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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-03-17

Unger Varnsdorf

Natürlich hatte sie weiterzugehn

Die Geschichte, oder wie man das macht

Einfach die Schleife ziehn. Das ist wirklich ganz einfach. Ziehst sie auf, der Schuh fällt dir beinah vom Fuß. Bloß so, damit du nicht bei den peniblen Leuten den Teppich zertrittst.

Ich war nicht dabei, als wir ausgebombt wurden. Ich saß am Klavier, hörte meinem Geklimper zu, da krachte es, da brannte es. Am Klavier erhielt ich auch die Nachricht von schweren Kämpfen in Niederschönhausen.

So fing das an. Die zogen sich immer die Schuhe aus, wenn sie irgendwo aufkreuzten. Sollte was heißen, hieß aber nur, daß sie zuhause ein strenges Regiment führten.

Die Tiefflieger setzten uns ganz schön zu. Sie hätten sich jeden Schuß sparen können. Wir wollten uns nicht verteidigen. Eine Woche vorher dachte ich anders. Unsere Schützengräben, Panzersperren, Eisenbahnunterführungen, wo grade mal ein Schäferhund durchkam oder ein dreizehnjähriger Vaterlandsverteidiger, alles war fertig, alles war vorbereitet. Es konnte losgehn, jeden Augenblick, wir waren so weit. Und als sie kamen, machten wir freundliche Gesichter und wechselten im stillen die Fronten, die Menschen machten den Krieg, und nun waren die einen Menschen verschwunden, und die andern waren da, manche freundlicher und hilfsbereiter als die einen.

Eigentlich ist das ja auch ganz vernünftig. Besonders, wenn du auf dem Land wohnst, wo du mit dem halben Acker an der Sohle heim kommst. Da ist es schon besser, gleich die Schuh draußen vor der Tür zu lassen.

Unterwegs, wo war das, in Wittenberg, hieß das Wittenberg? Der Lastwagen hielt, wir stiegen auf, obwohl die Fahrt für uns gar nicht bestimmt war, so kamen wir nach Berlin. Durch Dresden wunderten wir uns über die totale Zerstörung. Eigentlich war es gespenstisch, nachts durch die Ruinen und Trümmerstraßen zu spazieren. Da konnte man einen Film drehen, aber auf solche Gedanken kommst du erst viel später. Auf der andern Seite der Elbe waren sie glimpflicher davongekommen. Die Altstadt, war's die Altstadt, war restlos zerstört. Um die Zahl der Toten gibt es heute noch Streit, weil die Lakaien sich nicht trauen, die Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen und deutlich weiterzusagen.

Wenn solche Leute nach Berlin kommen, wo sich keiner die Schuhe auszieht, wenn er nach Hause kommt, dann fällt das eben auf. An solchen Kleinigkeiten erkennt der Berliner den Nichtberliner, den Zuwanderer, den von Berlin Begeisterten. Endlich mal inner Großstadt, is toll hier. Daran erkennt der Städter den Dörfler und Provinzler.

Wir latschten zu Fuß mit so nem albernen Bretterwagen zehn Kilometer hinter Strausberg aufs Dorf, wo die Bauern wie Tagelöhner hausten und wie von der Platte von sich gaben, daß sie "nix hebben" und "nix gebben". In unsern armen Augen waren sie reiche Geizhälse, aber na ja. Warum sagten sie nicht "hahm" und "jehm"? Dann bewachten sie die DDR-Grenzen, standen in Westberlin nach den obligaten hundert Mark Besuchergeld Schlange und sind heute die nettesten Menschen von der Welt. Ich sage Ihnen, die Umstände machen die Leute kaputt und auch wieder janz.

Es ist ja nicht so, daß die aus der Provinz so ein bißchen dof wären. Eher sind die Berliner dof, und nicht nur ein bißchen. Die Provinzler bringen viel Interessantes mit, sind noch zu begeistern, weshalb ihnen wohl auch die Zukunft gehört.

In Velten hielt der Zug, wir stiegen aus unseren Güterwagen, reichten die Kartoffelsäcke runter, und unten standen Russen und nahmen sie gleich freundlich in Empfang. Den braunen Zucker aus Wandsleben oder Wansleben fraß ich unterwegs auf. Wer noch keinen Hunger hatte, findet es gräßlich. In Wansdorf erblickte das Licht der Welt: Lina aus dem neunzehnten Jahrhundert.

