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Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2002-05-19

Avram Kokhaviv

Leo Baecks Ehrenrettung

Der ihrer nicht bedarf

Das Wesen des Judentums wider die Kleinbrüterei

Leo Baeck, Das Wesen des Judentums
Siebte Auflage © by Joseph Melzer Verlag, Darmstadt
Abi Melzer Productions, Dreieich
Lizenzausgabe für Fourier Verlag GmbH, Wiesbaden o.J.

1906 erschien das Buch, das als Standardwerk in die Geschichte des modernen Judentums eingegangen ist. Eine zweite Auflage erschien 1921, die vierte 1925, zwischendurch eine dritte.

Leo Baeck unternimmt sein Werk zur Rettung des Judentums, seiner historischen Berechtigung in einer christlichen Welt, die für sich in Anspruch nimmt, die alttestamentarische Religion überwunden, sie in sich aufgehoben und dadurch bereits für alle Zeit gerettet zu haben.

Verglichen mit den gewaltigen theoretischen Anstrengungen der spätantiken und mittelalterlichen Scholastik, die Botschaft Jesu Christi als die gesammelte Wahrheit Gottes auf Erden zu erklären und unnötigerweise auch noch zu begründen, um das Christentum hieb- und stichfest zu machen, ist das jüdische Selbstverständnis daneben steckengeblieben.

Die Katholizität verträgt keine Konkurrenz neben sich, wie schon der Gott Israels keine Götter neben sich duldete und dulden konnte, wollte er seine Einmaligkeit nicht verlieren.

Zu Beginn des 20sten Jahrunderts, etliche Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, in einem aufstrebenden deutschen Kaiserreich preußen-hohenzollernschen Charakters, ist Leo Baeck in der Lage, frei und entschlossen seine Sicht über das Wesen des Judentums in einem handlichen Werk vorzulegen.

Es wird mir auch bei wiederholter Lektüre schwer, im Autor den Juden zu erkennen, der in deutscher Sprache sein Judentum vorbringt und begründet und verteidigt, obwohl er dies ja immerfort tut, und nicht denjenigen, der längst in deutschem Denken befangen das Richtige mit falschen Worten und wohl auch in der falschen Sprache sagt.

Nicht, was Leo Baeck sagt, sondern wie er es sagt, vermittelt und hinterläßt den starken Eindruck, daß er genau das tut, was er nicht tun dürfte: deutsche Vorurteile überwinden helfen. "Als Ganzes ist Baecks Werk so umfassend und dicht gefüllt, daß uns nichts anderes zur Vertiefung in den Gegenstand gleichermaßen geeignetes bekannt wäre. Hier ist eines der großen Standardwerke zu diesem Thema neu erschienen, das die Vorurteile Unzähliger zerstreuen könnte" (Freiburger Rundbrief, Zeitschrift für Christlich-Jüdische Begegnung).

Was kümmern uns die Vorurteile, die natürlich niemand zerstreuen, sondern eher noch anhäufen wird, der sie wegräumen will, weil doch die Vorurteile gar keine "Vor-", sondern feste unverrückbare Endurteile sind, die nicht mit sich reden lassen, weil sie aus der Bosheit geboren sind.

Baecks Dialogansatz richtet sich imgrunde an die Evangelische Kirche Deutschlands, und da ist Hopfen und Malz verloren, was zu wissen man bei einem Mann vom Range Baecks erwarten muß. Die Folgegeschichte hat sein Werk vielleicht nicht widerlegt, aber den Versuch des guten Willens ad absurdum geführt.

Tatsächlich ist jede Religion, die sich auf den Gott vom Sinai beruft, genötigt, gezwungen, ja, verpflichtet, keine andere Religion neben sich zu dulden.

Darum ist der interreligiöse Dialog der pure Unsinn. Entweder sind die drei Monotheismen ein und der selbe, oder zwei von ihnen haben sich dem dritten zu beugen und die eigenen Pforten zu schließen.

Das preußendeutsche Judentum ist ein Kapitel für sich. Es gibt einen Teil seiner jüdischen Identität auf, weil es in der Philosophie des deutschen Idealismus das Wesentliche der hebräischen Botschaft wiederzuerkennen glaubt. Kants Kategorischer Imperativ ist das Konzentrat der reinen Lehre vom Gesetz Gottes, diesmal aus der Erkenntnis des denkenden Menschen geboren.

Es ist ein Verdienst des deutschen intellektuellen Judentums, diese eigentümliche Renaissance des sinaitischen Urgedankens in der preußischen Philosophie entdeckt zu haben. Der deutsch-jüdische Fehlgedanke dabei ist in der Kernlehre selbst begründet.

Das Lutheranertum macht dies besonders deutlich. Wer Martin Luthers deutsche Bibelübersetzung liest, wird sofort von der Sprache des Reformers überwältigt. Luther hat die hebräischen Schriften nicht nur übersetzt, er hat sich die Lehre und die Botschaft angeeignet. Luther schlüpft in die Rollen Moses und Aarons zugleich, um seinem (!) Volk, nämlich dem deutschen Volk, die Wahl Gottes vorzutragen, das Wort Gottes neu zu prägen in der deutschen Sprache, mit der er das Hebräische ablöst wie das jüdische Volk durch das deutsche.

Luther will keinen Dialog mit den Juden, er hat ihnen noch einmal das Buch gestohlen, es in seine Volkssprache übersetzt. Jeder Deutsche, der jetzt die Bibel liest, erlebt sich in der Verfassung des von Gott auserwählten Volkes, und es ist fast schon makaber, in frühen Reden Hitlers den gleichen Ton zu hören, nicht nur herauszuhören, sondern expressis verbis, wenn er den Gott im Himmel anruft, er solle sein Volk beschützen.

Luther setzt sich und sein Volk an die Stelle all dessen, was sich bisher auf die Bibel berief, und verkündet die heilige Schrift neu in der nun deutschen Sprache. Insofern ist das deutsche Volk nicht mehr unschuldig, sondern wissend und also schuldfähig und für sein Tun und Lassen verantwortlich vor Gott.

Damit aber ist die Geschichte der Deutschen von einer besonderen Tragik, und man versteht vielleicht, warum die Evangelische Kirche Deutschlands die Verbrechen der Deutschen an den Juden in diesem merkwürdig tiefen Schuldbewußtsein auf sich nimmt und abträgt - indem es das deutsche Volk kollektiv damit belastet.

Das ist polit-historisch scheinbar korrekt, vernünftig, anständig. Was daran dennoch immer wieder als unwahrhaftig und vorgetäuscht aufgefallen ist, mag mit dem messianischen oder einfach nur religionsgeschichtlichen Hintergrund sich erklären.

Martin Luther meinte es ernst mit den Juden und vor allem gegen sie. Sein antijüdischer Geist findet die letzte Konsequenz in der Vertreibungs- und Vernichtungspolitik Hitlers.

Die Botschaft vom Sinai ist nicht übertragbar. Alles, was nach der endgültigen Zerstörung des Tempels von Jerusalem als monotheistische Religion auftrat, trägt das Zeichen des Todes, sichtbar als Kreuz oder verdeckt in der seelischen Verfassung, wohlweislich auch des Judentums.

Was am Islam gegen diese These spricht, wird durch seinen mystizistischen Grundzug gründlich widerlegt.

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