2002-10-04

Carl-Otto Hunoldt

... und ich begehre, nicht schuld daran zu sein*

Mit tiefem Bedauern müssen wir jetzt davon ausgehen, daß der rabiate Wille der regierenden Republikaner der USA den Krieg gegen den Irak unumgänglich macht, einen Angriffskrieg, der das prekäre und instabile Gleichgewicht von Staaten und Regimes im Nahen Osten mit unabsehbaren Folgen auch in der übrigen Welt destabilisieren wird.

Lassen wir unsere Empörung über diese Aggression beiseite, ignorieren wir auch unsere Besorgtheit über den politisch-moralischen Abbau des Ansehens der UNO, die immerhin unsere Nachkriegszeit trotz aller Spannungen erträglich machte, sondern versuchen wir, die globalen Machtverhältnisse so nüchtern wie möglich zu erfassen.

Da ist überhaupt kein Zweifel daran möglich, daß Saddam Hussein diesen Weltkrieg - einen von den USA organisierten Krieg der fast vollständigen Staatenwelt - militärisch nicht überstehen kann. Beim letzten Mal aus strategischen Gründen - die Niederlage Saddams ließ allzu viele Probleme sichtbar werden - verschont, schieben die USA in Hitlerischer Va-banque-Haltung diese Probleme jetzt in den scheinbaren Hintergrund der Nichtproblematik. Dennoch werden sie infolge der sicheren Pleite des orientalischen Despoten, und weil er genau das so gut weiß wie seinen "Heldentod", einige Male vergrößert auf die Menschheit zukommen.

Man sortiert jetzt die Bataillone, die auf beiden Seiten gegeneinander antreten werden. Die USA sind sich sicher, daß Rußland und China entweder auf ihrer Seite stehen werden oder, wenn sie sich verweigern sollten, gegen die erdrückende amerikanische Übermacht nichts werden ausrichten können. Daß sie sich der ökonomisch geleiteten Staatsraison so oder so unterwerfen oder andernfalls schlimme Folgen werden ertragen müssen. Der Westen, so kalkuliert man seit langem, sei eine unverbrüchliche Einheit.

Wenn man da sich nicht gewaltig irrt! Auch ein so sorgfältiger Orientalist wie Prof. Bernard Lewis schrieb bereits im September 1990 - und hoffentlich ist sein Nachdenken seither weitergeschritten! - über die mentale Situation des Nahen Ostens folgende erstaunliche Sätze: Der Westen werde zusammenstoßen mit der "historischen Reaktion eines alten Rivalen", dem Islam, "auf unser jüdisch-christliches Erbe, unsere laizistische Gegenwart und die weltweite Expansion von beidem. (In: The Roots of Muslim Rage..., Atlantic Monthly 266, S.26; dieser Artikel bei Barry Buzan New Patterns).

Erstaunlich ist dieser Satz, weil Lewis nicht sieht oder sah, daß unser jüdisch-christliches Erbe unvereinbar ist mit unserer laizistischen Gegenwart und daß dieser Gegensatz und Widerspruch die westliche "Kultur" im Verlauf des Krieges gegen Saddam Hussein und der nachfolgenden Kriege und Belastungen auseinandersprengen wird. Gewiß werden die USA militärisch gewinnen, aber siegen können sie so wenig, wie Hitler oder Napoleon über den russischen "General Winter" gesiegt haben.

Wir sollten schon jetzt zur Kenntnis nehmen, daß "der Westen" nur aus angelsächsisch-protestantischen weißen Staaten und Völkern besteht und ihrer Klientel, nicht zuletzt den geweißt-calvinisierten Juden des Zionismus. Die gekauften, erpreßten und genötigten übrigen Westler zweiten Ranges werden alsbald von der Fahne der "Freiheit" gehen, sich in offener Rebellion verdrücken oder italienerhaft den Kampf sabotieren.

Der "Pudel Bushs", Blair, zeigt auf, wie die Staaten heißen, die von der republikanisch-amerikanischen Rabies befallen sind: USA, Britannien, Kanada, Australien, Neuseeland, in der zweiten Linie die kontinentaleuropäischen Germanen und Rußland. Das heißt eigentlich nur die angelsächsischen Calvinisten und die europäischen Lutheraner. Außen vor bleiben die römischen Katholiken. Auch die Filmindustrie von Hollywood und die Fernsehindustrie New Yorks, ja nicht einmal die zionistische Bewußseinsindustrie werden die römischen Katholiken, deren Mehrzahl in Lateinamerikas Favelas vegetiert und nicht im Rom Berlusconis oder Florenz der Modeindustrien, lange zum Kriegführen animieren können. Das von B. Lewis aufgezählte "jüdisch-christliche Erbe" wird in den latinisierten, lateinisch erzogenen Hirnen plötzlich wiederauftauchen. Wie lange dazu die slawische Orthodoxie ihren Opportunismus, jetzt vertreten durch den KGB-Offizier Dresdener Vergangenheit, Putin, durchhalten kann, bleibt abzuwarten.

