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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-08-01

Horst Calx

Reichssportfeld und Zirkuswagen

Ich wußte immer, wer ich war

Es begleitet mich mein Leben lang, sie begleiten mich oder ziehen mich zu sich. Unsere Wege kreuzen sich, und ich denke jedesmal, da sind wir ja wieder.

Ich wußte immer, wer ich war, manches wußte ich nicht, wie man die Uhrzeit oder seinen Namen weiß, oder wann der nächste Zug kommt. Ich wußte mit der Sicherheit im Traumwandel.

Ich will nicht zu oft vom Träumen erzählen, sonst komme ich noch in den Verdacht, ein richtiger Träumer zu sein, der ich nicht bin.

Ich wußte und wußte nicht, ahnte und konnte es nicht beweisen. Schließlich waren mir die Beweise unwichtig geworden. Wichtig war und blieb mir, was ich für mich und meine Seele wußte.

Die innere Zigeunergewißheit konnte mir niemand nehmen.

Die Straße heißt Reichssportfeld oder Am Reichssportfeld, ich glaube, sie heißt noch so. Am Olympiastadion auf dem weiten freien Platz standen die Wagen. Ich mußte immer an Zirkus denken, obwohl die Wagen keine Aufschrift und keinerlei Verzierung trugen.

Es war kein Leben zu hören, alle waren ausgeflogen oder hielten sich still in ihren Wagen auf. Ganz moderne Gefährte standen eine Zeitlang auf dem Mauerstreifen zwischen Reinickendorf und Pankow, in der Nähe des Bahnhofs, der im Westen lag, Wilhelmsruh oder Schönholz.

Die Mauer war gerade gefallen. Die Sippe hatte ihre schönen Wohnwagen auf der Pankower Seite aufgestellt.

Hundert Meter weiter am Rand der Schönholzer Heide stand ein grüner Bauwagen, ein ehemaliger Bauwagen, der als großes Bienenhaus eingerichtet war. In ihm lebten und arbeiteten vielleicht sechs oder acht Völker.

Den besten Honig meines Lebens hatte ich von Aldi, wirklich verrückt. Damals war das Land noch geteilt. Es war russischer Wildblütenhonig, die Gläser wie in Rußland abgefüllt, wenn man den Deckel hob, schlich der würzige Duft der Taiga in die Nase.

Ich liebe dieses Rußland, das Rußland der Weite, des schönen Kunsthandwerks, der freundlichen Stoffmuster.

Rußland ist die natürliche Heimat der Nomadenvölker. Die Zigoyim müßten dort ziehen, und ich mit ihnen.

An das Riesengelände für Massenaufmärsche am Reichssportfeld erinnern mich die neuen Paläste der Republik zwischen weiten Platz- und Rasenanlagen. Die Marschierer marschieren gradwegs ins gemachte Nest. Die deutsche Regierungsarchitektur frei nach Speer lädt direkt dazu ein.

Ja, ich wußte immer, wer ich war, und daß dies nicht mein Platz ist.

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