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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-04-01
Nun konnten wir eine Menge zusammentragen. Meine Großmütter spielten damals eine wichtige Rolle als Versorgerinnen. Mein angeblicher Großvater ist daran geschäftlich zugrunde gegangen, daß seine zahlreiche Familie sich nicht ernähren konnte. Und mein wirklicher Großvater, nämlich der mütterlicherseits, hatte einen Zug zum Unernst des Lebens, er war ein leidenschaftlicher Spieler, der zuletzt den schwarzen Flügel meiner Großmutter versetzte, um seine Spielschulden bezahlen zu können. Auch so können Familien ins Souterrain gelangen.
Meine Muttermutter war eine treue, reizende, gebildete, fleißige und sensible Frau. Sie war schön, intelligent und lebenstüchtig zugleich, fast das Gegenteil ihrer Tochter. Sie ist in Polen verstorben. Die näheren Umstände weiß keiner. Auf diesen Punkt will ich noch zurückkommen.
Sie hatte vom Onkel die Schneiderwerkstatt übernommen und wirkte als Zwischenmeisterin, die in ihrer Freizeit Klavier spielte und alle jene damit erfreute, die sie erreichen konnte. Sie war eine glückliche Fügung, in deren Schatten Kinder nur gedeihen konnten, wenn sie ihr nachstrebten. Sie hatte zwei Töchter, von denen die eine kräftig zupackte und lernen wollte, während die andere ihren Tagträumen nachhing.
Die Familie versprach sich viel von ihr, in erster Linie, daß sie ihren Mann, meinen verspielten Großvater, der ein paar Jahre später den Ernst des Lebens noch kennenlernen sollte, auf die richtige Bahn bringen würde.
Mein Onkel William wollte mich adoptieren und nach England mitnehmen. Meine Mutter stellte sich diesem Vorhaben vehement in den Weg. Er hatte keine rechtlichen Gegenmittel und war in der Sache völlig hilflos. Auch ihr Mann, mein Ersatzvater oder Vaterersatz, verhinderte die Adoption, obwohl er mich gar nicht mochte. Er hegte von Anfang an einen Verdacht, und es ist durchaus denkbar, daß er über meinen väterlichen Ursprung mehr wußte als mein mexikanischer Vater.
Es war verrückt. Die verkrachten Eheleute waren sich gegen den englischen Juden einig, und der konnte nicht helfen. Meine Mutter, die bereits rechtlos zu werden begann, konnte ihr "Recht auf das Kind" als Unrecht zur Geltung bringen, gemeinsam mit ihrem Mann, der sie ein paar Jahre später zusammen mit ihren Kindern der staatlichen Verfolgung aussetzen wird, indem er sich von seiner jüdischen Frau scheiden läßt. Da kam alles denkbar Böse und alle Mißgunst zusammen. Menschlicher Stolz, gepaart mit Dummheit und Trotz, brachte drei Menschen in akute Lebensgefahr.
Meine mexikanischen Vatereltern habe ich nie kennengelernt, und sie werden von mir nichts wissen, nicht einmal, daß es mich gibt. Sie wissen auch nicht, daß ich jetzt an sie denke und seelische Grüße sende. Irgendetwas muß man ja tun, um abgerissene Fäden wieder zusammen zu knüpfen, denn sie gehören nun mal zusammen.
Hierbei geht es zunächst um die Aufbesserung des Kenntnisstandes. Wer oder was hat dazu geführt, daß alles auseinander lief, daß alles zusammen kam, was zusammen gekommen ist; daß also eine Neusortierung vorgenommen wurde, die nach menschlichem Ermessen nicht möglich war. Natürlich kann man sich allerlei vorstellen, kann sich denken, wie das und das zusammen passen würde, aber wie man es anstellt, daß es dann auch wirklich zusammen kommt, obendrein mit der Sicherheit, daß Zusammengehöriges zusammengeführt wird und bisher Zusammengehörendes jetzt getrennt werden muß, weil eine andere Rezeption im Plan steht, das können wir uns nicht in den Kopf setzen, ohne damit scheitern zu müssen. Weil wir einfach nicht wissen, was zusammenkommen muß.
Wir wissen es nicht. Wenn ich mir überlege, was sich in den vergangenen siebzig Jahren ereignet hat, ereignet hat, was mich und meine Familie betrifft, so habe ich für die Fügungen, die es zustande brachten, keine Erklärung. Auf diese Weise, man sieht und erlebt es und staunt, auf diese Weise ist Gott wieder in unsere Familie eingetreten.
