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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-03-27
Ich habe es versucht, aber die unvernichteten Papiere geben nichts her. Irgendwas fehlt immer. Obwohl ich es besser weiß, wird mir stets wieder gesagt, daß die Lücken nicht geschlossen werden können, weil der Krieg dazwischen kam, das Landgericht zerbombt wurde und abbrannte. Nichts mehr da von dem, was mein Leben oder die familiären Voraussetzungen meines Lebens ausmachte. Obwohl ich es besser weiß, gilt für die Ämter nur, was sie anhand ihrer Akten selber zu wissen behaupten. Und das taugt nichts und hilft auch nicht weiter.
Ich weiß, wer ich bin, weiß, wo ich herkomme, kenne meine Eltern und Voreltern, habe Einsicht und Erinnerung bis in die kompliziertesten Binnenverhältnisse meiner Herkunftsfamilien. Was mir heute wieder auf dem Standesamt passiert ist, Rathaus Pankow, Breite Straße, alles nette Leute, die gerne helfen möchten, aber nicht helfen können, weil Urkunden, von denen man weiß, daß sie existieren, nicht auffindbar, die Angestellten entweder überfordert sind oder das System nicht mehr in unsere Zeit paßt...
Was dabei herauskommt, weiß ich sowieso, weil ich früher schon mal hineinsehen konnte. Ein herrliches Durcheinander fand ich da vor. Sachen, die gar nicht zusammen gehören, liegen dicht beisammen, was aber dazu gehört, ist nicht da, und wo es ist, weiß niemand zu sagen.
Ich schreibe meine Geschichte nun selber auf, nach bestem Wissen und Gewissen, mit meinem Mitarbeiter Varnsdorf, dem ich alles erzählt habe und weiterhin erzähle, alles, was ich weiß, was mir bei der Arbeit noch einfällt. Ich hab's ihm erzählt, er schreibt es dann auf. Vielleicht schalte ich mich noch selber ein, korrigiere dies oder das, was mir nachträglich plötzlich genauer in die Erinnerung rückt. Es sind immerhin ein paar Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts aufzuarbeiten, sozusagen wieder hereinzuholen. Denn tatsächlich sind sie mir verloren gegangen. Es reicht ja nicht aus, die kleinen Geschehnisse alle irgendwo im Kopf zu haben, es muß mal zusammengestellt werden. Beim Sondieren und Sortieren fällt einem vieles wieder ein, das in einem vergessenen Winkel nur darauf wartete, geweckt zu werden.
Alles war ja mal wach, lebte sein Leben, war Gegenwart, manches ist mir gegenwärtiger als vieles, was heutzutage passiert und doch so wenig zurück läßt.
Ich wurde geboren. Jeder wurde geboren. Ich war das erste Kind, die erste Tochter, meiner Eltern. Eltern. Ja, gleich am Anfang meines schönen Lebens treten die ersten Fragen auf. Wer sind meine Eltern? Meine Mutter brachte mich am 3. April 1930, am selben Tag mit Helmut Kohl, dem damals späteren, inzwischen früheren Bundeskanzler, zur Welt. Ort der Ankunft: Niederschönhausen, wo ich auch meine Kindheit verbrachte. Niederschönhausen, das zu Preußenzeiten zum Kreis Niederbarnim gehörte, war inzwischen dem Berliner Bezirk Pankow angegliedert worden.
Das Haus meiner Geburt, Uhlandstraße 51, hatte bereits eine interessante Geschichte hinter sich. Der Vater meines Großonkels hatte es zur Jahrhundertwende gebaut und an ein jüdisches Lehrlingsheim vermietet. Er war selbständiger Schneidermeister, hatte gut verdient, eine Familie gegründet und wollte nun einen Familiensitz errichten, was dem Umstand, daß er das Haus zunächst vollständig vermietete, entgegen zu stehen scheint.
Er hatte einen Sohn, der das Haus übernahm, ein Autodroschkenunternehmen betrieb, das er einstellen mußte, als er von den Geistern des Alkohols heimgesucht wurde, was dem Geschäft nicht eben zuträglich war. Das Haus blieb gleichwohl im Besitz der Familie.
Das jüdische Lehrlingsheim zog im ersten Jahrzehnt wieder aus, was noch genauer zu eruieren ist. Die Pankower Zigarettenfabrik Garbáty hatte in der Berliner Straße ein Waisenhaus errichtet, mit dem möglicherweise das Lehrlingsheim organisatorisch zusammengelegt wurde. Das ist nicht sicher belegt. Ich werde es gegebenenfalls richtigstellen.
Die Mutterschaft ist unbestritten. Ich weiß aber nicht genau, wer mein Vater ist. Ich weiß, daß der Mann, dessen Familiennamen ich trug, nicht mein Vater war. Weiß ich es? Die Indizien sind so stark, daß meine Mutter kurz vor ihrem Tode meinen Verdacht nicht nur mit Worten, sondern auch mit Familienpapieren bestätigen mußte.