Nein, was den Provinzler auffällig macht, ist, na ja, was ist es denn nun eigentlich? Irgendwie sieht er alles ein bißchen aus der Vorgartenperspektive. Die Leute haben daheim meist einen Garten, wo sie die Landwirtschaft herkennen. Oder der Vater hat einen Hof, sie sollten ihn übernehmen, gingen aber in die Politik, oder sie gingen in die Politik, weil der älteste Bruder den Hof bereits übernommen hatte.

Die Kartoffeln und das Grünzeug, das er ihnen mitgab, ließ er sich bezahlen. Der junge Bauer nahm Geld von seinen Geschwistern. Die Geschwister halfen einander beim Umzug, bei Malerarbeiten, halt was so anfiel, und die Helfer ließen sich vom Geholfenen die Hilfe bezahlen. Kann man so was lernen?

Ein politisches Synonym für die Provinz sind die Grünen. Die kommen meist aus dem kleinen Mittelstand, bäuerlich oder handwerklich, ihr Vater hat ihnen ans Herz gelegt, mehr aus sich zu machen. Bei den Grünen treffen sie auch mit Arbeiterkindern zusammen, aber die sind heute eher in der CDU, auch in der SPD, wie man sowieso von vornherein annehmen möchte, aber da hat sich doch einiges geändert. Leute wie der Blüm und der Lummer sind gelernte Handwerker, der eine Kunstschmied, der andere Elektriker, dann Zweiter Bildungsweg, Einstieg in die Politik über die CDU. Zug zum Mittelstand, weg vom Arbeitermilieu, das sie kennen und nicht lieben, obwohl sie ihre Eltern lieben, schätzen und bewundern, wie sie das geschafft haben mit der großen Familie.

Ich kannte einen, den gibt es nicht, wenn der verreisen wollte, spielte er seiner Familie den Todkranken vor, bis sich einer fand, der ihm den Erholungsurlaub finanzierte. Der Geiz hat viele Gesichter und bringt es nie zu was. Einer jagt wie ein Gejagter durch Europa, weil er zuhaus seinen hungernden Gästen kein Butterbrot anbot und keine Milch und den Erschöpften kein Bett.

Aber die Mittelständler haben diese besondere Perspektive. Sie sehen ein bißchen nach unten und dann nach oben. Die gestandenen Bürgerlichen haben mit ihnen nicht viel im Sinn, können mit ihnen nichts anfangen. Das paßt alles nicht so zusammen.

Cuno oder Kuno. Cunostraße ist mit schwerer Arbeit verbunden, mit einer Eislaufbahn und ein paar Vollidioten, die sich über Nachteile freuten und Vergünstigungen ausschlugen, weil sie nicht glauben wollten, daß auch sie einmal in den Genuß solcher kommen würden. Die Kuno-Fischer-Straße aber schluckte die ersten Zonenflüchtlinge und reichte sie an die Geheimdienste weiter. Auf der Straße riefen Bockwurstverkäufer ihre armseligen Kunden herbei und verlangten viel zu hohe Preise.

Die Sozialdemokraten haben das ganz anders gemacht. Die wurden gar nicht erst Arbeiter. Sie waren Angestellte im Öffentlichen Dienst oder Beamte, traten in die ÖTV und in die SPD ein, engagierten sich im Parteiapparat, und siehe da, intelligent, wie sie waren, holten sie ihr Abitur nach und schwups waren sie an der Uni. So macht man das. Der Arbeiterkram ist ja von vorgestern. Natürlich sind wir Sozialdemokraten, in einem höheren Sinne eben, also, was soll's.

Die Bunkergeschichte habe ich nie erzählt, und die ich erzählte, stammte vom Schöberberg, wo wir ein paar Jahre später die russischen Panzerspitzen empfingen. Wir hatten kapituliert. Die echte Bunkergeschichte erzählt das Lagerleben ohne Fenster und frische Luft, und trotzdem waren wir alle froh, der anderen Straßenseite entronnen zu sein. Auch da immer wieder diese Fragen, warum seid ihr herübergekommen, haben wir euch gerufen oder gelockt, was habt ihr am Westen? Aus Thüringen kamen die netten, aus Sachsen die intelligenten Menschen.

