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Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2002-04-29

Avram Kokhaviv

Der Heilige Krieg

Ein UN-Heiliger Antisemitismus?

Man sieht ihnen viel nach, denkt vielleicht, daß sie es nicht so meinen. Die orientalische Phantasie gehe mit ihnen durch, und, na ja, die Menschen dort unten sind gar nicht so.

Daran ist einiges wahr und einiges ganz und gar falsch. Denn der - in den Vereinten Nationen immer wieder honorierte - arabische Antisemitismus ist stark beeinflußt von der nazistischen Hetz-Propaganda gegen die Juden, und ich gönne es den Anti-Islamisten nicht, daß sie so leicht davonkommen; denn irgendwie scheint diese böse Ausrottungshetze gegen Israel und das jüdische Volk dem Islam schweren Schaden zuzufügen. Als ob da gleich zwei Unerwünschte moralisch weggeräumt werden sollen. Juden und Moslems.

Die Menschen der orientalischen Welt sind längst nicht mehr dem Abendland so entgegengesetzt, daß man sie anhand dieser Differenzen von vornherein sicher identifizieren könnte. Der Einfluß des Westens ist so stark und allumfassend, daß bestimmte Lebensäußerungen der orientalischen Menschen mit denen des Okzidents durchaus verglichen werden können.

Was sie vom Westen unterscheidet, ist diese neuartige Hemmungslosigkeit, mit der menschenfeindliche, in diesem Fall antijüdische Mordpropaganda von prominenten Politikern und religiösen Würdenträgern in die Welt gestreut wird, ohne daß diese Welt sich sonderlich oder überhaupt darüber aufregt.

Das ist schon ein Phänomen.

Unterscheidungen ganz anderer Art sind vonnöten, wenn wir mit dieser Problematik fertig werden wollen.

Der Begriff Islamofaschismus ist hier eingeführt worden, um der Gegen-Idee eines demokratischen Islam zum Durchbruch zu verhelfen.

Der Gedanke entstand in den neunziger Jahren, als in Algerien die demokratischen Wahlen, die zugunsten islamischer Parteien ausgegangen waren, von der Regierung und ihren europäischen Steigbügelhaltern zunichte gemacht wurden.

Den Wählern wurde damit die politische Mündigkeit abgesprochen, was unter normalen Umständen als ein schwerer Eklat in die Geschichte der Demokratien eingegangen wäre.

Dieser undemokratische Vorgang hatte in der islamischen Welt fatale Folgen, weil er jedem Menschen vor Augen führte, daß der Islam als Ergebnis und Grundlage demokratischer Entscheidungen vom Westen nicht und niemals anerkannt und geduldet würde.

Dem Westen ist an einem antidemokratischen Islam gelegen, der sich, sozusagen durch die Hintertür, als antiwestlich interpretieren und also manipulieren läßt.

Das westliche Wunschbild vom exotischen, undemokratischen, eher despotischen Islam deckt sich
1) mit dem an den Quranschulen gelehrten islamischen Leitbild und ist
2) eng verknüpft mit der US-strategisch langfristigen Verschiebung des Konflikts in die Vorstellungsklischees des Zweiten Weltkriegs.

Das ist die Schattenseite der von uns entwickelten euro-islamischen Strategie, die sich in jüngster Zeit historisch flügge zu machen scheint - allerdings auf eine Weise, die mit Demokratie und sozialrevolutionärem Befreiungsislam nichts mehr zu tun hat.

Die Faschisierung des Islam beginnt mit der historischen Kontaktaufnahme zwischen islamisch-antiisraelischen Kräften und euro-antisemitischen Politarchitekten der Hitler-Nachfolge.

Die historische Brisanz dieser Verbindung folgt aus ihrer geopolitischen Plausibilität und Logik.

Zur islamisch-westlichen kommt also auch eine deutsch-islamische Interessen-Konvergenz den Antidemokraten in Orient und Okzident entgegen und erspart oder erschwert den islamischen Denkschulen den geschichtlich notwendigen Lernprozeß.

Die Frage Demokratie? gebiert regelmäßig den Hinweis, daß es nur die Souveränität Gottes gebe und die Vorstellung von einer Souveränität des Volkes dem Geist des Quran und damit dem Islam fremd und zuwider sei.

Weder in der Torah noch im Quran stehe ein Wort über Demokratie. Darin sind sich islamische und jüdische Dozenten einig.

Daß aber die Souveränität des Volkes der Souveränität Gottes nicht widerspricht, ist einem Fundamentalismus der Aufklärung als Lehre anvertraut und dringlich aufgetragen.

In der Seele des Volkes regt sich der Wille Gottes, der den politischen Verstand der Menschen beflügelt, um sie von ihren falschen Autoritäten zu befreien.

Es sind die quranischen Autoritäten, die sich eine Souveränität über das Volk und damit über Gott anmaßen, die ihnen nicht zusteht.

