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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-08-01

Kafka Bar Linah

Regelverletzungen

In einer Störzone

Stürze und Scham

Er hatte seine Regeln verletzt. Morgens auf dem Fahrrad zur Schule. Unterwegs ein Klassenkamerad im Dauerlauf mit schwerer Tasche. Der Fahrer hält, hängt die Tasche an die Lenkstange und fährt weiter.

Da passiert das Malheur. Vor ihm auf der Dorfstraße eine Frau. Normalerweise sicherte er im großen Bogen. Diesmal fährt er dicht an die Frau heran, wirft den Lenker herum, da klemmt die Tasche, er trifft die Frau, stürzt auf die Straße, erhebt sich und sieht die alte Frau bewußtlos auf dem Rücken liegen.

Aus den umliegenden Häusern kommen Leute, schimpfen und helfen der Frau auf die Beine, was aber nicht geht, so daß sie sie forttragen müssen.

Um den Jungen kümmert sich niemand. Er ruft ihnen nach, daß er nach der Schule vorbeikommen werde, und steigt auf sein verbogenes Rad.

In der Schule wird er mit großem Hallo empfangen. Alle wußten Bescheid.

Sie verspotteten den Unglücksraben.

Das innere Drama des Täters beginnt auf dem Nachhauseweg. Er fährt an die Unfallstelle.

Der Junge zieht ein paar Kurven um die Häuser.

Warum klopft er nirgendwo an? Warum erkundigt er sich nicht? Die verletzte Frau muß sich irgendwo aufhalten, die hilfsbereiten Leute von vorhin, sie müssen doch zu finden sein.

Er tat nichts dergleichen, war vielmehr froh, daß die Angelegenheit für ihn folgenlos bleiben würde, und fuhr davon. Es wurde darüber nie wieder ein Wort verloren.

Ein alter Mann schämt sich seiner Ungehörigkeit und seiner Feigheit, tatsächlich hatte er sich feige davon gemacht.

Später wird bekannt, daß die Frau bald danach verstarb. Er hat ein Menschenleben auf dem Gewissen.

Im selben Jahr stürzt er so schwer mit dem Fahrrad, daß er mehrere Stunden bewußtlos in einem Haus irgendwo am Wegrand verbringen muß.

Im Winter des selben Jahres stürzt er beim Skilauf so unglücklich, daß sein linkes Knie in einer Spezialklinik behandelt werden muß. Er kann monatelang nicht richtig laufen, kaum radfahren, und an Skilaufen ist lange Zeit nicht mehr zu denken.

Im selben Jahr wird sein Elternhaus zerbombt, so daß er nicht wieder zurückkehren kann.

Sein Leben war offensichtlich gestört.

Der Jugendliche wußte, daß es Gesetzen unterlag, die er beachten mußte, wenn alles gut gehen sollte, und es ging gut, solange er es tat.

Der Mann weiß sich für alles, was er tat und unterließ, verantwortlich. Ein Leben lang.

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