2002-06-21

Kafka Bar Linah

Bauden und Geister

Die Schneekoppe der politischen Erinnerung

Polnisch, deutsch, tschechisch... Ein Dreiländereck ist daraus geworden. Mir macht die Sprache zu schaffen, die verbindet oder trennt.

Das Land war deutsch, die Menschen waren und sprachen deutsch. Wer nicht deutsch sprach, war ein willkommener Gast, aber nicht der Besitzer.

Ich verstehe jeden Polen, der sich wünscht, daß alle Welt polnisch spreche. Eine Sprachendiskussion in Holland brachte zutage, daß es doch am einfachsten und bequemsten wäre, das Holländische zur Sprache Europas zu machen, dann brauchten wir Holländer uns nicht anzustrengen.

Die Tschechen haben das deutsche Sudetenland in ihren Besitz genommen. Unabhängig von der Vertreibung der Deutschen.

Aber kann man das so ohne weiteres sagen? "Unabhängig von der Vertreibung"? So einfach ist das nicht.

Dabei denke ich nicht einmal an die Deutschen und ihre Forderungen auf Rückgabe der Gebiete.

Die Tschechen machen mir Sorge, weil sie in der Seele nicht glücklich werden mit diesem Besitz.

Die Zeit macht vieles vergessen. Der normale Bürger hält sich nicht lange mit historischen Erblasten auf, aber das Gewissen des Volkes erwacht von Zeit zu Zeit und ist sich seines Daseins nicht froh.

Es waren übergeordnete politische Entscheidungen, die die Lage schließlich herbeiführten. Das Volk war daran nicht beteiligt, ist jedoch für seine Politiker vor der Geschichte verantwortlich.

Der einfache Mensch fühlt sich nie schuldig oder verantwortlich für staatliche Entscheidungen und Maßnahmen.

Worin besteht seine historische Verantwortung: in den internationalen Folgen, sobald sie sich als Druck bemerkbar machen.

Die Politik "der andern" übt diesen Druck aus. Die Kollektivschuld wird zwar allenthalben in Abrede gestellt, ist aber ein Politikum ersten Ranges, wenn es sich lohnt.

Druck erzeugt Gegendruck oder Erweichung. Wenn der Druck zu groß wird, ist Erweichung die logische Folge. Stufe I.

Stufe II der Folgen ist die praktische Antwort auf die theoretische Frage, zu welchem Zweck der Druck ausgeübt werde. Nur, um weich zu machen?

Weichwerden ist die Bereitschaft, Forderungen zu erfüllen. Deutschland hat sich auf diesem Gebiet als ein großer Nachkriegsmeister erwiesen und bewährt.

Deutschland hat sich beliebt gemacht. Es hat sich die Beliebtheit erkauft.

Noch ist nicht aller Tage Abend. Aus der Demütigung kann eine Erhöhung und Selbsterhöhung folgen.

In der Geschichte gibt es keine Überraschungen, aber Erinnerungen.

Das Jiddische, ein deutscher Dialekt, der von seiner Herkunft nichts mehr wissen will, verbindet in Mitteleuropa alles, was auseinanderstrebt, was sich feind ist.

Erstaunlich, daß die Deutschen so wenig tschechisch oder polnisch verstehen, gar selber sprechen, während die Tschechen und Polen die deutsche Sprache gesprochen und manchmal auch gepflegt haben, darin den Russen gleich.

Auch heute ist in den slawischen Ländern die deutsche Sprache freundlich aufgenommen. In Deutschland spricht so gut wie niemand eine der genannten Nachbarsprachen.

In Israel gab man sich redlich Mühe, "nie wieder deutsch" zu sprechen. Was solcher Mühe bedarf, hat keine Zukunft. Die Zukunft begann bereits in der Vergangenheit. Es hat jedenfalls nicht geklappt.

Das Russische war den Ostblockländern aufgezwungen und geht schnell wieder zurück. Alles schaut nach Westen. Das ist der Grund. Aber warum? Im Osten geht doch die Sonne auf.

Wahrscheinlich sind das die Spuren des alten kaiserlichen Österreich. Die Vielvölkermonarchie war ein Glück, ihr Verschwinden ein großes Unglück für Europa. Daran muß von Zeit zu Zeit erinnert werden.

Jetzt blieb nur noch der Westen als kulturelle Himmelsrichtung.

Hinzu kommt die Faszination des Sonnenuntergangs.

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