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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-04-07
Es gab zwischen uns kein letztes Wort, keinen letzten Gruss, Du warst einfach nicht mehr da. Und da es am Tage Deines Todes viele böse Überraschungen gab und die Gefühle des Trauerns nicht aufkommen konnten, will ich heute an Dich denken, wie Du als kleines Mädchen warst.
Ich kann mich noch genau erinnern. Es war ein sehr heisser Augusttag. Du lagst am Fussende von Muttis Bett, und ich dachte, Du wärst ein Junge und könntest Konrad heissen. Überzeugt war ich, dass Dich die Frau, die sich um Mutti kümmerte, in einem Korb mitgebracht hatte. Wenn wir mit Mutti spazieren gingen, durfte ich nicht den Wagen fahren, weil Du sofort anfingst zu schreien.
Du wurdest ein sehr liebenswürdiges Kind mit blonden Haaren, alle mochten Dich, und Du wusstest es. Deinen Vater liebtest Du abgöttisch, und er liebte Dich. Am liebsten spieltest Du mit Deinen Puppen, Du hattest darunter einen Puppenjungen, dem Du den Vornamen Deines Vaters gabst. Anderen Männern, die uns besuchten, gingst Du aus dem Wege: "Mann beisst!"
Eigentlich wolltest Du nicht in die Schule, Du wolltest bei Deinen Puppen und bei Mutti bleiben. Zur Oma Lucie, die in unserem Haushalt lebte und uns voller Liebe versorgte, hattest Du kein besonderes Verhältnis.
In der Schule hattest Du von der ersten Klasse an eine Klassenlehrerin, die schon Deinen Vater unterrichtet hatte und die Dir diesen immer wieder als Vorbild pries. Als Du 7 Jahre warst, wurde ich (ich war an derselben Schule wie Du) fast jeden Tag aufgefordert, Dich nach Hause zu bringen, weil Dir nicht gut war. Du sagtest immer: "mir ist...", es durfte niemand das Wort "schlecht" aussprechen.
Tragisch ist in diesem Zusammenhang, dass monatelang vor Deinem Tode Deine Antwort auf die Frage nach Deinem Befinden stets "schlecht" lautete.
Die Schule machte Dir nicht so richtigen Spass, es fiel Dir auch alles ein bisschen schwer. Am 8.1.1941 wurde die Ehe der Eltern geschieden wegen der Jüdischkeit unserer Mutter. Es sprach keiner mit uns Kindern darüber, ich las heimlich die Scheidungsurkunde und wusste darum Bescheid.
Am nächsten Tag gingen wir zu einem Mädchen, um wie öfter mit ihm zu spielen. Als wir klingelten, öffnete die Mutter die Tür und fing an, uns ganz schlimm zu beschimpfen ("Judenbälger" usw.), und sie warf uns die Treppen hinunter.
Du warst völlig ahnungslos, warum dies geschah. Du setztest Dich auf die Bordsteinkante und weintest hemmungslos, ich konnte Dich nicht beruhigen. Ich konnte einfach nicht weinen, mich erfüllte so eine grosse Wut, weil Du so weinen musstest.
An diesem Nachmittag wusste ich noch nicht, was mich am nächsten Tag auf dem Schulweg und in meiner Schulklasse erwarten würde.
Du hörtest nicht auf, Deinen Vater zu lieben. Du warst mit ihm so sehr verbunden, dass Du in der Nacht vor seiner zweiten Heirat eben dieses träumtest. Du bist damals unter Tränen aufgewacht und wolltest es nicht glauben.
Übrigens: als Du mir vor zwei Jahren sagtest, Du hättest bis jetzt geglaubt, Du wärest ganz furchtbar unartig gewesen, und dass die Mutter des Mädchens einen Grund hatte, uns die Treppe hinunterzujagen, wusste ich, dass Du nichts verstanden hattest.
Auch 69 Jahre des Zusammenlebens mit unserer Mutter hatten Dir keine Aufklärung gebracht.
Die Grosseltern, Eltern Deines Vaters, hatten sich von dem Sohn losgesagt. Und solange der Opa, der in dem Berliner Vorort Achtung genoss, lebte, waren unsere Mutter und wir geschützt.
Danach verschwanden wir aus Berlin und lebten von da an bei Verwandten in der Kaschubei. Du konntest Dich nicht mit ihnen anfreunden, deshalb warst Du oft unglücklich, hattest Sehnsucht nach Zuhause. Sowie unsere Mutter ausser Sichtweite war, wurdest Du unruhig. Dabei war es für Kinder in dem kleinen Dorf so wunderschön, die Dorfleute, die zum Teil nur polnisch sprachen, nahmen uns sofort an. Ich jedenfalls fühlte mich dort wohl.
Als unsere Mutter zum Schippen musste und während dieser Zeit in einem Lager lebte, hast Du nachts nur geweint.
Die Flucht aus dem Dorf, unterwegs der Einmarsch der russischen Truppen, Angst, Hunger, Erschöpfung und immer wieder Angst - das hast Du kleines Mädchen beinahe nicht geschafft. Du hast Dich geweigert, zu essen und wurdest immer schwächer.
Die letzte Etappe konnten wir zum Glück im Bremserhäuschen eines Güterzuges bewältigen. Es war ein strahlender Junitag, wir waren so schmutzig, hatten unsere Wintersachen an, und als wir in Berlin-Lichtenberg ankamen, sahen wir die Frauen in bunten Sommerkleidern. Es war zwar alles kaputt, Häuser, Strassen, die U-Bahnschächte aufgerissen, aber es herrschte keine gedrückte Stimmung.
Unser Wohnhaus stand, wir bekamen unsere kleine Wohnung zurück. Sie war zwar zum Teil zerstört, aber immerhin bewohnbar, und wir waren so sehr glücklich darüber. Du gingst wieder zur Schule und kamst so in eine gewisse Ordnung.
Und hier will ich meine Gedanken an Dich beenden.
Du gingst im 69. Lebensjahr nach schwerem Leiden aus dieser Welt. Durch die von Dir gewollte (See-) Bestattung ist nichts von Dir geblieben, alles, was an Dich erinnerte, ist von Deinem Sohn sehr schnell beseitigt worden, Deine von Dir mit Liebe ausgesuchten Möbel, Deine Bilder, Decken, Kissen - alles, als wäre es nie dagewesen.
Und nur die Vögel, die in Deinen Bäumen sangen, und der Auerhahn, der aus dem Moor kam, um Dich zu besuchen, sie werden Dich noch ein paar Tage vermisst und auf ihr Futter gewartet haben.
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