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Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2002-04-07

Avram Kokhaviv

Die Endlösung der Berliner Synagogenfrage

Das Banausentum der fünfziger Jahre

Eine Legende wird zerstört und bleibt doch am Leben

Berlin Museum, Synagogen in Berlin. Zur Geschichte einer zerstörten Architektur. 2 Bände. Mit einem Vorwort in Teil 1 von Veronika Bendt und Rolf Bothe (Herausgeber)
Grafik-Design: Wieland Schütz
Fotografie: Hans-Joachim Bartsch, Nicola Galliner, Karl Heinrich Paulmann, Knud P. Petersen und andere.
Vorsatz: Andreas Nachama
© Berlin Museum und Verlag Willmuth Arenhövel, Berlin 1983

Die Legende, daß die Nazis Berlins Synagogen aus dem Stadtbild beseitigt hätten, lebt weiter, obwohl wir seit zwanzig Jahren wissen oder doch wissen können, daß diese Geschichte ganz anders verlief. Wenn es dennoch Nazis waren, so waren es allenfalls Nazis aus der Nachkriegszeit.

Während diese hervorragenden Bild- und Textbände eine notwendige Geschichtskorrektur dokumentieren, webt die Herausgeberschaft gleich im Vorwort - nach einem kurzen geschichtlichen Überblick - an der alten Legende weiter:

Keine europäische Stadt besaß eine so große Anzahl von Synagogen wie Berlin. Gab es selbst in Städten wie Prag und Amsterdam nur drei bis vier große jüdische Kultbauten, so verfügte die Berliner Gemeinde allein über zwölf Synagogen, die durchschnittlich Platz für mehr als 2000 Personen boten. Nur die Alte Synagoge in der Heidereutergasse entstand im 18. Jahrhundert. Alle übrigen Bauten wurden zwischen 1853 und 1930 errichtet. Hinzu kamen etwa 70 Vereins-Synagogen und zahlreiche private Beträume.
Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Bauten durch den Terror der Nationalsozialisten und durch Kriegszerstörungen untergegangen. Einige der Ruinen hätten wieder aufgebaut werden können, doch die Situation, in die Berlin durch die politischen Verhältnisse der Nachkriegszeit gekommen war, ließ einen Wiederaufbau kaum zu.
1:005

"Bis auf wenige Ausnahmen" und "einige der Ruinen hätten" bis zu "doch die Situation", nämlich "durch die politischen Verhältnisse der Nachkriegszeit", ist das eine einzige Verschleierung des Sachverhalts. Die zwei Bände demonstrieren es auf insgesamt etwa 350 Seiten im DIN-A4-Format.

Eine hervorragende Arbeit, die zu ihrer Zeit kaum gewürdigt wurde. Sie zeigt nämlich auf, daß nicht nur in Ostberlin, sondern auch in Westberlin die Architekturzeugen unserer Geschichte demoliert worden sind. Es waren die selben fünfziger Jahre, in denen das Berliner Schloß bzw. seine Ruine und die Berliner Synagogen und Synagogenreste aus dem Stadtbild gesprengt und weggeschafft wurden. Im Osten freilich ging man mit den Synagogen behutsamer (vgl. 2:053) um.

Was waren das denn für "politische Verhältnisse der Nachkriegszeit", die den Wiederaufbau der zerstörten und vor allem die Erhaltung und Sanierung der nicht oder nur gering beschädigten Synagogen "kaum zu(gelassen)" hätten? Warum "kaum", warum nicht "nicht"? Natürlich waren es politische Entscheidungen, aber die passen schon nicht mehr in das Bild von der Naziherrschaft. Denn die hatte ja den Krieg verloren, war in Schande von der historischen Bühne verschwunden, hatte Platz machen müssen auch den Überlebenden und den Nachkommen der Opfer.

Die geplante und vollzogene Entfernung von Synagogen aus dem Bild der Stadt geschah nicht aus praktischen, sondern aus ideologischen Gründen, wobei den Bürokraten der Ideologie die Bürokraten des ganz gewöhnlichen Behördenapparates mit mehr oder minder starker Willfährigkeit zur Seite standen. Doch ist festzuhalten, daß die, wenn auch versteckte Zurückhaltung in der Behandlung "alltäglicher" Behördenvorgänge in einigen wenigen Fällen dazu beitragen konnte, den vom ideologischen Apparat erwünschten und geplanten Abriß einer Synagoge zu verhindern (s. Pestalozzistraße).
2:086

Der Text bezieht sich auf die Nazibehörden, paßt aber präzis ins Westberlin der fünfziger Jahre. Nur eine "wenn auch versteckte Zurückhaltung" vermißt man diesmal. Es wurde nicht einmal scheinhaft etwas für die Erhaltung historisch wertwollen Bauwerks getan.