Die Schnürsenkel waren ein schlechter Anfang. Wenn du nämlich gleich barfuß gehst, hat du auch gleich andere Erlebnisse. In Wien, zum Beispiel. Aber das ist abgedroschen.

Der Hafen von Haifa war mir dazumal der liebste, weil ich endlich dort angekommen war, wohin ich immer wollte oder gewollt hatte. Haifa, die Hafenstadt, versprach wahrscheinlich mehr, als sie zu halten bereitet war, aber meine Illusionen waren Visionen der Zukunft. Die interessanteren Städte und Häfen sind anderswo zu finden, aber was hilft es, wenn du von deinen privaten Mythen nicht weg kommst. Israel ist der Floh im Ohr, der Tick im Gehirn, das Virus im Herzen und in der Seele einer verzweigten Familie. Eine wunderbare und wunderliche Geschichte, eine zum Abbeißen, wenn du willst.

Also, Gummilatschen, Badesandalen. Da gibt es die zwischen den Zehen mit dem Gummisteg, aber die finde ich nicht mehr. Letztes Mal sah ich solche Dinger auf den Bildern von Guantánamo. Die kahlgeschorenen Taliban oder Al Qaida hatten solche Sandalen. Ich war richtig neidisch, als ich das sah, und ich meine es nicht so oberflächlich, wie man jetzt denken könnte.

Der Traum von der Leiter, die plötzlich nicht mehr da war. Die Bombenattentate auf Israels Städte und Bürger sind mehr als nur Zeichen der Verzweiflung und des Endes einer kurzen Epoche. Sie signalisieren eindringlich, daß Israel sich definieren muß als das, was es ist, nicht als historische Konsequenz einer nationalen Idee. Israel ist ein demokratischer Staat, der sein Demokratieverständnis dem des Westens entlehnt und weitgehend angepaßt hat, der jedoch die letzte Konsequenz aus dieser Tatsache bisher meidet. Die letzte Konsequenz aus dem westlichen Demokratieverständnis ist nämlich die Anerkennung und Durchsetzung der inneren Pluralität einer westlichen Demokratie, die Garantie der Rechtsgleichheit für alle Bürger, unabhängig von ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer ethnischen Herkunft und politischen Überzeugung. Diese Bedingungen sind weitgehend, aber nicht ausreichend, erfüllt. Die Verquickung von Religion und ethnischer Herkunft führt zum Kern der innerisraelischen Problematik. Eine derart gebundene Demokratie hat einen chronischen Fehler. Man hört in Israel, auf Israel angewandt, nicht gern den Begriff der Apartheid. Die ethnisch-religiöse Apartheid ist es indessen, die überwunden werden muß, wenn Israel sich weiterhin als Demokratie im westlichen Sinne begreifen will. Es ist erstaunlich und aller Gerechtigkeit bar, daß die USA und Großbritannien Israel nicht längst zur verfassungsmäßigen Umgestaltung seines Staates - analog der Südafrikanischen Republik -, d.h. zur Abschaffung der israel-spezifischen Apartheid, aufgefordert haben.

Diese Sandalen sind eine Seelensache. Ohne sie fühle ich mich nicht wohl. In Berlin kriege ich nur diese brutalen Ungeschickten mit den dicken Sohlen und den breiten Kreuzbändern über den halben Fußspann, so nennt man das nämlich. Schuhhersteller sind Seelenärzte oder Seelenpeiniger.

Die angenehmsten kommen aus Asien und von den Indianern. Wahrscheinlich sind die Jakuten feine Schuhhersteller mit Liebe bei der Sache.

Im Kriege hatte ich mal solche dicken Filzstiefel, ganz grob gemacht, direkt aus Rußland. Franz hatte sie von der Front mitgebracht.

Mit Schuhen im Schnee, auf Bratln, den ganzen Winter über und das über viele Jahre. Ski und verschneite Landschaft, Mittleres Gebirge, Oberlausitz, das war eine Märchenwelt, wie man sie sonst nur aus Träumen kennt.

