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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-06-15

Horst Calx

Der Bart

Der Bart ist ein Symbol, vor allem ist er es für die Hasser und Dummköpfe vom Dienst. Ich will die Geschichte andersherum erzählen.

Als der Journalist in Sachen Antisemitismus sich einen Ruf als unverbesserlicher Jude und Zionist erworben hatte, bekannte er sich dazu und ließ fortan seinen Bart stehen.

Damit begann eine Odyssee der neuen Erfahrungen. Offenbar wird in Deutschland der Bartträger von vornherein als Jude identifiziert.

Es gab auch lustige Erlebnisse. Ein Kollege war ganz bestürzt, meinte, doch seine Kirchensteuer bezahlt zu haben, und nun komme der Bischof persönlich. Das war originell.

Der Bart ruft Sympathie und Liebe hervor, desgleichen Haß, scheele Blicke und Spott.

Der Bart macht den Mann zum Juden, zu Suleyman und zum Weihnachtsmann. Am Bart scheiden sich tatsächlich die Geister. Die Selbstgewißheit von der Unsicherheit. Die Menschen auf der Straße sind mit sich im reinen, wenn der Bartträger sie nicht tiefer berührt als ein Löwe, der den Fahrdamm überquert.

Ich will das nicht banalisieren, das ist der Bart sich schuldig. Mobilisiert der Bart die Archive des Bösen, ist die Welt nicht mehr in Ordnung.

Fragt die Beamtin den Bürger, warum er einen Bart trage. Fragt der Bürger zurück, warum sie keinen Bart trage. Sagt sie, na, warum wohl. Ja, sehen Sie, sagt er. Das war vor dreißig Jahren.

Inzwischen ist eine Gewöhnung eingetreten. Die Gewöhnungszeiten brachten das Finsterste hervor. Damals waren es die alten Frauen, die in dem Bartträger den Vater erkannten.

Der Bärtige erfährt die Quellen des genuinen Antisemitismus, die mit dem Freudschen Ödipuskomplex nicht hinreichend erklärt sind.

Freud hat in seiner Analyse Der Mann Moses und die monotheistische Religion - wie schon beim Unbehagen in der Kultur - die individuelle Psychologie aufs Kollekiv übertragen.

Freud haderte mit dem Über-Ich, gegen das er nicht das Es, aber das Ich mobilisierte.

Der Mangel in der Theorie beruht auf der Mißachtung des Über-Ich in seiner Bedeutung für die stabile Entwicklung des Ich.

Freuds eigene Emanzipation vom Judentum erweist sich in diesem Zusammenhang als äußerst problematisch und folgenreich.

Im genuinen Antisemitismus potenziert sich der Vaterhaß zum Völkermord-Syndrom.

Es ist nicht irgendein Volk, das gemordet werden soll, sondern das eine Volk, das den Vater gewissermaßen vergöttlicht hat.

In der Religion der Väter offenbart sich diese Wahrheit, und die Feinde der Lehre rekrutieren sich aus dem kollektivierten Ödipus, wobei wir die mythische Gestalt der Freudschen Modell-Abstraktion vorziehen.

Im Mythos kommt die Rolle der Mutter stärker zum Tragen. In der ägyptischen Geschichte ist die Mutterfigur eine starke Frau, eine Königin, Pharaonin, die politisch gegen den Pharao intrigiert, indem sie den gemeinsamen Sohn gegen ihn instrumentalisiert.

In der antisemitischen Bewegung des Neunzehnten und Zwanzigsten Jahrhunderts spielen die Emanzipationsbestrebungen der Jungen aus den Fängen der Alten und ihren Wertevorstellungen, der Frauen aus der Abhängigkeit von ihren Männern eine grundlegende Rolle.

Jugend- und Frauenbewegung richten sich gegen das Patriarchat. Die Naturbewegung, heute unter dem Begriff des Ökologismus politisch relevant, ist das Aufstand des Es gegen das Über-Ich, gegen den Vater an sich.

Jeder bärtige Vater ist in diesem Sinne ein Vertreter und Protagonist des Patriarchats und damit der Lehre vom Einen Gott. Sein genuiner Erb-Feind ist der organisierte Feminismus samt seinen entmannten Opfern.

Die geradezu vegetative Organisation des Antisemitismus erfolgt in den Kinderjahren. Mädchen, die sich typisch weiblich verhalten, bekommen von ideologisch vorgeprägten Ärztinnen Antidepressiva, während die Knaben mit Antiaggressiva behandelt werden.

Der Ökofaschismus wirkt von langer Hand. Bereits in der Entbindungsstation liegen Broschüren von Weltanschauungsvereinen aus, die die jungen Mütter auf den "richtigen Weg" bringen sollen.

Die Keime des Antisemitismus werden mit den ersten Windeln, Reinigungs- und Nahrungsempfehlungen gesteckt.

Die Amazonen-Göttinnen machen ganze Arbeit, die nur sie und die kritischen Begleiter des Patriarchats verstehen. Der genuine Widerstand ist nicht zahlreich. Hier steht Qualität gegen Quantität.

Die Pathologie des genuinen Antisemitismus begreift sich als Pädagogik zu einem gesunden Leben. Der Kulturkrieg wurzelt tief und zeigt im Anti-Klerikalismus noch nicht sein eigentliches Anliegen, obwohl es darin bereits verborgen liegt.

Angriffsziel ist die Religion der Väter, ist der Vater par excellence.

Die Kritiker Israels müssen sich dessen stets eingedenk sein.

Israel sollte immer daran denken, wenn es die Kriege gegen den Islam unterstützt.

Der Islam muß verstehen lernen, daß seine anti-israelischen und anti-jüdischen Propaganda-Operationen den größten Beifall von den antisemitischen Amazonen und ihren Gesellen bekommen, die die gefährlichsten Feinde auch des Islam sind.

Keine noch so nahe liegende politische Begründung des inner-monotheistischen Konflikts führt an der Tatsache vorbei, daß der Monotheismus das Ziel des globalen Angriffs ist. Der Aggressor muß an seinen anti-monotheistischen Ambitionen erkannt werden.

In diesem Sinne ist der Krieg zwischen Israel und Ismael sekundär. Jeder der beiden hat falsche Bündnispartner. Jeder verbündet sich mit Feinden gegen den Bruder.

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