Die lokalen Entscheidungen unterlagen einer weltpolitischen Opportunität und kamen den deutschen Seelenbedürfnissen durchaus entgegen. Wie heute die israelische Armee die Taktik und die Vorgehensweise der SS-Truppen bei der Niederschlagung des Warschauer Ghettoaufstandes studiert, um sie auf die Palästinenser anzuwenden, so lebte in den fünfziger Jahren eine seltsame Übereinstimmung zwischen jüdischen und deutschen Institutionen in so wichtigen Fragen wie der Vermögensregelung.

Sie waren sich doch tatsächlich darin einig, daß kein jüdisches Leben mehr auf deutschem Boden sein und sich zeigen möge. Auf jüdischer Seite dachte man natürlich zuerst an den Staat Israel, der absoluten Vorrang genoß. Außerdem aber sollte Deutschland damit psychologisch gestraft werden: Wir sind fort und mit uns die Blüte des Landes. Als ob die Seele Berlins längst ausgezogen war, sollten nun bloß noch die paar Unbeweglichkeiten fortbewegt werden. Eine äußerst fragwürdige Sicht, die die Geschichte vorwegnehmen wollte und hierin gänzlich daneben lag, denn es hat sich ganz anders entwickelt. Und Berlin ist wie das übrige Deutschland ein bevorzugtes Asyl- und Neuheimatland für viele Menschen aus vieler Herren Ländern geworden. Der Fluch verfehlte offenbar sein Ziel. Mehr noch, die von den Nazis diktierte Einheitsgemeinde kam nach Kriegsende bald wieder (2:084, 2:087, 2:088).

Das ursprüngliche Nachkriegskonzept kam den Deutschen insgeheim natürlich entgegen. Sie waren froh, daß die Juden - so oder so - verschwunden waren. Das sagten sie nicht, das dachten sie aber. Die Juden, die die Deutschen mit ihrer Abwesenheit strafen wollten, hatten sich gründlich geirrt. Und irren darf man sich in der Geschichte nicht. Inzwischen leben wieder viele Rückkehrer, vor allem aber Neuzuwanderer in Deutschland, fühlen sich hier wohl und haben Probleme allenfalls mit ihren jüdischen Gemeinden.

Vielleicht spielte sich im Schatten der ewige Kampf zwischen den Orthodoxen und den Liberalen ab. Wenn wir von Assimilation sprechen, so meinen wir das sogenannte liberale Judentum, das in Berlin besonders stark und demonstrativ gegenwärtig war. Die Berliner Synagogen konnten schließlich als Zeichen der Überheblichkeit einer Minderheit gelten, die sich auf die historische Durchhaltekraft des deutschen Kaiserreiches verließ.

Im Zweiten Deutschen Reich konnten Juden sich sicher fühlen. Sie waren obrigkeitlich geschützt, andererseits aber ständig bedroht, unterschwellig, weniger durchs Volk im allgemeinen als von seiten der deutschen Kulturelite, die mit dem Judentum nichts im Sinn hatte.

Der von Treitschke ausgelöste Antisemitismusstreit war nicht in dem Sinne antisemitisch, daß die Juden aus dem Lande gedrängt werden sollten, sie sollten sich anpassen, sollten Deutsche werden und ihre Religion Privatsache sein lassen. Man mißtraute dem jüdischen Selbstverständnis als Nation, und eine Nation in der Nation wurde als eine Gefahr empfunden.

Die ohnehin assimilativ eingestimmten liberalen Juden hatten sich demnach noch nicht genug, noch nicht rest- und nahtlos ins Deutsche gefügt. Die Liberalen waren in den Augen der illiberalen Deutschen nicht liberal genug, nicht anpasserisch genug. Die damaligen Treitschke-Tendenzen mit dem späteren Haß- und Mord-Antisemitismus auf gleiche Stufe zu stellen, war und ist unangemessen, historisch geradezu widersinnig.

