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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-07-28
Mein verstorbener Onkel war studierter Volkswirt. Ich glaubte, er sei Germanist, doch er hatte Nationalökonomie studiert.
Ich fand das sehr komisch, hatte überhaupt keine Vorstellung davon. Vielleicht wäre noch was zu retten gewesen.
Jetzt ist es zu spät.
Wer sich nach seiner Decke streckt, weniger ausgibt, als er hat, handelt und wirtschaftet nach den Prinzipien der Nationalökonomie.
Eine ordentliche Volkswirtschaft ist wie ein solides Geschäft. Sie hat keine Löcher, sondern Polster.
Als der zu seiner Zeit überall herumgereichte Weltökonom und Bundeskanzler Helmut Schmidt am Ende - erstmals - rote Zahlen hinterließ, fragte ich mich, wie das denn zusammen passe. Ein Weltökonom macht keine Schulden.
Diese Annahme war ein Grund-Irrtum. Ein Weltökonom, wir sagen heute: Globalist oder Global-Player, macht nur Schulden.
Zwischen dem Nationalökonomen und dem Weltökonomen klafft genau dieser Abgrund, eine unüberbrückbare Schlucht.
Globalisierung heißt, und das ist keine Polemik, Überschuldung. Wer keine Schulden macht, gilt als nicht kreditwürdig. Er muß sich um seinen guten Ruf sorgen.
Ich hätte auf meinen Onkel hören sollen, post mortem habe ich es ja auch getan, für mich privat nicht zu spät, für den Staat mangels Einfluß ohne jede Bedeutung.
Im Sozialismus wurde ich aufgefordert, ein Referat über die sozialistische Wirtschaft, insbesondere ihre Vorzüge gegenüber dem Kapitalismus, zu halten.
Ich hielt das Referat, es war ein gutes Jahr vor dem historischen 17ten Juni 1953. Grundlage meines Vortrags war die Situation in der zerstörten Stadt. Es mußte gebaut werden. Mittel und Materialien waren knapp.
Auf solide Weise würde es zu lange dauern, also müssen Kredite her, das kurbelt die Bauwirtschaft an, alles weitere folgt danach.
Meine Kollegen waren begeistert, die Genossen waren es weniger. Dennoch hatte ich meine Argumente so einleuchtend vorgebracht, daß mir nicht viel darauf erwidert wurde. Eher dachte man wohl daran, die Sache möglichst schnell wieder zu vergessen.
Was ich damals nicht bedachte, war die Eigengesetzlichkeit der Kapitalwirtschaft. Es war auch noch nicht zu erkennen, wohin das einmal führen würde, wenn es keine Gegenkräfte mehr gäbe.
Ich setzte auf das Prinzip der Freiheit gegen Solidität und wirtschaftliche Sicherheit. Leider war diese Freiheit nie wirklich meine Freiheit, sondern immer nur die Freiheit der Mächtigen.
Ich würde das Referat heute anders formulieren und es anders begründen. Aber die Zeit läßt sich nicht zurück drehen. Und wenn, ich hätte nur wieder die begrenzten Erfahrungen von damals und würde das selbe Referat mit den selben Argumenten vortragen, und alle würden mir zujubeln, weil es eben ein Zeichen von Mut war, so was vor einer Versammlung in Ost-Berlin offen auszusprechen.
Ich glaubte, es sei die Wahrheit. Heute weiß ich, die Wahrheit ist komplizierter. Und meine Wahrheit durfte niemals die Wahrheit des Kapitals sein, denn ich habe kein Kapital und verfüge über keines. Das war und ist und bleibt aber der springende Punkt.
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