Denn "der Westen" ist ökonomisch die Börse, zumal die Rohstoffbörsen in Chicago und London. Dort bestimmt der Geist und Ungeist des Adam Smith die Melodie. Er kennt nur Verlierer und Gewinner, dieser Ungeist aus Old England bestimmt auch die Regeln des Welthandels, so daß bestimmt nicht fair gespielt wird, sondern der Gewinner immer feststeht. Angebot und Nachfrage lassen sich ohne großen Aufwand manipulieren. Bündnis gegen den "Terror" hin oder her, Rußland, die Slawen und die übrigen Kontinentaleuropäer werden weiterhin und in sehr viel schnellerem Tempo verarmen.

Einst hat sich der römische Katholizismus auf dem Konzil zu Trient (1545-63) vom jüdisch-christlichen Zinsverbot unter dem ökonomischen Druck der nordwestlichen Germanen opportunistisch dispensiert; er wird unter einem ganz anderen sozialen Druck diese Dispensation wieder zurücknehmen müssen. Und die Orthodoxie wird antipetrinisch nachzufolgen haben, hier allerdings mit dem Blutgeschmack des tradierten Judenhasses (als seien die alten Juden nicht die gepreßten Handlungsgehilfen der christlichen Zinsbarone gewesen!).

Die Rechristianisierung des Christentums steht deshalb auf der Tagesordnung des 21. Jahrhunderts. Zwar ist zu erwarten, daß dabei Erinnerungen an die Kreuzzugszeit wiederaufleben oder vom eigentlichen, dem Wucherzins-Westen wiederbelebt werden. Dennoch könnten die durch die Kriegsnöte rechristianisierten Christentümer mit dem gleichfalls dem Wucher feindlichen Islam eine synergetische Arbeits- und Kampfgemeinschaft erarbeiten.

Gewöhnen wir uns einstweilen an den Gedanken eines Bündnisses von "Rom" mit "Mekka", von "Rom" mit einem vorzionistischen, hebräischen "Jerusalem/El Quds". Erinnern wir uns daran, daß der spanische Franqismus, Francos nichtfaschistische (nur faschistisch kostümierte) Revolution gegen Spaniens Linke mit dem Übersetzen marokkanisch-islamischer Regimenter auf den Boden Kontinentaleuropas begonnen hat!

Die Zukunft ist unberechenhar, Voraussagen sind heikel. Dennoch bauen wir darauf, daß sich die Menschheit in den nächsten 50 Jahren wiederum stark vermehren wird. Trotz AIDS und trotz aller demnächst zum Einsatz kommenden A-, B- und C-Waffen. Heute leben schon sieben Milliarden Menschen auf unserem Planeten. Gemäß maßgebenden Demoskopen werden es nach dem nächsten Halbjahrhundert neun Milliarden sein. Wenn sie durch Krankheiten oder Waffen der "sophisticated war-sciences" verkrüppelt und durch Schlimmeres als den heutigen permanenten Hunger seelisch-moralisch entmenscht werden, dann um so schlimmer für den weißen, aufgeklärten, hedonistischen Kulturmenschen. Diese Springflut wird durch alle Dämme sickern! Der jetzige völlig entfesselte Turbokapitalismus wird die Westler nicht schützen konnen, sondern das Chaos nur vergrößern.

Die radikalliberale Mont-Pèlerin-Gesellschaft hat sträflich die Gedankenwelt des Ordoliberalismus (A. Rüstow und W. Röpke) weggewischt. Ihre Agenten Reagan und Thatcher haben diesen Weltkrieg vorbereitet und indirekt ausgelöst. Auch wer früher, vor 30 Jahren noch, die "Bevölkerungsexplosion" verurteilt hat, der mußte seither erkennen, daß diese eine politische Waffe, eine Waffe der Verzweiflung gegen die Tyrannis der ökonomisch Übermächtigen ist. Wenn eine Reform des Systems der Weltwirtschaft partout unmöglich gemacht wurde, dann wurde die Kraft der Lenden die Macht der Sklaven.

Vom Standpunkt des ethischen Monotheismus betrachtet, ist "der Westen" langfristig überwindbar, und wenn es die völlige Zertrümmerung seiner Weltposition bedeutete. Erst danach kann ein besserer Neubau der Menschheit aufgerichtet werden. "Der Westen" ist längst nicht mehr gerecht, längst nicht mehr menschengerecht, längst nicht mehr ökologiegerecht. Seine "Freiheit" die Freiheit des Wuchers. Deshalb ist das Ende seiner ungerechten Herrschaft wünschenswert.

Der Lauf der Weltgeschichte hat es nun einmal so gefügt, daß "der Westen" jetzt gegen die Welt des Islam in rabiatester Weise kämpfen zu müssen vermeint. Das zwingt die maßvollsten Zuschauer, die friedliebendsten Pazifisten und die behutsamsten Reformwilligen zur Stellungnahme. Für oder gegen "den Westen", für oder gegen "den Islam" (oder "Islamismus)?

Wir müssen jetzt unsere Axiome formulieren:

1.) Die globale Geltung der verjüngten islamischen Lehre ist identisch mit dem sittlichen und allgemeinen Wohl der Menschheit.

2.) Mächte, die sich gegen das verjüngte islamische Gesetz mit der Waffe in der Hand stellen, sind per definitionem die Feinde der Menschheit.

3.) Die Verjüngung der islamischen Lehre erfolgt im Verlauf der Kämpfe des Islam und seiner Verbündeten nichtislamischen Herkommens gegen die Feinde der Menschheit. Diesen Prozeß nennen wir Islamismus (islamiyya).

*Matthias Claudius (1740-1815), Kriegslied

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