Die liberalen Juden standen zwischen Baum und Borke. Von orthodox-jüdischer Seite wurde ihnen natürlich gerade die Neigung zur Assimilation vorgeworfen. Im strengen Judentum spricht man vom "Todeskuß der Assimilation", und diese Tendenz war in Berlin sehr stark und eigentlich vorherrschend.

Es müßte auffallen, ist aber nicht kritisch vermerkt worden, daß orthodoxe Synagogen-Bauvorhaben wie systematisch hintertrieben wurden. Das Projekt Klopstockstraße 58 wurde ebenso zurückgestellt wie das Agricolastraße 19. Abgewürgt, könnte und sollte man sagen. Das entsprach durchaus der historischen Logik.

Während die liberalen Synagogen aus dem Boden schossen, machten es die Liberalen den Orthodoxen schwer, in Berlin auf die Beine zu kommen.

Bei der Suche nach Motiven für die restlose Zermalmung der Berliner Synagogen und Synagogen-Ruinen in den fünfziger Jahren, also lange nach dem Krieg und in einer freien demokratischen Gesellschaft, sollte man auch auf den alten Streit zurückkommen.

Der liberale jüdische Assimilationismus hatte mit den Deutschen den Krieg verloren, und seine Synagogen gehörten wie die Reichskanzlei Hitlers zerstört und zerbröselt. Die Endlösung der Berliner Synagogenfrage wäre demnach nur zur einen Hälfte eine antijüdische Handlung, nämlich soweit es die deutsche Beteiligung, den deutschen Anteil betrifft.

Ein mögliches Grundmotiv wäre auf orthodox-jüdischer Seite zu suchen, wo man die Todeskuß-Synagogen nicht wieder erstehen und erstrahlen lassen wollte. Die jüdischen Verhandler könnten von solchen Gedanken durchaus geleitet worden sein.

... der Jüdischen Gemeinde Berlin, die die Hälfte aller preußischen Juden umfaßt, für dieses neue Werk. Nachdem der Chor unter Orgelbegleitung einen Psalm von Lewandowsky zum Vortrag gebracht hatte, hielt Rabbiner Dr. Bergmann die Weiheansprache. In besonders feierlicher Weise wurden sodann unter den Klängen eines Bläserchors die Thorarollen eingeholt. Rabbiner Dr. Baeck hielt die Festpredigt. Mit dem von Chor, Orgel und Bläsern wiedergegebenen Psalm 150 von Lewandowsky schloß die Feier, der fast alle Mitglieder des Rabbinats und viele prominente Persönlichkeiten beigewohnt hatten.

Dieser Begleittext zur Einweihung der Synagoge in der Prinzregentenstraße 1930 zeigt bis zuletzt die starken Anpassungstendenzen auch im Synagogenritus, der hier - mit Chor und Orgel und Bläsern - eher an eine evangelische Kirche erinnert.

Im Jahre 1941 schließlich wurde die Jüdische Gemeinde gezwungen, das Grundstück mit Synagoge der Reichshauptstadt Berlin zum Kauf anzubieten. Ein Verkaufspreis von 160.000,- RM wurde vereinbart; demgegenüber war der Einheitswert des Grundstückes per 1. Januar 1938 noch auf 1,559.300,- RM festgesetzt worden. Über die Kaufsumme konnte die Jüdische Gemeinde nicht verfügen.
1955 wurde das Gelände Eigentum der Jewish Trust Corporation, London, die es auf dem Wege der Klage von Berlin rückerstattet erhielt. 1956 ging es im Rahmen des Globalvertrages zwischen der Jewish Restitution Successor Organization (IRSO) bzw. Jewish Trust Corporation (ITC) einerseits und dem Land Berlin andererseits auf Berlin über. Die Stadt überließ es dem Allgemeinen Blindenverein Berlin e.V.. 1958 wurde die Ruine der Synagoge gesprengt und abgetragen, was auch zu jener Zeit mit großen technischen Problemen verbunden war. Bei der Sprengung der Kuppel kamen zwei Arbeiter ums Leben.
2:092

Tatorte, Tatzeiten

Liste unvollständig. 1938 = "Kristallnacht"

Liberale Synagoge, Lindenstraße 48-50
Einweihung: 1891
Anzahl der Plätze: 1800
1938: Beschädigung
Bildvergleich 2:094!
1956: Abbruch
1:104

