug nicht ein, als der Oberst ihm das Angebot seines Lebens machte.
Und er schlug nicht ein, weil ihm alles Offizielle, Behördliche, Amtliche zuwider war, auch wenn er dann und wann mit dem Gedanken spielte, eine satte Beamtenlaufbahn einzuschlagen.
Die unmittelbare Nähe des Dienstmanns jagte ihm nun den Schreck ein, der ihn Abstand nehmen ließ. So sollte es sein.
Was suchte der israelische Künstler, der sich auch Lyrois nannte, in arabischen Kreisen Berlins? Wnuky konnte die Frage auch umdrehn. Auf diese Weise war Land in Sicht. Oft können an Fragen Strategien über Epochen hin erkannt werden.
Wnuky bekam kalte Füße und nahm Reißaus, nicht ohne sich vorher artig verabschiedet zu haben. So ging eine kokhavische Chance vielleicht für immer verloren. Wenn die Sache nicht einen kleinen Haken gehabt hätte. Der Schein trog in der Tat.
Der Umweg über den jungen Bewerber war nötig, weil mit ihm und durch ihn, und nur durch ihn, die ebenso neue wie falsche Fährte gelegt werden konnte.
Er hätte das noch eine Weile durchhalten müssen. Wahrscheinlich stand dies aber nicht zur Debatte.
Wnuky war in dem Moment schon wieder entlassen, als er seinen Namen nannte. Darin lag aber sein Auftrag.
Der Umstand, daß sie ihn überhaupt kommen ließen, spricht für die Annahme, daß sie ihn nur kommen ließen, um durch ihn ihre Kenntnisse aufzufrischen.
Sie hatten sofort erkannt, daß etwas im Busch war, auch wenn sie sich ja eigentlich irrten, denn der Zufall, der in der Familie grassiert, hatte auch hier wieder einmal zugeschlagen.
Mit Zufällen, habe ich mir sagen lassen, arbeitet gewöhnlich nur der liebe Gott. Und gehen Sie zu der Birke!
Die Geschichte der Birke birgt ein Geheimnis. Sie war der Treffpunkt, ein geistiger und seelischer Treffpunkt. In ihrem jungen Schatten fing alles an.
Liebe und ein Geheimnis, von dem die Liebe nicht wußte. Das Geheimnis war in der Liebesgefahr. Es drehte sich um die Freiheit, ein Wort, ein Begriff. Was sollte man damit anfangen?
Sie schliefen und liebten sich in der Hütte, badeten in der Regentonne, kochten auf offenem Holzfeuer. Wandlitz sprach von dem seltsamen Liebespaar, das die Wälder bezauberte. Tatsächlich wurden sie von dieser Liebe heimgesucht. Wenn die Raben übers Holzdach hüpften, wußten sie, daß sie beschützt waren.
Die Freiheit war das Geheimnis und die Gefahr. Die weiße Haut der Birke verdeckte den politischen Irrtum.
Der Irrtum war in der Realität, und er war in der Utopie. Hier trafen sie sich und berieten über die Zukunft.
Doch kein Gebet war zu hören, kein Beter war unter den Versammelten. Dennoch war ein Segen auf ihnen.
Die Angst der Geheimdienste ging und geht über die Grenzen hinweg. Ihre Angst ist das Geheimnis ihrer Niederlagen. Angst ist wahrlich kein Spiel. Den geheimen Diensten und Krämern Angst zu bereiten, das kann wohl ein Spiel sein, den Spielenden zur göttlichen Freude.
In der Weiße der Birke und im Spiel unter ihren Zweigen und Blättern ist Gefahr. Im Tanzen ist der tödliche Reigen, weil die Geängstigten keinen Spaß mehr verstehen.
Doch die Liebenden fürchteten sich nicht. Ihre Freiheit gab ihnen Geborgenheit. Die Absurdität der Lage bewirkte zugleich ihre Heiligung.
Eigentlich lief alles sehr konkret ab. Es ging um Essen und Trinken, um Tabak und ein bißchen Geld. Wnukys Ursprünge sind ihm fremd und eingewoben, er entrinnt ihnen nicht. Niemand entrinnt seinen Quellen und ersten Schritten.
Es ist gut, daß der Mensch sterben muß. Er könnte es nicht ertragen, über die Generationen weiter zu leben. Aber vielleicht erträgt er es gern.
Du kannst die Menschen unterteilen in diese und jene, diesen ist nichts zuviel, jenen aber alles.
Wem nichts zuviel ist, der macht weiter, wenn und wo andere gestorben sind, obwohl sie noch leben. Wnuky hat den Diensten Angst gemacht und sie damit ruhig gestellt.
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