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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-04-04
Viele Anknüpfungspunkte, und die Kinder, die darauf folgten. Wie war das zu fassen? Das polnische Dorf hatte einen Namen, Oslawdamerow. Heute heißt es ein bißchen anders. Der Schutzengel des Dorfes war der deutsche Gendarm. Wenn die Partisanen sich abends unter die Beter im Gottesgarten mischten, drückte er nicht beide Augen zu, er sah gar nicht erst hin, er wußte nicht einmal, wovon eigentlich die Rede war.
Auf der anderen Seite der Bankier Schlomo aus Salzburg, mein Muttervatervater, der nach Frankfurt ging, wo er mit seinem Geschäft in den zwanziger Jahren das große Desaster erlebte. Was davon übrig blieb, war der Ruf des Mannes, der seine Kunden gewissenhaft auszahlte, bevor er den Laden schloß. Wann war das, zwanziger, Anfang dreißiger Jahre. Seine Söhne William, Felix, Arthur und die Tochter Marie gingen nach Berlin.
Vielleicht gibt es einen kleinen Einblick, wenn ich die Unterschiede oder auch Gegensätze zwischen Felix und William erwähne. Beide waren im Ersten Weltkrieg beim deutschen Militär. Felix als Leutnant im Einsatz, William ranglos in einer Versorgungseinheit. Als junger Soldat bei der Armee legte er bereits den Grundstein für seine künftige Existenz.
Während der Nazizeit lebte er in England, danach kam er nach Berlin zurück und betrieb am Kurfürstendamm ein gutgehendes Pelzgeschäft. Von Arthur weiß ich nur wenig.
Er tauchte ab und zu bei Felix auf, sprach kaum, war immer in Gedanken. Man bemerkte ihn kaum, vermißte ihn auch nicht, er benahm sich so unauffällig, daß niemand es merkte, wenn er die Wohnung verließ. Es kam vor, daß jemand nach ihm fragte, wenn er seit einer Stunde schon weg war. Ich kann mich nicht erinnern, ob er einen gelben Stern trug. Wenn er ein unter den gegebenen Umständen aufregendes Leben führte, so wußten wir nichts davon. Ein Getriebener, mochte man meinen, ein Untergetauchter, der aber irgendwelche Fäden zog, er sah nicht aus wie einer, der aufgegeben hatte.
Felix unterhielt einen Großhandel mit Tuchen und Pelzen, den er in der Nazizeit einschränken und schließlich einstellen mußte. Er lebte als Jude in SW 29, trug aus unerfindlichen Gründen keinen gelben Stern, während seine Schwester nach Ravensbrück deportiert wurde, wo sie umkam. Sie war 52 Jahre alt.
Varnsdorf hat nach den Gesamtumständen eine Theorie entwickelt, die meinen Großvater im nachhinein in ein gewisses Zwielicht stellt, weil er meint, daß sich hinter Felix ein politisches Geheimnis verbarg. Als Indizien führt er an, daß Felix deutscher Offizier im Ersten Weltkrieg war, keinen gelben Stern tragen mußte, auch in der schlechten Zeit über Geldmittel verfügte, seine Wohnung behalten durfte. Aber die Wahrheit sieht anders aus. Vielleicht hatte er einen gewissen Stolz und elegante Umgangsformen entwickelt, die es ihm erlaubten, auch durch die dunkelsten Zonen seines Lebens mit Würde zu kommen. Er hatte alles verloren, sein Spieltrieb mochte dazu beigetragen haben.
Ich will aus dem Mann nicht nachträglich einen unschuldigen Engel machen, das würde auch nicht in das bisher Erzählte passen. Aber mein Großvater war vor allem ein Mensch, von dem sich mancheiner, der ihn später verurteilt hat, eine Scheibe abschneiden könnte. Felix hielt über Jahre bis zum Ende des Krieges die Tochter seiner Schwester versteckt, obwohl er selbst Anfang 1944 in ein KZ kam. Seine Wohnung teilte er mit vielen Menschen, die Hilfe brauchten, und die blieben, als er gehen mußte.
Felix und seine Gäste hörten regelmäßig den Londoner Rundfunk.
Im Sommer des Jahres 1942 klingelte es an seiner Wohnungstür. Draußen standen zwei Schutzpolizisten und fragten ihn, ob er "der Jude Felix" sei. Felix bejahte und erhielt daraufhin einen Karton ausgehändigt. Er hatte nur noch zu quittieren. In dem Karton befand sich die Asche seiner Schwester. Der Zynismus dieses Vorgangs tarnte sich womöglich noch als ein "Privileg", die Asche seiner in Ravensbrück ermordeten Schwester frei Haus geliefert zu bekommen und sie nun auf dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee begraben zu dürfen.