Der Geliebte meiner Mutter war Jude. Seine Familie kam in den zwanziger Jahren aus Mexiko nach Deutschland, wo sie sich berufliche und geschäftliche Hoffnungen machte. Das Heraufkommen des NS-Faschismus mit seinem drohenden Antisemitismus brachte die Familie gar nicht erst dazu, hier richtig Fuß zu fassen. Sie ging im Sommer 1929 nach Mexiko zurück. Meine Mutter sollte mitgehen. So war das gedacht und vorgesehen, aber sie hatte Angst vor der Fremde und konnte sich nicht entschließen, ihr Niederschönhausen zu verlassen.
Das Paar trennte sich. Meine Mutter ging mit mir schwanger. Ob der Mexikaner das wußte, weiß ich nicht. Ich vermute, daß meine Mutter es vor ihm verheimlichte, um es zu keinen Komplikationen kommen zu lassen. Alle Umstände, auch die psychologischer Art, sprechen für diese Annahme. Die Heirat mit dem Mann, dessen Namen ich trug und der als mein Vater ausgegeben wurde, erfolgte flugs. So kam ich als eheliches Kind zur Welt.
Die Nachbarschaft fragte zwar nach dem verschwundenen Mexikaner und wunderte sich über die plötzliche Heirat eines Ersatzmanns. Doch mit der Zeit gingen solche Fragen unter. Auch kam dann der Krieg, und ganz andere Sorgen beschäftigten und belasteten die Menschen.
Meine Mutter war Jüdin, wollte jedoch vom Judentum nichts wissen, und da ihr jüdischer Vater, mein Großvater, am Ersten Weltkrieg als deutscher Offizier teilgenommen hatte, bezeichnete sie sich gern als preußische Offizierstochter, womit der jüdische Anteil ganz unauffällig weggewischt wurde.
Vielleicht war das von Anfang an bezeichnend für meine Mutter: daß sie gewisse Tatsachen und Wahrheiten vertuschte, daß sie, wenn man genauer hinsah, das Jüdische in ihrem Leben verdrängte, und zwar so nachhaltig, daß sie am Ende selber daran glaubte, es sei eigentlich nichts dran gewesen am Judentum ihrer Familie.
Deutsche Juden benahmen sich oft so; meine Mutter war in diesem Sinne keine allzu krasse Ausnahme. Auch ihr Vater verstand sich als Deutscher, der für sein Judentum allerdings einstand, wenn es ernst wurde. Er war nicht einer von denen, die es am liebsten abgelegt hätten, wäre da nicht dieser Hitler gekommen mit seiner Arierschnüffelei.
Mein Großvater war allerdings fest davon überzeugt, daß bei allem Hitlernazismus der Hauptgrund für die Judenverfolgung die Ostjuden waren, die aus Polen und Rußland nach Deutschland kamen. Denen sah man das Judentum sofort an, das war doch peinlich, auf diese Weise mit seinen armen Verwandten konfrontiert zu werden. Hitler meint nicht uns, er meint nur die, die da in der Grenadierstraße auf ihren Abtransport warteten. Es war etwas in dieser Familie, was fürs deutsche Judentum, das eine unauffällige Assimilation im Sinn hatte, ganz normal zu sein schien. Aber es gab auch das andere Element, das stolze und bewußte Judentum in dieser Familie.
Ein "typisch" deutscher, gar deutsch-nationaler Jude wollte oft nur Deutscher sein, nicht ausdrücklich Jude, er wollte sein wie jeder andere Deutsche. Wenn er in den Papieren seine Herkunft nicht auslöschen konnte, so verstand er sein Judentum als eine Religion wie andere Religionen.
Der eine war katholisch, die meisten waren in Berlin evangelisch-lutherisch, und er war eben jüdisch oder mosaischen Glaubens, wie manche Antisemiten es gern nannten.
In vielen deutschen Juden war eine Aversion gegens Jüdische an sich, besonders, wo es, etwa aus dem Osten kommend, sich im Äußeren zu erkennen gab. Diese tiefe Abneigung prägte das Persönlichkeitsbild meiner Mutter bis zur letzten Stunde.
Darin unterschied sie sich allerdings von ihrer Familie, die diesem Klischee insgesamt gerade nicht entsprach, was nicht ohne eine ernste Tragik blieb. Es beeinflußte den weiteren Verlauf der familiengeschichtlichen Ereignisse entscheidend, brachte diese Geschichte in ihrem besonderen Teil aber erst zur vollen Geltung, wie sich noch herausstellen wird.
