2002-05-31

Sam Wonder

Sammeln und sortieren

Die Steine, die fürs Mosaik taugen könnten. Erst einmal sammeln und kehren und rechen, ein bißchen aussortieren, was nicht ins Bild paßt. Da fängt es schon an.

Eine schöne Stadt sortiert sich, indem sie die Stadtstreicher an den Rand befördert.

Der Clochard war eine poetische Erscheinung. Dem Stadtstreicher geht jegliche Romantik ab. Warum ist das so? Warum schläft ein kultivierter Mensch unter den Brücken von Paris?

Wir haben Zeitunterschiede zu beachten. In den zwanziger Jahren und der Mitte des vorigen Jahrhunderts entstand und wurde gepflegt der Mythos vom humanen Rätsel der Armut und des Ausgestoßenseins. Irgendwie klang da noch die christliche Denkweise durch.

Der arme Bettler am Rinnstein konnte der Messias sein, ein Test, eine Versuchung. Es wird dir so oder so angerechnet werden, wie du den Mann behandelst. Wenn du ihn nicht bemerkst oder gar verächtlich findest, könnte es für dein Leben, nicht für sein Leben, Folgen, irgendwelche Konsequenzen haben.

Das Mosaik, von dem wir anfangs ausgingen, war dagegen uninteressant. Die Steine, die nicht hineinpassen wollten, interessierten uns viel mehr.

Der Clochard war vom Mythos geschützt. Er blieb ein liebenswertes und nachdenklich Rätsel, ja, er war der Nachdenkliche, über den wir nun nachdenken konnten.

Der heutige Stadtstreicher ist ein ungeschütztes Opfer, ein Stück Dreck, um das sich niemand kümmert, für das niemand verantwortlich ist.

Es fehlt der sinnierende Flaneur, den es in die Ecken und Verlorenheiten der Stadt zog, wo er das Herz des Gesindels und damit sein eigenes wieder fand.

Das ist uns verloren gegangen. Wenn wir so tun, als wären wir doch damit befaßt, so sind wir nur erst auf der Suche nach dem, was abhanden kam.

Es scheint zur deutschen Mentalität zu gehören, die äußeren Grenzen eng zu ziehen und alles jenseits der Ränder zu verachten.

Das Fremde zuerst reserviert zu mustern, ist ein menschlicher Charakterzug, es unsortiert als feindlich zu markieren, muß es nicht sein.

Die Deutschen sind nicht schlechter als andere, möglicherweise aber doch, sie sind anders, und das spürt, wer aus einem lateinischen Land kommt und in Deutschland eine Weile bleiben will, das spürt er sofort.

Dennoch ist mir nicht wohl bei diesen Worten. Manchmal treibt es mich, die Deutschen zu beschützen. Als europäische Outsider sind sie plötzlich den verfemten Stadtstreichern so ähnlich.

kokhaviv publications > NewCatch > online exclusive
kokhaviv publications > NewCatch > security > What happened on Sept. 11

© Copyright 1999 - 2011 kokhaviv publications