Anfang 1944 wurde er selbst in ein KZ-Lager verschleppt, aus dem er Ende des Krieges befreit wurde. Ich weiß nichts über die näheren Umstände, kenne auch den Namen des Lagers nicht. Mein Großvater sprach nicht darüber, erwähnte allerdings einmal, daß er Glück gehabt hätte, erst so spät deportiert worden zu sein.
Die jüdische Strang der Familie wurde stark dezimiert, nicht nur durch Auswanderung und Tod. Was viel nachhaltiger wirkt, ist der Verlust, ist die Aufgabe des Judentums. Die geistige Tradition brach Stück für Stück ab. Mein Vater ging nach Mexiko zurück. Meine Mutter verriet und verwarf alles, was irgendwie mit Judentum zu tun hatte. Mein Muttervater war Jude, verstand sich als Jude, hatte jedoch den unverkennbaren Zug ins Weltliche. Er wurde nach dem Krieg Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und verstand die Frage, wie sich das mit dem Judentum vereinbaren lasse, überhaupt nicht.
Der Alte, als er noch jung war, hatte ihn danach gefragt. Nun muß man wohl hinzufügen, daß der Frager vom Judentum dazumal eine eingeschränkte Auffassung hatte. Man kann es auch anders formulieren. Der Alte bzw. damals Junge konnte vom hiesigen Judentum nur wenig wissen, weil es sich Mitte der fünfziger Jahre hierzulande noch gar nicht richtig wieder gefunden hatte. Außerdem war die Vorstellung von einem Juden an die jüdischen Schriftsteller, Journalisten, Wissenschaftler, Schauspieler und Regisseure gebunden. Namen wie Franz Kafka, Sigmund Freud, Albert Einstein, Fritz Kortner, Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler, Jan Kiepura standen für das vergangene Judentum in Mitteleuropa ein. Martin Buber vermittelte seine Auffassung vom osteuropäischen Chassidismus, aber einen Chassid hatte in Deutschland noch niemand gesehen.
Von jüdischer Seite wurde viel getan, um diesen Eindruck nicht zu verwischen. In den fünfziger Jahren wurden die Berliner Synagogen eingerissen und aus dem Stadtbild beseitigt. Es ist ja eine Legende, daß die Nazis die Synagogen zerstört hätten. Natürlich waren in der sogenannten Kristallnacht im November 1938 Synagogen angezündet und beschädigt worden. Auch dem Bombenkrieg fielen Synagogengebäude zum Opfer. Aber den großen Aufwisch erledigten die Berliner sozialdemokratisch beherrschten Senatsbehörden, und zwar in Zusammenarbeit mit der jüdischen Claims-Konferenz, die in Deutschland aus zunächst unerfindlichen Gründen die Spuren jüdischen Lebens auslöschen wollte. Das jüdische Eigentum an den Grundstücken wurde an die Stadt verkauft, die nichts Eiligeres zu tun wußte, als eben auf ihre Art die Vergangenheit zu bewältigen. Westberlin war dazumal fest in sozialdemokratisch-deutscher Hand.
Diese unglaublichen Vorgänge sind in zwei großen Bildbänden dokumentiert worden, aufgeregt hat sich darüber aber niemand. Als der Regierende Bürgermeister und spätere Bundeskanzler Willy Brandt gegen Kriegsende gefragt wurde, ob die aus Deutschland vertriebenen Juden wieder zurückkehren sollten, winkte er sofort ab. Offenbar war man sich international darin einig. Auf jüdischer Seite bestand das Hauptinteresse am Aufbau des Staates Israel. Alle zur Verfügung stehenden Mittel sollten dorthin geleitet werden.
Europa stand im Zeichen eines sozialen Atheismus. Viele Juden konnten nach dem Vertreibungs- und Vernichtungsschicksal nicht verstehen, wie Gott das hatte zulassen können. So fielen sie vom religiösen Judentum ab. Viele allerdings hatten schon lange vorher die Synagoge verlassen. Die Gründe dafür waren meist intellektueller, aber auch sozialer Natur. Die armen proletarisierten Juden Osteuropas sahen in der Religion für sich keinen Sinn, geschweige denn einen Vorteil. Ihre sozialistische Neuorientierung war zugleich ein Abfall vom Judentum, von Gott, vom religiösen Denken und Urteilen. Wenn ihre Auserwähltheit vor Gott darin bestand, nicht zu wissen, wie sie ihre Kinder satt kriegen sollten, konnten sie ja gleich Christen werden, denn die kannten wenigstens den Adel der Armut, während in jüdischer Vorstellung ein armer Hund eben ein armer Hund und gar nichts Besonderes und Erwähnenswertes war. Aber das ist so nicht richtig. Die jüdische Pflicht, armen Menschen zu helfen, sie zum Shabath-Essen zu laden, ist eine alte schöne Tradition, wenn auch vielleicht nur ein kleines Pflaster auf große Wunden. Die Abwendung der Armen hatte halt verschiedene Motive. Auf jüdische Weise könnte man auch fragen, ob nicht der Abfall vom Judentum, ob nicht der innere Verrat zu der oft erbarmungswürdigen Lage beigetragen oder gar geführt hatte. Ursache und Wirkung sind sich oft zum Verwechseln ähnlich.
