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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-03-04
Das Lied der Lieder... Der Alte hörte nicht auf zu erzählen. Da gab es eine alte Stadt, einen leeren Palast, die einstige Stadt Davids. Ich erwiderte, daß dies Jerusalem sei. Nein, sagte er, es geht nicht um Jerusalem. Ob er Berlin meine, aber die Stadt sei weder alt, noch gäbe es da einen leeren Palast, jedenfalls hatte ich noch nichts davon gehört. Nein, nein, schrie der Alte, es sei eine verlassene Stadt in Asien, irgendwo im Mittleren Osten.
Seine Erzählung erinnerte an die verlassenen Maya-Städte. Die Maya hatten ihre Städte verlassen. Es muß überraschend geschehen sein. Die Menschen flohen in Panik oder wanderten geordnet aus, nur die Gründe für ihr Verhalten waren nicht bekannt. Es gab auch kaum Indizien, wenn man von den astronomisch-religiösen Vorhersagen der Priester und Gelehrten absah. Ohne Grund verlassen Menschen nicht ihre Wohnstätten. An Erdbeben wurde gedacht, aber dafür gab es wiederum nicht genügend geologisch-archäologische Belege. Als die Städte verlassen wurden, waren sie unbeschädigt. Die Maya verließen nicht ihre zerstörten Städte, verließen ihre unzerstörten Städte auch nicht kurz vor der Zerstörung, um dem Unheil zu entgehen. Sie gingen einfach weg, man weiß nicht einmal, wohin sie gingen, ob in die Berge oder in die Wälder. Das Verlassen der Städte kommt als innerer Appell auch aus dem verborgenen nomadischen Instinkt. Die wandernden Indianerstämme waren die Vorfahren und Nachkommen der Maya, die wir als große Städtegründer und Tempelerbauer, Mathematiker, Astronomen und Ärzte kennengelernt haben. Das Stammesleben war eine Begleiterscheinung der Hochkultur. Es war im Vergleich zeitlos. Die Stämme und Familien waren, überlebten, werden sein. Wie die Mutter Isis der alten Ägypter.
Der Palast des Alten aus dem Grunde hat eine ganz eigene Geschichte, wenn man ihm glauben darf. Aufschluß darüber gibt vielleicht eine Inschrift. Der verlassene und vergessene Palast ist nämlich sichtbar geworden. Als ob ein Wunder geschah.
Es sieht zunächst nicht nach einem Wunder aus, sondern einer modernen Computer-Animation. Der Alte hat mir den Film vorgeführt, es existiert von ihm eine Videocassette. Der Architekt dieser Stadt ist Barry, der in aller Welt umherkutschierte und seinem Geschick nachtrabte. Ob er sich auch in Katmandu aufgehalten hat, wissen wir nicht. Doch wie in Jerusalem das Kaukasische Café, The Caucazian Café, so errichtete er irgendwo in Mittelost diese leere Stadt.
Der Alte hat dazu eine eigene Theorie, und ich muß zugeben, daß seine Überlegungen durchaus beweiskräftig sind. Er erklärt die Sache so:
Unsere Familie ist ein Clan alter Schamanen, die überall in der Antike und Vorantike daheim waren. In ihnen verbirgt sich die ganze Geschichte, schläft ihren ewigen Schlaf, bis sie geweckt wird. Das Erwachen ist kurz, ein Wunder geschieht, die Menschen erinnern sich nicht und vergessen gleich wieder.
Barry hatte genau jenen Schamanen-Anteil in sich, der erforderlich ist, um das versunkene Erbe wieder hervorzuholen. Er erinnerte sich, und der Alte bestätigte ihm die Richtigkeit seiner Erinnerungen. Das ging so weit, daß er sogar das Kapitel aus dem Lied der Lieder genau zitieren konnte und in den Palast einbaute.
Die Innenausstattung war eher modern, wie auch das Kaukasische Café in Jerusalem in die heutige Zeit paßte und nichts vom Alten an sich hatte. Jede Schickeria unserer Tage würde sich in diesen Räumen wohlgefühlt haben.
Nur wer genau hinsah und hineinlauschte, entdeckte ein kleines Geheimnis. The Caucazian Café überbrachte in der gewählten Schreibweise nicht nur die russische Nachricht, sondern auch den Hinweis auf Zion. Und der erinnerte Gesang, der dem König Salomon zugeschrieben wird, spricht von der Erinnerung, der er seine neue Verwendung zu verdanken hatte, spricht von der Seelensuche.
"Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hinden auf dem Felde, daß ihr die Liebe nicht aufweckt und nicht stört, bis es ihr selbst gefällt." Hoheslied 3:5
Nun hat es ihr gefallen. In Barry ist sie wach geworden. Er hat seine Liebe in Stein gehauen und in die Wüste gestellt. Der Palast trägt Trauer, was man ihm nicht sofort ansieht. Die Stadt ist leer geblieben. Die Königin von Saba, nein, die Himmelskönigin hat die heilige Stadt wieder verlassen. Bald danach zog auch der König aus, und nur die alten Schamanen berichten davon, wenn die Götter sie fragen, oder die Geister rufen es in alle Winde, wenn ein Indianer es in den Himmel schreit.
Der Himmel gibt die Fragen weiter. Die Stadt Davids war nicht Jerusalem, es war eine ältere, noch verborgene, später versunkene, die nie bezogen wurde. In einer Zeit, da Namen noch ihre Bedeutung hatten.
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