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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-06-02
Er ist ein Mann des vorigen Jahrhunderts, der späten Mitte des vorigen Jahrhunderts. Was er uns zu sagen hatte, ist vergessen und vergangen. Damals war die Welt geteilt, anders geteilt, als sie heute geteilt ist.
Er hat mich erfunden, um über sich schreiben zu können, schreiben zu lassen.
Felix Pech ist ein subjektiver Faktor neben und unter anderen subjektiven Faktoren. Außerdem sollen die Seiten gefüllt werden.
Das kann natürlich nur ein Jux sein. Die Dinge liegen anders und ernst. Felix war zu seiner Zeit und in seinem Milieu der außergewöhnliche Typ, der die Menschen beunruhigte. Sie kannten ihn nicht. Das Geheimnis seines Erfolgs lag im Inkognito.
Pech ging einem stinknormalen Beruf nach, saß von morgens bis zum späten Nachmittag am Schreibtisch, studierte Akten und Gesetze, las Rundschreiben und machte in den Pausen seine legendären Spaziergänge zum nahe gelegenen Friedhof.
Eines Tages kam er an eine Lichtung. Es waren wohl gerade alte Gräber umgeschaufelt worden. Jetzt sah es hier aus, als hätte ein Orkan gewütet, obwohl in dieser Gegend solche Stürme nicht vorkamen. Jedenfalls konnte sich niemand daran erinnern.
Pech stand vor einem großen Rätsel. Es nannte sich Andromeda und trug die eingemeißelten Initialen eines russischen Komponisten. "J. P.", darunter in deutscher Sprache "russischer Komponist", "geboren in der Literatur", und "gestorben an einem Samstagnachmittag".
Dieser Nachmittag hatte ihn umgebracht. Er starb mit der Stadt, als sie sich zu Grabe legte, wie sie es jeden Samstag tat. Dabei war es ein heiliger Tag, der heiligste im Judentum, Shabath.
Als Gott ausruhte, sollten auch die Menschen ruhen, am siebenten Tag. Es war wie ein Sterben, wenn die Läden schlossen und ihre Jalousien herunter klapperten. Die Kirchenglocken schlugen an, es ging gegen Ende des heiligen Tags.
Felix Pech hielt die Tage nicht so streng ein. Außerdem vermischte er gern seine Arbeit mit dem Feiern. Ganz und gar war er kein Feiertagstyp. Alles, was er tat, war für ihn ein kleines oder größeres Fest.
Der Friedhof war eine Vorwegnahme der ewigen Ruhe. Andromeda lächelte zu Granit. Felix liebte diesen Granit. Ein Gestein, das kaum auffiel, so daß er es ganz für sich haben konnte.
In der Nähe lagen noch alte verrostete Gleise einer Betriebsbahn. Sie überquerten eine Straße, die Schranken blieben oben. Die Bahn fuhr vor zwanzig oder dreißig Jahren zum letzten Mal.
Schön war es im Regen. Die russischen Krähen in den Baumwipfeln der Havelkiefern waren die letzten nach dem Winter oder die ersten davor. Ein Containerschiff fuhr vorüber, er zählte die Bierkästen auf dem flachen Deck. Wie lange konnten wir daran trinken? Welche Mengen? Es war eine einfache Rechnung, Felix multiplizierte die Kästen mit den Kästen, Andromeda staunte. Wo sie herkam, rechneten sie nicht mit Kästen.
Sie zählten die Knoten in den Schnüren. Das alte Asien tat es so. Du löst einen Knoten bei Sonnenuntergang oder Sonnenaufgang, so zählten sie die Tage. Auch bei den Maya war es Brauch. Das Filigran aus Punkten und Linien erinnert daran und nimmt den Gedanken wieder auf. Der Gedächtnisknoten im Taschentuch ist ein überkommener, nur zum Teil verstandener Rest.
Als er zurückkam, ruhten die Kollegen auf den Schreibtischen aus. Sie hatten den Kopf auf die Platte gelegt und schliefen den Halbschlaf der Sehnsucht nach dem Feierabend.
Die Zügel lagen lose und unsichtbar über Nacken und Drehstuhl.
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