Die neuen Materialisten wurden Sozialisten, Zionisten, wenn sie bloß ihrer Not entrinnen konnten. Das Land Palästina war für viele, wenn auch nicht für alle eine große Verlockung. Die Verheißung Gottes vermischte sich jetzt mit dem politischen Versprechen, daß wir es schaffen können, wenn wir es wollen.
Alles bewegte sich auf dieser Kante, die das religiöse Judentum von den weltlich orientierten Juden trennte. Auch sogenannte Mischehen waren jetzt kein Tabu mehr. Selbst in Palästina, wo der jüdische Staat errichtet werden sollte, sah man gelassen darüber hinweg, daß der eine oder andere israelische Chawer und Kämpfer kein Jude war, sondern ein Sympathisant, oder auch nur jemand, den es nach dort verschlagen hatte.
In meiner Familie spielte es sich so ab, daß meine Eltern mir vorsorglich zwei Vornamen gaben, einen christlichen und einen jüdischen, man konnte nie wissen. Im deutschen Judentum verbarg und äußerte sich ein beachtlicher Opportunismus. Dies hat sich auch nach dem Krieg nicht geändert, obwohl in der Öffentlichkeit durchaus der Eindruck gewonnen werden konnte, daß diesmal die Juden sich nicht unterbuttern lassen wollten. Ihre Scheinkämpfe gegen bundesrepublikanische Zustände waren indes nicht zu übersehen, wenn man nur etwas genauer hinsah.
Imgrunde vertraten die jüdischen Stimmen in Deutschland eine bestimmte politische Richtung, die lange Zeit sich weitgehend mit den ideologischen Festlegungen des damaligen Sowjetblocks deckte. Die Vereinbarungen von Potsdam waren den offiziellen jüdischen Stellen in Deutschland wichtiger als unsere Demokratie. Und was das religiöse Judentum anbetraf, so wirkten sie assimilativ im Sinne moderner westweltlicher Ideologien. Von biblischen Grundsätzen war nichts zu sehen und zu hören. Die schärfsten Feindseligkeiten etwa gegen das chassidische Judentum kommen heute aus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.
Der herkömmliche "alte" Antisemitismus war immer eine Seelenfeindschaft gegen das Judentum als Religion. Das war sozusagen das Herz allen Hasses gegen die Juden. Der jüdische Antisemitismus spielte dabei immer schon eine besondere Rolle. Er bietet sich assimilativ den herrschenden europäischen Mächten und Wortführern als Alternative zum "Ostjuden" an und bekämpft gleichzeitig dieses "Ostjudentum" aufs entschiedenste. Niemand ist den religiösen ("schwarzen"!) Juden so feind wie die areligiösen, atheistischen ("weißen") Juden. Unger Varnsdorf fragt sich, ob nicht das Judentum allmählich daran denken sollte, in solchen Grundsatzfragen Klarheit zu schaffen. Das religiöse jüdische Selbstverständnis schließt niemanden aus; indessen erleben wir es bereits, daß die Religiösen womöglich selbst bald auf der Straße stehen, wenn sie nicht höllisch aufpassen.
Die Ausgrenzung ist allerdings ein spezifisch jüdischer Zug in der ganzen langen Geschichte des Volkes. Unterscheiden lernen, sich trennen, wachsen, sich wieder trennen, ablösen, qualifizieren. Gemeinsamkeit besteht aber allemal in der Familie, in der separaten Gemeinschaft, in der politisch engeren Gruppe.
Wollte ich nicht meine Geschichte erzählen? Das ist meine Geschichte. Eine große Familie, so viele Menschen, so viele Generationen, die ich kannte, und nichts hält wirklich zusammen. Was wir gemeinsam haben, ist bestenfalls unsere Idee, unsere Liebe zu Israel, diese Faszination, die wir uns nicht erklären können. Wir laufen auseinander, aber es hält uns dennoch etwas zusammen. Wenn auch mehr in den Köpfen und Herzen als in der täglichen Realität.
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