Meine Mutter zeigte nach dem Kriege, Ende der vierziger Jahre, einem jungen Mann und Freund der Familie ein Bild des Mexikaners. Der junge Mann sah es sich an und rief mir zu, Chanah, der sieht ja aus wie du, der ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten, das ist dein Vater! Meine Mutter entriß ihm die Fotografie und ließ sie wieder verschwinden. Mit diesem Einblick hatte sie nicht gerechnet. Zwei Jahre später heirateten wir. Der junge Mann ist der schon hinlänglich bekannt gewordene Alte.
Alles Zufälle, die sich aber häuften, so daß man an ihnen und den durch sie aufgezeigten Zusammenhängen geschichtliche und psychologische Grundstrukturen erkennen konnte. Das war eine große Hilfe, die weiterführte, während die offiziell dafür zuständigen Ämter nichts dergleichen zu leisten vermochten.
Bisweilen sind aber auch amtliche Hinweise hilfreich, selbst wenn sie auch wieder nur zufällig erfolgen. Die Geschichte ist umständlich zu erzählen, weil wir nach Israel hüpfen, um sogleich nach Berlin zu kommen. Wir müssen Jahrzehnte überspringen, um Klarheit zu gewinnen.
Die Ehe meiner Mutter wurde 1941 geschieden. Mein amtlicher Vater hatte die Scheidung wegen der Jüdischkeit seiner Frau beantragt. Meine Mutter, die von ihrem Judentum absolut nichts wissen wollte, die sich mit Händen und Füßen dagegen sträubte, war auf einmal die Jüdsche, die jüdische Schlampe, die ihre Familie vernachlässigte, eine üble Geschichte, die da aufgetischt wurde, um das Weib loszuwerden; aber die Komik, die ja oft den bösesten Vorgängen anhängt, kam in dem zum Vorschein, was man nicht von vornherein sah, was man vielmehr wissen mußte, um es überhaupt sehen zu können.
Gleichzeitig waltete eine merkwürdige Gerechtigkeit in diesem schwarzen Theater. Moralisierenderweise hätte man sagen können, geschieht der Verräterin ganz recht. Sie glaubte und wähnte, ihrem historischen Schicksal entrinnen zu können, aber so leicht war das alles nicht.
Die israelische Amtshilfe bestand in einem eher am Rande ablaufenden Rechtsvermerk an der Grenzabfertigung des Tel Aviver Flughafens. Mein Mädchenname genügte den Grenzbeamtinnen, um mich ungeprüft durchzuschleusen. Dieser alte jüdische Name ersetzte all meine persönliche und lebensgeschichtliche Glaubwürdigkeit.
Es reichte aus, den Familiennamen meines angeblichen Vaters vorzuführen, um als Terroristin durch eine der strengsten Flughafenkontrollen der Welt schlüpfen zu können. Auch mit einer Bombe in der Tasche hätte man mich passieren lassen. Der Name meines Vaters, der gar nicht mein Vater war, der sich von meiner jüdischen Mutter wegen ihrer jüdischen Herkunft hatte scheiden lassen, der Name eines Mannes, der seine jüdische Frau und seine jüdischen Kinder in schwerster Verfolgungszeit im Stich ließ, dieser verruchte Name war den Grenzbeamtinnen Ausweis genug, um mich durchzulassen. Seitdem leidet das Ansehen Israels in Varnsdorfs Bewußtsein erheblich.
Trotzdem war an der israelischen Flughafen-Entscheidung etwas Wahres. Viele Menschen des fraglichen - doch nicht so verruchten - Namens, der ja mein eigener Geburtsname war, wurden Opfer des Holocaust. Eingehende Nachforschungen ergaben, daß nicht nur mein wahrer Vater, sondern auch mein angeblicher Vater jüdischer Herkunft war. Seine Familie war aus der Mark gekommen und hatte lange vorher den lutherischen Glauben angenommen. Die deutsche Kaiserzeit galt vielen Juden als eine Epoche der Toleranz und der Zuträglichkeit für jüdisches Leben; aber die preußische Realität hatte es doch ratsam erscheinen lassen, die Farbe zu wechseln und der Zukunft, oder was man dafür hielt, sich zuzuwenden. Der Schritt aus der märkischen Provinz in die relativ freizügige Großstadt Berlin läßt womöglich auch ein jüdisches Motiv durchschimmern. Ein Karl Marx mochte bereits in zweiter Generation evangelischer Christ sein, für die Deutschen, die ihn kannten, blieb er der Jude. Die Familie meines angeblichen Vaters war in Niederschönhausen als die eines evangelischen Märkers, nämlich meines Großvaters (oder angeblichen Großvaters) bekannt, ohne daß man über seine Familiengeschichte sich Gedanken machte. So bekannt war er denn doch wieder nicht. Hatte der spätere Verrat noch ältere Wurzeln? Vor dieser Frage steht der Chronist.
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