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Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2002-08-13

Avram Kokhaviv

Die zweischneidige Wahrheit

Israel Shahak, Jewish History, Jewish Religion. The Weight of Three Thousand Years. Foreword by Gore Vidal. First published 1994 by Pluto Press, London and Boulder, Colorado

Israel Shahak verstarb im vorigen Jahr, den einen ein Prophet, den andern in unangenehmer, möglichst zu verschweigender Erinnerung.

Wer im Internet nach ihm sucht, trifft schnell auf revisionistische Rezipienten, die Shahak als antijudaisch-antisemitische Waffe benutzen und mißbrauchen.

Als ich erstmals mit ihm in Berührung kam, war ich gerade intensiv mit dem Geschichts- oder, wie ich ihn bald nannte: NS-Revisionismus beschäftigt.

Der revisionistischen Literatur verdanke ich letztlich den Hinweis auf Shahak, denn schon damals, Mitte der Neunziger, beriefen sich deutsche Antisemiten genüßlich auf Israel Shahak, der ihre Vorurteile zu bestätigen schien oder aber, das wog weitaus schwerer, den religiös bestimmten Antijudaisten irgendwie Recht gab.

Das Interesse an einer deutschsprachigen Ausgabe seiner Jewish History stellte den ersten und einzigen Kontakt mit Israel Shahak her.

Beim damaligen Stand meiner Nachforschungen fand ich, daß der Revisionismus die besseren Karten, die besseren Argumente zu haben schien. Vor allem schienen die Revisionisten - anders als ihre Kritiker - keinem Thema auszuweichen. Empfindliche Schwachstellen entdeckte ich erst später.

Allein bei revisionistischen Verlagen bestand ein Interesse an Israel Shahak.

Shahak plante für die deutsche Ausgabe ein Vorwort von Noam Chomsky, der in Deutschland als kritischer Linker außer Verdacht stand, den neuen Nazis als Sprungbrett dienen zu wollen.

Eine gewisse Schizophrenie in Sachen Shahak konnte ich an mir beobachten. Einerseits erkannte ich Shahaks Glaubwürdigkeit und Integrität, andererseits sollte er nicht durch die falschen Hände gehen, was freilich gar nicht zu verhindern war. Shahak ist nach wie vor eine beliebte Alibi-Quelle der Revisionisten, ob nun in der Literatur oder im Internet.

Die Freiheit der Presse und der Meinungsäußerung kümmert sich um solche Umstände überhaupt nicht, und vor Mißbrauch ist schließlich nichts und niemand sicher.

Shahak ist kein Zeuge für Auschwitz-Leugner. Er überlebte das Warschauer Ghetto und war zuletzt in Bergen-Belsen. Er kann in diesem Punkt allenfalls verschwiegen werden.

Ich hätte mir einen nicht unter "Revisionismus"-Verdacht stehenden deutschen Verlag für Shahak gewünscht.

Das antifreiheitliche Klima der Verängstigung in Deutschland - gestützt auf eine Sondergesetzgebung, hinter der sich kaum anderes als die alte deutsche Affinität fürs Verpönte versteckt - ließ jedoch die "seriösen" Verlage scheuen. Es gelang mir jedenfalls nicht, einen von ihnen aus der Reserve zu locken.

Es blieb also nur noch der NS-Revisionismus. Auch wenn ich ihm die Authentizität gewisser Forschungsergebnisse zunächst nicht absprechen konnte, störten mich seine Motive. Später habe ich ihn, wie ich meine: triftig, als organisierte NS-Propaganda enttarnt: "Der Revisionismus als Wissenschaft ist tot." Ich weiß nicht, ob Shahak in deutscher Sprache erschienen ist.

Wenn Shahak recht hat, dann haben auch bestimmte Antijudaisten recht, könnte man sagen. Aber das ist so nicht wahr.

Wo Shahak aus dem ehrenwerten Antrieb zum offenen Bekenntnis der Wahrheit "recht" hat, da hat das antisemitische Ressentiment noch lange nicht recht.

Die Weigerung des literarischen Establishments, kritische Stimmen wie die Shahaks bekannt zu machen, fördert den Revisionismus, indem sie praktisch auf ihn verweist, wenn in Deutschland eine Öffentlichkeit hergestellt werden soll.

Was immer die Deutschen auf diesem Gebiete tun, es kann unter den gegebenen gesetzlichen und ideologischen Umständen nur immer falsch sein.

Eine unvoreingenommene Lektüre Shahaks ist ein Gewinn, gibt Einblicke in geschichtliche und gesellschaftliche Zonen Israels und des Judentums, die außerhalb so gut wie unbekannt sind. Vor allem zeigen sie den hohen Stand und die große Vielfalt der öffentlichen Diskussion in Israel.

Israel Shahak schreibt eine kritische Geschichte des jüdischen Volkes und seiner religiösen Grundlagen. Noam Chomsky urteilt: "Shahak is an outstanding scholar, with remarkable insight und depth of knowledge. His work is informed and penetrating, a contribution of great value".*

Der jüdische Staat stellt, so Shahak, eine Gefahr für sich, seine Einwohner, für alle Juden, Völker und Staaten im Nahen Osten und anderswo dar. Shahaks Botschaft lautet: Die Wurzeln des jüdischen Chauvinismus und des religiösen Fanatismus müssen erkannt werden, bevor es zu spät ist. Er warnt vor mystischer Verdunklung und halakhischem Diktat, aber auch vor den aggressiven - mörderischen - Appellen im Alten Testament. "Die Juden sind unser Unglück" in neuer Gestalt?

Ein Fundamentalismus der Aufklärung möge uns vor dem Judeo-Faschismus ebenso wie vor dem Islamo-Faschismus bewahren. Aber auch davor, daß unsere historische Kritik am überlieferten Torahwissen gegen uns gewendet wird. Shahak hat es nicht vermocht, die falschen Freunde sich vom - geistigen - Leibe zu halten. Er dient ihnen als Quelle, an der sie weiterhin ihre Hände waschen.

*Buchumschlag

Siehe auch:
Israel zwischen Fundamentalismus und Demokratie im Kritischen Forum
kuckuck network

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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