Liberale Synagoge, Lützowstraße 16
Einweihung: 1898
Anzahl der Plätze: 1876
1938: geringfügig beschädigt
Kriegsschäden
1954: Abbruch
1:119

Liberale Synagoge, Rykestraße 53, Berlin (Ost)
Einweihung: 1904
Anzahl der Plätze: 2000
1938: unbedeutende Schäden
1953: renoviert
1:126

Liberale Synagoge, Fasanenstraße 79-80
Einweihung: 1912
Anzahl der Plätze: 1720
1938: schwere Schäden
im Zweiten Weltkrieg zerstört
Bildvergleich 2:113, 2:114!
1957/58: Abbruch
1:129

Liberale Synagoge, Pestalozzistraße 14-15
Einweihung: 1912
Anzahl der Plätze: 1400
1938: geringfügig beschädigt
Heutige Situation: renoviert, in der Ausmalung modernisiert
1:139

Liberale Synagoge, Levetzowstraße 7-8
Einweihung: 1914
Anzahl der Plätze: 2120
1938: geringfügig beschädigt
Kriegsschäden: schwer
Bildvergleich 2:097!
1955: Abbruch
1:141

Orthodoxe Synagoge, Kottbusser Ufer 48-50 (heute Fraenkelufer)
Einweihung: 1916
Anzahl der Plätze: 2000
1938: Hauptbau schwer beschädigt, Seitentrakt erhalten
Bildvergleich 2:107!
1958/59: Abbruch
Heutige Situation: Gebäude für Jugendgottesdienst erhalten; umgebaut zur Synagoge Fraenkelufer
1:144

Synagoge, Prinzregentenstraße 69-70
Einweihung: 1930
Anzahl der Plätze: 2300
1938: ausgebrannt
Kriegsschäden
Bildvergleich 2:090, 2:093!
1958: Abbruch
1:148

Das Bekenntnis zum deutschen Kaiserreich

War es das Bekenntnis zu Deutschland, das die preußen-deutschen Juden den Realitäten und der eigenen Tradition entfremdete, oder machten sie bereits wahr, was in dem Wort Deutschland als Davidsland etymologisch verborgen ist?

War es dieses Bekenntnis, das den deutschen Völkischen ebensowenig gefiel wie letztlich den orthodoxen Juden?

Die Einweihungsdaten und die relativ hohe Anzahl der Synagogenplätze belegen das Bekenntnis ebensowohl, wie sie den deutschvölkischen Verdacht widerlegen, daß die Berliner und preußischen Juden eine antideutsche Unterwanderungspolitik im Sinn hatten. Das Deutsche Reich war stark, die deutschen Juden konnten sich seit langem wieder sicher fühlen. Sie stützten und verteidigten das Land auch im Kriege.

Der Kaiser zeigte Sinn für Pluralität. Das deutsche Kaiserreich wurde von seinen Konkurrenten gefürchtet, nicht, weil es unter anderm auch judenfeindlich gewesen wäre, sondern weil es das eben gerade nicht war. Darin lag im internationalen Wettkampf die Gefahr für die rivalisierenden, weitgehend antisemitischen, aber auch für die konkurrienden projüdischen Nationen in Europa. Ein tolerantes Deutschland konnte auch moralisch, zum Beispiel den Briten den Rang ablaufen. Ein böses Deutschland war vielen jedenfalls gerade recht.

Es liegt jetzt im jeweiligen Geschichtsverständnis, wie das zu bewerten sei. So könnte man sagen, daß die nichtjüdischen Deutschen schwere politische Fehler begingen.

Es waren Fehler, den Ersten Weltkrieg zu verlieren, die Kriegsschuld auf sich zu nehmen, gegen das Kaiserreich zu revolutionieren und die Republik auszurufen. Alles weitere folgte daraus.

Die strenge jüdische Sicht hatte Grund, die deutsch-jüdische Assimilation unter dem Hohenzollern-Kaiser mit Argwohn zu betrachten.

Auf einem anderen Blatt steht, daß die späteren Deutschen diese Zusammenhänge bis heute nicht oder nicht richtig verstanden haben.

Deutsche und Juden könnten ja einmal überprüfen, ob an der etymologischen Analyse mehr sei als lediglich ein Spiel mit Wortwurzeln und hebräischen Heilserwartungen.

Siehe auch:
Tor Weilach: Ruinen

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