Als wir durch den Wald zur Böhmischen Mühle unterwegs waren, eine Kolonne Vertriebener, wenn man uns abgeknallt hätte irgendwo zwischen den Bäumen, kein Mensch würde heute danach fragen. Aber die Schlittenfahrt zur Böhmischen Mühle war halt die andere Geschichte um diesen schönen Platz. Es war meine erste und einzige Fahrt im Pferdeschlitten mit Glockengeläut durch den selben Wald, in dem man uns erschoß, wenn man der Fama glauben darf. Möglich war alles. Und die Fehler der andern werden nicht einfach bereut, es waren keine Fehler, man mußte so handeln. Die haben halt nicht diesen Knacks mit dem historischen Gewissen, einem verdammt schlechten Gewissen, müssen Sie wissen.

Es gibt viele Gründe, kein Deutscher zu sein. Meinen Sie vielleicht, sein zu wollen? Nein, Deutscher zu sein, kein Deutscher zu sein. Ein Grund ist, daß man's nicht ist, weil man vielleicht ein Tscheche oder ein Österreicher ist. So ganz plötzlich, von heut auf morgen, vom 8en auf den 9ten Mai. In der Nacht wechselst du die Staatsbürgerschaft, schmückst dich mit den neuen Farben oder den noch neueren. Die Grenzer nehmen keine Rücksicht darauf. Können sie auch gar nicht, sie wissen es ja nicht. Der Bürgerschaftswechsler ist ein Seelenspieler, der alles nur durchspielt, um sich dabei besser kennen zu lernen.

Eine namenlose Zeit, ein Messerschnitt zwischen gestern abend und heute früh. Der Achtjährige hatte eine kleine Schulfreundin mit einem großen Namen aus der Mythologie. Sie drehte sich schon am ersten Tag nach ihm um. Sie saß zwei Reihen vor ihm. Von diesem Tage an, irgendwann im Herbst, später Oktober, wurden beide das Gefühl nicht los, für einander bestimmt zu sein. Es war nur ein Gefühl, hatte aber doch einen inneren Ernst, den sie sich nicht erklären konnten. Nach fünf Jahren wurden sie auseinander gerissen. Seine Tochter, die neun Jahre darauf geboren wurde, war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, und in der Art, wie sie sich in der Schulbank gab, erinnerte sie ständig an die Mythische vor neun Jahren, neunzehn Jahren, neunundzwanzig Jahren. Seine ewige Frau, die sein Schicksal war und geblieben ist, hatte das Mädchen geboren. Sein vorbestimmtes Weib ähnelte einer englischen Schauspielerin, die ihm in jungen Jahren aufgefallen war. Die Entdeckung war jedoch eine Überraschung in einem alten Film, der später im Fernsehen gezeigt wurde. Sie sah tatsächlich aus wie seine Frau in ihren Jugendjahren. Damals war das niemandem aufgefallen. Der Seelenspieler irrt sich eben nie. Er tut einen Schritt vor den anderen oder nach ihm.

Ich will damit aufhören. Bis mir wieder was einfällt. Als er sich ein Jahr später vor Rübezahl unterm Knieholz versteckte, weil der dem Wolkenbruch nicht Einhalt gebot, begann sein Wüstentraum. Weg von Wald und Bäumen und sommerlichen Bergen.

Er kannte und nannte drei Wüsten, die in seinem Leben eine Rolle spielten und sein Wesen geprägt haben müssen, wenn sie nicht von Anfang an in ihm waren.

Schneewüste. Wasserwüste. Sandwüste. Wahrscheinlich war es der Rußlandfeldzug im ersten Winter 1941/1942. Aus der Pferdeschlittenromantik war Krieg geworden, der ihn nun nicht mehr losließ. Das Meer war die Nordsee, war die Küste von England, war vor allem das Mittelmeer mit der Aussicht auf Zypern, auf Rhodos, auf Haifa. Piräus blieb der Ausgangspunkt, Apollonia hieß das Schiff, Aphroditen nannte er die zyprischen Schulmädchen, als sie von Bord gingen. Das war alles nur der Wasserweg nach Israel, wo ihn die Wüste erwartete. In dieser Wüste, wo der Sand bereits in Stein übergegangen ist, fernab im Mittleren Osten, steht irgendwo die vergessene Stadt der kokhavischen Träume aus dem schamanischen Kalender.

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