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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-03-26

Unger Varnsdorf

Unklar

Wie letztes Jahr in Marienbad

Was ist daran unklar? In dem Sudetendeutschen Franz war von Anfang an auch der Jude Abraham, der Hebräer, der sich nicht verraten durfte, der sich versteckt halten mußte und gleichzeitig über Franz den Deutschen zu wachen, ihn zu beschützen hatte.

Franz wußte nichts von diesem Programm. Er hatte keine Ahnung von dem, was ablief. Erst lange nach dem Krieg erfuhr er, daß er ein Schicksal hatte, und daß Abraham sein innerer Kompaß war.

Wie soll man so was aufschreiben? So, daß es alle verstehen? Aber konnte man das überhaupt verstehen?

Franz war im Krieg ein anderer als nach dem Krieg. Er hätte geschworen und seine Hand dafür ins Feuer gelegt, daß es keineswegs so war. Er war immer mit sich identisch, und in einem konzentrischen Sinne ist und war das auch richtig und zutreffend.

Manche Brüche im Leben werden einem nicht so bewußt, daß man sie sofort erlebt und später deutlich erinnern kann. Seine wahre Identität war aber nicht Franz selber, sondern Abraham, der immer unerkannt in ihm war. Abraham war sein guter, besser: sein richtender Geist.

Nehmen wir die mit dem Schicksal übereinstimmende Lebenslinie als immanente Orientierung, so werden die Brüche, Abirrungen, Unsicherheiten zu verspielten Schleifen, die sich von ihrem Grundthema nie allzu weit entfernt haben.

Es ist kein Zufall, oder im Sinne eines himmlischen Instruments eben doch, daß der Jazz sich immer wieder als Vergleichsmodell anbietet.

Eine Jazzband besteht aus Solisten, ist eine Gruppe von Meistern, die - wechselnd - sich gemeinsam produzieren, einander den Vortritt lassen... Sie spielen ohne Noten, folgen einem Thema, einem goldenen Faden, auf dem sie hüpfen und tanzen, von dem sie abgehen, um wieder auf ihn zurückzukommen.

Der schwarze Jazz war für mich eine Höchstform angewandter Freiheit.

Das Grundthema oder der feine Faden, der Draht, auf dem Franz seine Figuren tanzte, das war eigentlich der Jude Abraham, der innere Hebräer, von dem er aber nichts wußte.

Franz hatte Fragen über Fragen ans Leben, die ihm seine Mitmenschen nicht beantworten konnten. Erst mit der Bewußtwerdung Abrahams fand sich Antwort auf Antwort, alles blätterte auf und erschien jetzt so einfach, daß Franz sich nur noch wundern konnte.

Franzens Zeit war damit abgelaufen, und was abgelaufen, läuft meist noch eine Weile weiter, wenn der Umschwung dann erfolgt, ist der Anlaß weit in der Vergangenheit verschwunden.

Es war wie Letztes Jahr in Marienbad (L'année dernière à Marienbad), ein Titel aus dem Jahr 1960. Regie: Alain Resnais, ein Name, der für hohe Filmkunst sprach.

Der italienisch-französische Streifen unterlag in Deutschland der Freiwilligen Selbstkontrolle und wurde für Jugendliche unter 16 Jahren ausdrücklich nicht empfohlen.

Ich glaube, die Deutschen offenbarten damit ein intellektuelles und kulturelles Problem. Die Verführung Jugendlicher meinte gewiß die Verführung zu einer intellektuellen Phantasie, vor der die Deutschen der Zukunft bewahrt werden sollten, nicht zuletzt auch die Eltern und Lehrer, denen die Jugendlichen Fragen stellen konnten, zu deren Beantwortung den Autoritäten die Qualifikation fehlte.

Hat sich an diesem Zustand irgendetwas geändert?

Ich sehe die Anlagen des Kurbades, die französischen Gärten, den Kurpalast, die Zimmerfluchten, die perspektivisch leeren langen Korridore, die hohen Flügeltüren, und alle Uhren stehen still.

Eine junge Frau im nachmittäglichen Park an einer Mauerbrüstung, der Mann redet unentwegt auf sie ein, vom letzten Jahr in Marienbad. Szenen, gemeinsame Erlebnisse, die die Erinnerung wecken sollen, aber die Frau scheint nicht zuzuhören, oder nur mit halbem Ohr, es ist wohl nicht so wichtig, was der Mann erzählt und was geschehen war letztes Jahr in Marienbad.

Traumszenen sind das Ambiente des Films, ein, warum nicht, psychodringliches Stilmittel. Die Frau wandelt und läuft in wehendem Weiß durch die Schattenbilder des königlichen Parks.

Eine sanfte Allegorie auf Stille und Schein. Ein Jahr später wird in Berlin die Mauer gebaut.

Niemand wollte diesen Traum verstehen. Ich brauchte jedesmal eine halbe Stunde, um die Handlung oder Nichthandlung des Films, seine auffallende Zeitlosigkeit, zu erklären.

Ein Traum, eine Deutung. Und keine Antennen auf den Dächern.

Szenen oder Texte erscheinen abgehoben oder abgetaucht. Letztes Jahr in Marienbad war eine halbwache Kulisse unwirklicher Erinnerungen. Abraham jedoch hatte sich in dem Sudetendeutschen Franz versteckt, nicht, um zu überleben, geistig zu überleben, das war seine Sorge nicht, sondern um Franzens willen tarnte er seine Worte und sein Denken.

Als Avi der Franz war, ist eine Überlebensglosse, die sich tarnt, die der Leser nicht unbedingt ernst nehmen soll, vielleicht auch gar nicht versteht.

Die Enttarnung und Aufklärung stand noch bevor wie die Erklärung des letzten Jahrs in Marienbad.

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