Wahrscheinlich war er immer da. Wir haben ihn aber nicht zur Kenntnis genommen. Wir kamen nicht darauf, daß etwas in unserer Nähe war, was auf uns aufpaßte und uns über den Fahrdamm brachte, uns durch die Bombennächte dirigierte, durch Partisanenwälder führte, ohne daß wir gefährdet wurden, und ohne daß wir andere gefährdeten, was aus Unwissenheit und Angst leicht hätte geschehen können.
Wir wohnten in der Höhle des Löwen, oder der Löwe hatte sich bei uns einquartiert. Es war nicht der Löwe, sondern die SS, die in unserm Haus Quartier bezogen hatte, in unserm Haus und in anderen Häusern des polnischen Dorfes. Inmitten der Partisanenwälder hatten sie Quartier bezogen und trauten sich nicht aus dem Dorf heraus. Das war eine gespenstische Situation.
Sie hatten Angst, ja, sie hatten Angst - und Respekt. Sie hatten Respekt, weil sie sich fürchten mußten, weil sie Grund hatten, sich zu fürchten. Als der sogenannte Landvermesser nachts in seinem Bett erschossen wurde, war die Gefahr ihnen auf den Leib gerückt, und die Angst kroch ihnen über jede Hautfalte und nistete in den Haarwurzeln, das hatten die Helden noch nicht kennengelernt, darauf waren sie nicht vorbereitet worden. Und was sie dagegen unternahmen, verschlimmerte ihre Situation um so mehr.
Gegen die Partisanen waren sie machtlos, aber es lebten genug Zivilisten in der Gegend, meist kleine Bauern, denen man mal kräftig auf die Füße treten konnte. Das wichtigste Ziel aufkommender Rachgelüste war jedoch ein Lager in der Nähe, nur wenige Kilometer weiter nach Osten. Ein KZ-Lager für Frauen, wo Jüdinnen und Zigeunerinnen untergebracht waren.
Eines Morgens rumorte es im Haus. Wir wurden wach und stellten bald fest, daß die SS-Leute zurückgekommen waren, daß sie fort gewesen sein mußten. Als wir beim Frühstück saßen, kam der eine in die Küche und sah uns erschrocken an. Wir waren verwundert, daß er nicht grüßte, Sohni, er war damals sechs, machte einen Spaß, aber der Mann sah um sich wie aus einer anderen Welt und sagte, faßt mich nicht an, an mir klebt Blut, faßt mich nicht an. Was meinte er nur? Er war gar nicht blutig, man sah kein Blut an seiner Kleidung oder den Händen oder im Gesicht. Was meinte er nur?
Wir wußten nicht, was um uns herum geschah. Es hieß, in der Nähe sei ein Truppenübungsplatz, und niemand sah einen Grund, das anzuzweifeln. Hier waren Truppen, also gab es einen Truppenübungsplatz. Aber der "Truppenübungsplatz" war das Konzentrationslager in Bruss.
Der Landvermesser ging tatsächlich seinem Beruf nach. Er hatte den Auftrag, am Rande unseres Dorfes, also zwischen Dorf und Partisanenwald, ein Gebiet für ein neues, zusätzliches Konzentrationslager auszumessen und für den Bau vorzubereiten. Er wurde erschossen, und alle dachten, er sei aus Versehen anstelle des Ortsgruppenleiters erschossen worden, in dessen Haus er untergebracht war. Von dem Planungsvorhaben wußte niemand etwas. Das war nicht nur geheim, es kam auch niemand darauf, obwohl es doch nahe gelegen hätte, so etwas anzunehmen. Selbst in den wachsten Zeiten ist der Schlaf mitunter tief.
Durch die Berührung mit der SS wußten wir indirekt und ungenau das eine oder andere, das ließ sich nicht vermeiden, wenn Menschen mehr oder weniger zusammen leben, miteinander sprechen und auch ihren Gefühlen Ausdruck geben. So wurde uns vage bekannt, daß in der Nähe irgendetwas Dunkles war, etwas, wovon man eigentlich nichts wissen durfte, um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Mitwisserschaft macht sich unbeliebt. Aber daß es ein besonderes Konzentrationslager war, das an einem bekannten Ort lag, der den Namen Bruss trug, das habe ich erst in den achtziger Jahren aus einem Lager-Plan, der einem Buch über KZ-Einrichtungen beigeheftet war, erfahren. Inzwischen waren vierzig Jahre vergangen.