Nicht sie sind das Mundwerk Gottes. In der Stimme des Volkes äußert sich Gott in seiner ebenso einfachen wie geschichtlich entwickelten und differenzierenden Art.

Gott als der Herr der Geschichte führt diese zu der Erkenntnis, daß die Trennung von Staat und Religion nicht nur den Staat von der Religion, sondern auch und vor allem die religiöse Gewißheit vom Staat und seinen stets relativierenden Einmischungen befreit.

Die Befreiung von den falschen - weltlichen und religiösen - Autoritäten schafft nicht die Autorität ab, sondern begründet sie neu auf demokratische Weise. Sie verhilft der Unmittelbarkeit Gottes zu ihrem Recht.

Der Verlust dieser Unmittelbarkeit begleitet uns seit den frühesten Anfängen. Die unmittelbaren Kontakte werden uns in der Torah von Abraham, Hagar, Ismael, Jakob, Mosheh und den Propheten berichtet. Es waren Besondere, die dessen teilhaftig wurden. Es bedurfte ihrer Vermittlung, wenn auch das Volk in den Genuß göttlicher Nähe kommen wollte.

Das Volk wurde als eine zu bewegende, zu belehrende, zu richtende Masse gewertet und geschildert. Der Aufmüpfige war, wie die "Rotte Qorach", nicht gottgefällig und wurde vernichtet.

Wenn wir von der Unmittelbarkeit Gottes sprechen, wenn wir gleichsam in jedem Menschen Gottes Anwesenheit erkennen und respektieren, so finden wir dafür in den klassischen Schriften, auf die wir uns hier berufen, keine Belege, keine Beispiele, keine Richtlinien.

Es ist die innere Fragestellung, die uns heute als geschichtliche Aufgabe gelten muß. Die alten Schriften berichten durchaus von Sklavenbefreiungen, aber nirgendwo von der Abschaffung der Sklaverei. Dies jedoch ist die Voraussetzung für die Herstellung oder Wiederherstellung der Unmittelbarkeit Gottes.

Und es ist auch der Punkt, an dem sich der Islamofaschismus als sklaventreiberisch definiert, philosophisch ausgrenzt und historisch aufhebt, sobald der Gedanke an einen demokratischen Islam Früchte zeitigt.

Der demokratische Islam ist aber ein torahlinker, sozialrevolutionärer Islam, der den Klassenkampf als ein Mandat Gottes begreift - und notfalls ohne Gott auskommen muß, falls Allah den Klassenkampf nicht vorgesehen, der Herr und Sklavenhalter dafür gar keine Verwendung hat.

Die von Gott Verachteten sind angesprochen und werden antworten müssen, oder sie gehen unter, verschwinden als eine ökonomisch vorübergehende Notwendigkeit in die Geschichtslosigkeit.

Gottes Stiefkinder machen sich von ihrem sogenannten Schöpfer unabhängig und selbständig, auch wenn dies nur eine Illusion sein kann, die freilich für eine historische Interimszeit ungeheure Kräfte und Intelligenzen freisetzt, die jetzt gebraucht werden.

Wenn Gott sie in diesen Zeiten im Stich läßt, weil er auf ihre Fragen keine Antworten weiß, müssen die Sklaven ihn daran erinnern, daß er eine Gerechtigkeit versprach, die erst einziehen kann, wenn die Hütten und Zelte zu ihrem Recht kommen.

Auf unsere Zeit übertragen, sind die Hütten und Zelte die Grundbesitzlosen, die Proletarier, die nirgendwo und also an jedem Ort und Platz der Erde zuhause sind.

Wenn Gott für die Abschaffung der Sklaverei nicht mehr zuständig ist, müssen die Sklaven auf ihn verzichten und an seiner Statt die Dinge in die Hand nehmen und auf ihre Weise das Schöpfungswerk fortsetzen und vollenden.

Der Antisemitismus ist die Religion der geistig Blinden und eine Waffe im Krieg der Mittelklassen gegen das versklavte Volk.

In der hebräischen Ur-Überlieferung findet der Sklave immerhin Anhaltspunkte für eine weitläufig soziale Politik der Befreiung in der Obhut Gottes, somit auch für einen wohlverstandenen Befreiungsislam.

Setzt alles auf nichts!

Wenn jeder sich als Besonderen nach den biblischen Vorbildern definiert, ist er auf dem richtigen Weg, wird Gott sich auch an ihn erinnern.

Die Sklaven legen ihre Sklaverei ab, schütteln sich aus dem Allgemeinen, brechen die Schalen und entschlüpfen den Eiern, in denen sie viel zu lange gebrütet worden sind.

Und nehmt das Schicksal der aktuellen Arbeitslosigkeit auf euch, macht es zu einem Schicksal der Befreiung. Entfleucht den Arbeitsämtern und erklärt den Palästen den Krieg!

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