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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-07-20

Horst Calx

Das Zigeunerlager

Die Kinder am Fenster und der Gasbehälter

In der Nähe die Havel, was heißt, in der Nähe, ich würde sagen, hundert Meter, oder fünfzig, sechzig. Unmittelbar am Wasser stehen die inzwischen wohl ausgedienten Gasballons, die großen Dinger, die auch in der Stadt da und dort zu sehen waren, Sellerstraße am Wedding, erinnere ich mich.

Direkt neben diesen Gasbunkern standen die Baracken, ich hoffe, daß jetzt niemand mehr darin hausen muß, obwohl ich sie eigentlich in guter Erinnerung habe, das kam von den Menschen.

Da gab es unangenehme Zwischenspiele, wenn der Stammesführer oder dessen Generaldirektor im dicken Mercedes vorfuhr, um seine Sippe zu besuchen, die in einem herzlichen Elend hier lebte und immer guter Dinge war. Die Kinder waren ein großer Gewinn für diese Ecke. Ihre Augen habe ich nicht vergessen, und sie waren vielleicht sechs oder sieben, höchstens acht Jahre alt.

Ich weiß nicht, was der reiche Mann im teuren Tuch da wollte, kann mich nicht erinnern, daß er für seine Familie Geschenke oder Kuchenpakete mitbrachte, vielleicht steckte er den Müttern für die Kinder ein bißchen Geld zu, vielleicht kassierte er aber auch. Aus Hamburg kenne ich das.

Am Mönckeberg-Brunnen saß eine Frau mit einem kleinen Kind und hielt die Hand auf. Schräg gegenüber stand eine schwere Luxuslimousine, von der aus die Einnahmen der jungen Mutter kontrolliert und schließlich kassiert wurden.

Ich will mir über die Sitten der Sippen kein Urteil erlauben, ich weiß zu wenig über sie, mir sind nur ein paar Kleinigkeiten aufgefallen.

Im Familienzusammenhang wird das alles schon seinen Sinn und seine Richtigkeit haben, aber eine bessere Imagepflege kann nicht schaden, wenn man dort, wo man gerade ist, nicht in ein Zwielicht geraten will.

Das ist eine immanente Kritik. Das Volk der Zigeuner ist genauso heilig und geheimnisvoll wie das jüdische, und auch da gibt es das eine oder andere zu beanstanden.

Die Zigoyim verändern die Welt, sobald sie irgendwo auftauchen. Natürlich ist ihre sichtbare Armut auch eine Legende. Die Sippen müssen reich sein, sonst hätten sie nicht überlebt, sie müssen mit der allgemeinen Seßhaftigkeit fertig werden.

Die Nomadenvölker haben im letzten Jahrhundert viel an Freiheit und Eigenständikeit einbüßen müssen. Aber ich sehe sie nicht im Abstieg, sondern im Wartestand wie die mesoamerikanischen Maya.

Die deutsche Sicht ist im Norden scheel und schräg, im katholischen Süden von alters her weitaus milder. Die Gottlosigkeit hat ihren Tribut gefordert, und der ging zu Lasten der Herzen und der Seelen ganzer Völker.

Die Zigeuner sind ein Volk Gottes. Jedes Kind zeugt davon. Die Augen der Frauen und der Kinder sind der ewige Strom der Zigoyim.

Tatsächlich erscheinen mir die Zigeuner, als hätte Gott ihre Frauen geliebt und klug und weise gemacht. Die Weisheit der Zigeunerinnen kehrt in jedem kleinen Mädchen wieder.

Die jüdische Herkunft stützt sich zwar halakhisch auf die Mütter, ist aber den Schriften nach ein Patriarchat, das in seiner Geschichte allerdings so beschädigt wurde, daß es Mühe hat, mit den Müttern zu konkurrieren.

Die Frauen, die Jeremias beklagt, weil sie die Himmelsgöttin anriefen, die vom ägyptischen Gotte Thot die Absolution erhielten und die Initiation empfingen, sind womöglich die wahre Mutterlinie, zu der die Hebräer die eigentlichen, die wahren und authentischen Väter sind.

Vielleicht ist es der Grund, weshalb die Sippenväter der Zigoyim ihren Weibern - den Töchtern Hagars, der Schwarzen Sarah! - nicht trauen, sondern sie unter Kuratel und Kontrolle halten; ihre Kinder stiefväterlich behandeln.

Wenn die Bauarbeiter duschten, schauten die Kinder durchs offene Fenster zu, unbemerkt, wie es sich für kleine Zigeuner gehört.

Vielleicht suchten sie ihre beschnittenen Väter. Doch die sind nicht da.

Die Väter sind weit und erinnern sich nur manchmal in Träumen an sie, die Verjagten.

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