Solche Verwicklungen in Situationen, die man nicht durchschaut, die man gar nicht durchschauen darf, weil "durchschauendes" Wissen ganz einfach verboten ist, machen nachdenklich. Denn in so einer Situation kann man sich jederzeit befinden, ohne es zu wissen, obwohl es vielleicht gar nicht mehr verboten ist. Man kommt einfach nicht darauf, weil man sich seine heile Welt nicht zerstören lassen will. Solche Fragen haben oft zu Streit mit meinem Mann geführt, wenn er mich etwa veranlassen wollte, irgendwo mal hinter die Kulissen zu schauen.
Er hatte mal einen Traum. Er ging gleich um die Ecke die Nachbarstraße entlang, war auf dem Heimweg, noch zwei Minuten, dann klingelte es an der Tür. Nebenan war ein unbebautes Grundstück, das Haus war im Krieg weggebombt worden. Auf dem freien Platz standen alte Wagen von Schaustellern herum. Manchmal übernachtete da einer. Auf diesem Platz hatte jemand einen langen Plastikschlauch ausgelegt. Vielleicht ein oder zwei Meter Durchmesser. Der Alte wußte, weiß der Himmel, woher, daß sich in diesem Schlauch schreckliche Dinge abspielten. Er wußte nicht, was es war, was da wirklich geschah, wußte jedoch, daß es etwas sehr Schlimmes war, irgendein Verbrechen, von dem niemand etwas wissen sollte, das so geheim ablief, daß man es absichtlich in der Öffentlichkeit, wo jeder vorbei kam, installiert hatte.
Er verstand es als eine Lehre, einen Hinweis, daß er auf seine Umgebung, seine Nachbarschaft, auf die harmlose Landschaft in Nähe und Ferne, auf betuliche wie auf eifrige Menschen achtgeben müsse. So sollte hinter ungewöhnliche, gleichwohl harmlos erscheinende Vorgänge ein Blick geworfen werden. Was war davon zu halten?
Varnsdorf spricht von einer hermeneutischen Sicht, was allerdings bedeutet, daß du es nicht verallgemeinern, auch nicht lehren kannst und darfst. Es würde nur noch weiterer Schaden angerichtet. Die Aufforderung an alle, unter jedem Verdeck ein Verbrechen für möglich zu halten, wäre eine Aufforderung zu Verfolgungswahn und Denunziation. Ein Appell an die Wichtigtuerei. Der Alte blieb also mit seinem Traum und seiner Deutung des Traums allein. So soll es auch sein, sagt Unger Varnsdorf.
Demnach ist, was immer geschieht, Gottes Wille?
Namensgeschichte ist ein Geschichtskapitel für sich. Gesichert sind die Gräber meines Großonkels William Wolff auf dem jüdischen Friedhof an der Heerstraße und meiner Großtante Marie Freidank, geb. Wolff, auf dem jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee (Reg.-Nr. 22799).
Freidank, Marie, geb. Wolff, geboren am 23.07.1890 in Berlin; Weißensee, Trarbacher Straße 19; Todesort: Ravensbrück am 29.04.1942. Beerdigung der Asche am 27.07.1942 auf dem Feld F, Reihe 14 (22799). Vgl. Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus (Ed. Hentrich, 1995).
Meine Muttermutter liegt irgendwo in Polen begraben. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich fest schlief, als sie verschwand. Warum war ich eingeschlafen, warum war ich nicht wach, als meine Oma verschleppt wurde? Denn davon war ich fest überzeugt. Oder sie ging nach Wasser, geriet in gefährliches Gebiet, verirrte sich und fand nicht zurück. Ich machte insgeheim meiner Mutter schwere Vorwürfe, glaubte eine Zeitlang, sie habe ihre Mutter auf diese Weise unauffällig loswerden wollen. Der Verdacht, ein wirklich finsterer Verdacht, ließ sich nicht bestätigen, wie sollte er auch, und ich denke, daß meine Vorurteile wie wilde Pferde mit mir durchgingen. Ich mußte aber immer wieder an meinen Onkel William denken, der von Menschen, die sonst haltlos im Leben stehen, systematisch daran gehindert wurde, Situationen vorzubeugen, in denen wir jetzt zurechtkommen mußten und soeben meine Muttermutter verloren gegangen war. Spurlos. Ich sehe sie beim Einschlafen oft vor mir. Sie ruft nach mir, sie spricht zu mir, sie braucht meine Hilfe, und ich bin nicht da. Träumte ich von Onkel Williams englischem Garten? Ich war sterbenskrank.
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