free download kokhavivpublications.com Kritisches Forum The Dynasty

Der Krieg ist der Vater der Dinge. -HERAKLIT

2002-08-05

An Ustad Tarik T. Knapp, den Verfasser des Friedrich II. - ein Muslim-Artikels

Lieber Herr Knapp,

in meiner Unwissenheit ueber den Islam und seine Traditionen entschuldige ich mich zuerst fuer alle Fehler und komischen Fragen, die mir in meinem Brief unterlaufen.

Ich bin eigentlich Altgriechisch-Studentin und habe mich recht ausfuehrlich mit Aristoteles, Platon und ihrer Ideenwelt beschaeftigt, und da ich aus einer wirklich atheistischen norddeutschen Familie stamme, fiel es mir leicht, zu einer neuen Art von Glauben zu finden, der - um es negativ zu formulieren - alles und nichts umfasst, - positiv - fuer wahre Argumente aller Religionen offen ist, wie ich behaupten moechte.

Da ich nebenbei auch Geschichtsstudentin bin und mein Pruefungsthema die Zeit der späten Staufer ist, bin ich einigermassen in der Diskussion und haette ein paar Bedenken. Ich habe mich besonders am Anfang Ihres Aufsatzes koestlich amuesiert. Sie bieten eine echte Alternative, die sicher von den Historikern hierzulande scharf angegriffen wurde, daher stammt wohl auch der polemische Ton, der so koestlich zu lesen ist.

Einige Worte zur Verteidigung des Christentums:

Eine Parallele, die ich zum Islam sehe, soweit ich da informiert bin, ist doch, dass beide Religionen die Waffen in die Hand nehmen, um die Wahrheit durchzusetzen, und beide nehmen in Anspruch, in Besitz dieser religioesen Wahrheit ueber Gott zu sein. Was aber, wenn wir als Menschen unvollkommene Lebewesen sind, die durch ihren koerperlichen Anteil daran gehindert werden, die letzte Wahrheit und damit Gott begreifen zu koennen? Nach Aristoteles wuerde diese letzte Erkenntnis Gottes bedeuten, dass man eins mit ihm wird, die Seele sozusagen bis zur hoechsten Ebene zurueckfaltet und alles Irdische weit hinter sich laesst. Da wir dies als Menschen aber nicht erreichen koennen, spreche ich jeder Religion ab, das, was sie glaubt, als wahr erkannt zu haben, mit Waffengewalt durchsetzen zu duerfen. Auch das Christentum suchte nach der Wahrheit, nach Gott und Gerechtigkeit, nach Wissenschaftlichkeit. Eigentlich ist es ungerechtfertigt, das Mittelalter mit "tiefster Nacht" zu betiteln, denn da war man den Wurzeln noch am naechsten und der politische und weltliche Missbrauch setzte erst nach und nach ein - zugegeben, zu Friedrichs Zeit war er schon gang und gaebe. Der eigentliche Niedergang des Christentums setzte erst mit Beginn der Neuzeit ein, mit dem, was man hierzulande Humanismus und Aufklaerung nennt und die Wurzeln der modernen europaeischen Welt bildete. Im Mittelalter war die Kluft noch nicht so gross und unueberwindbar zwischen Aristoteles, den Kirchenvaetern wie Augustinus und Thomas von Aquin und arabischen Denkern wie Averroes. Auch die Grossen der Christenheit appellierten an den Verstand, nur waren sie sich damals genau wie Aristoteles und die arabische Welt noch im Klaren darueber, dass es Bereiche gibt, von denen nur Gott ein Wissen haben kann. Fuer uns Menschen ist es bei diesen Gegenstaenden nur moeglich, mit einiger Wahrscheinlichkeit das Richtige zu treffen, und dazu gehoeren ganz besonders historische Gegebenheiten.

Ohne boeswillig sein zu wollen, moechte ich den Autor darauf ausmerksam machen, dass er den modernen Wissenschaften, d.h. dem falschen, aber verlockenden Weg der europaeischen modernen Welt auf den Leim gegangen ist. Die Argumentation dieses Artikels ist genau die, die man beim (wohlgemerkt als gut empfundenen) Studium der europaeischen Geschichtswissenschaften lernt: Such' dir eine bislang nicht dagewesene Idee, entsprungen moeglichst aus einem genialen Geistesblitz, und belege sie, so gut du kannst. Streite mit den Historikern, die dir widerprechen. Ueberhaupt ist es wohl so, dass man sich dabei nicht einigen kann, denn wie bereits gesagt, ist die letztendliche Gewissheit nicht erreichbar. Anerkannt wird der, der es in diesem verbalen Kampf schafft, den Gegner zu beeindrucken, alle seine Gegenargumente moeglichst zu widerlegen und die meisten Anhaenger auf seine Seite der Theorie zu ziehen. Der polemische Ton Ihres Artikels, die Reihe von Indizien, die Ihre Theorie durchaus plausibel machen, der Umstand, dass noch niemand hier zuvor auf diese Idee gekommen ist, sprechen Baende. Ist es vor Gott angebracht, auf der Wahrhei von etwas zu bestehen, wovon es unter Menschen nie ein echtes, sicheres Wissen geben kann? Die Moeglichkeit zu formulieren, bleibt unangegriffen, doch alles, was mit historischen Entwicklungen, Vorgaengen, Charakteren zu tun hat, beinhaltet dieses Manko. Deshalb sollte man sich mit der Geschichte nicht so beschaeftigen, als wolle man die letzte Einzelheit eindeutig klaeren, sondern so, dass man aus dem, was den Menschen geschieht, eine Lehre fuer sich ziehen kann und weiss, was man besser meiden sollte, um ein gutes Leben zu fuehren und Gott so nahe wie es individuell moeglich ist, kommen zu koennen. Das ist die Lehre, die ich selbst aus meinem Geschichtsstudium gezogen habe.

Mit freundlichen Gruessen

Ihre Helen Warnat

kokhaviv publications > Kritisches Forum > Panoptikum

© Copyright 2002 kokhaviv publications