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Die Freiheit ist unsere Sicherheit
2002-03-16
Und was uns durch diese Hintertür wieder hereinkommt. Vieles kommt zurück, was wir überwunden glaubten. Das diktatorische Gehabe, die Unfreundlichkeit gegen Untergebene, Abhängige, die krampfhafte Unterscheidung nach gesellschaftlichen Rängen und Titeln. Das unbeirrte Festhalten an überkommenen Privilegien.
Die Selbstverständlichkeit, mit der auch an einem neuen Mythos festgehalten wird, die "Farbigen" seien die "Guten" und zugleich "Armen", über die "der reiche Westen" oder "die bösen Weißen" das große Unglück gebracht haben, die sozialen Unterschiede, die Gegensätze zwischen Arm und Reich.
Dabei sind solche Unterschiede und Gegensätze nirgendwo so skandalös zur Norm gefroren wie in der sogenannten Dritten Welt unter den "Schwarzen" und "Braunen" und "Guten" und "Armen".
Und nirgendwo gibt es solchen Reichtum wie in diesen "armen" Ländern der "Dritten Welt."
In diesen Ländern haben die Reichen, die Landbesitzer und seit alters Herrschenden und Unterdrückenden und Versklavenden keine Hemmungen, ihre armen Mitmenschen als Sklaven auszubeuten, sie als Handelsware und medizinische Ersatzteillager zu verhökern und zu mißbrauchen.
Ganz wesentliche Bereiche der neuartigen organisierten Kriminalität, die ein Imperium für sich darstellt, wurzeln in der Dritten Welt.
Selbst der afrikanische Sklavenhandel in Richtung Amerika war ohne Beteiligung der heimischen Stammesoberhäupter und Könige nicht möglich.
Auch der islamische Sklavenhandel, der bis heute anhält, ist ohne aktive Beteiligung der Geber, also etwa der Clans, die mit Hilfe des Menschenverkaufs an die Zwischenhändler das Vermögen und die Liquidität und damit die Macht ihrer Großfamilien mehren, bessern, ausbauen, nicht denkbar.
Der Menschenhandel blühte in der antiken Welt und setzt sich in den Ländern und Kontinenten ungebrochen fort, wo eben auch das alte kulturelle Bewußtsein ungebrochen fortlebt.
Die herrschenden Kasten, Clans, Familien sind von keinem schlechten Gewissen geplagt, wenn sie so handeln und ihre historisch überkommene Position aggressiv verteidigen. Im Westen fällt das unter natürliche Ressourcen.
Die jungen, schönen, gesunden und kräftigen Sklavinnen und Sklaven werden an Meistbietende oder Mächtigere verkauft, die Minderwertigen heimisch genutzt, organweise verscherbelt oder, wenn gänzlich unnütz, gleich umgebracht. Die Gesetze sind da nicht so streng, wie es bislang im Westen gewesen ist.
Verkauft wird an die Zahlungskräftigen. Da die Sklaverei offiziell heute überall verboten ist, ist der Menschenhandel gezwungenermaßen aufs Verbrechen verwiesen.
Die menschenfeindliche Realität hat sich in Jahrtausenden nicht geändert, nur ihre Wertung erfolgt nach anderen Maßstäben. Die Moral liefert die Grundsätze für eine Wirklichkeit, die durch und durch unmoralisch ist.
Die moralischen Kategorien jedoch kommen aus dem Westen. Die Abschaffung der Sklaverei ist eine Errungenschaft des Westens, und nicht einmal als christliche Gabe, sondern als Forderung und Folge der philosophischen Aufklärung, der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika, der Französischen Revolution, der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte, imgrunde also ein nachchristliches Phänomen der Geschichte.
Viel verdanken wir den monotheistischen Religionen, die sich aus der Ur-Überlieferung der Torah herleiten; aber die Sklaverei ist in allen drei Lehren - der jüdischen, der christlichen, der islamisch-koranischen - nicht als besonderer Makel der Menschheit ausgewiesen und verurteilt.
Der "Herr" soll seine Sklaven gut behandeln, aber freilassen soll er sie nicht. Sie sind sein Besitz, sein Eigentum. Er ist Herr über Leben und Tod seiner Sklaven. Es bleibt ihm überlassen, was aus den Sklaven letztendlich wird. Insofern hat auch die Botschaft vom Sinai - trotz Befreiung der Hebräer aus der ägyptischen Sklaverei - keine grundsätzliche Entsklavung der Menschheit mit sich gebracht.
Die Befreiung kommt mit der Idee der Freiheit des Menschen aus dem Westen, und sie kommt konkret aus Amerika, auch wenn die Anfänge der Vereinigten Staaten sich in starkem Maße der produktiven Sklaverei verdanken.
Der Glücksfall der Geschichte hat eben seine Schattenseiten, die auch nicht übersehen werden dürfen. Aber der Westen brachte eben nicht die soziale Ungerechtigkeit und die Sklaverei in die Länder der Dritten Welt, die früheren Kolonialländer, er brachte die Ideen der westlichen Welt über den gesamten Erdball, und wenn dem Westen etwas vorgehalten werden kann und muß, so ist es seine Inkonsequenz beim Umgang mit seinen eigenen Prinzipien.
Die Völker der Dritten Welt haben diese Ideen sofort aufgegriffen, als die geschichtlichen Umstände es ihnen gestatteten, um sich von ihren Kolonialherren ebenso wie von ihren heimischen Potentaten zu befreien, wobei ihnen die Befreiung von den fremden Mächten leichter gefallen ist als alle, bislang meist mißlungenen Versuche, sich von den eigenen Herrschern loszuketten.
Die westlichen Ideen von Recht und Freiheit haben vor allem diejenigen Menschen der Dritten Welt ergriffen, die als heimische Bürger dritter oder vierter Klasse in der herkömmlichen Gesellschaftsformation keine Zukunft für sich sehen.
Die westlichen Ideen erhalten in der Dritten Welt auf einmal einen besonderen Charakter bei der Befreiung der unteren Klassen und Kasten.
Der Gedanke der Freiheit, der Demokratie und des Rechtsstaats fiel in diesen Ländern bei denen auf fruchtbaren Boden, die eben bisher nicht frei, nicht entscheidungsbefugt, die ohne Rechtserwartung nur der Willkür ihrer Potentaten ausgeliefert waren.
Es sind just diese alten Herrschaftsstrukturen, die sich mit der Organisierten Kriminalität, wie wir sie heute kennen, bei uns breitgemacht haben - wieder breitgemacht haben.
Denn in der Tat sind es die voreuropäischen Machtstrukturen, wie sie etwa in Sizilien fortbestehen, wie sie sämtliche Mafia-Familien aller Kontinente auszeichnen, die vom Gesamtkuchen ein sehr großes Stück abgebissen haben und deren Hunger nicht zu bändigen ist.
Die angeblich vom Westen über die östliche Welt gekommene Ungerechtigkeit ist im Osten mehr zuhause als im Westen.
Im Osten sind die Familien noch intakt. Die Institution der Familie an sich ist dort niemals in Frage gestellt worden, während der Westen sich bereits von dem Begriff Familie so weit freigemacht hat, daß "Familie" eigentlich nur noch in der Kümmerform der sogenannten Kleinfamilie existiert.
Die westliche Idee der Befreiung machte nämlich auch vor den eigenen, existenznotwendigen Bindungen nicht halt.
Die über mehrere Generationen sich erstreckende, im übrigen kinderreiche Großfamilie, eben der Clan oder der Stamm, ist die natürliche Organisation der inneren Zuverlässigkeit und Treuehaftung - die hier und heute nur noch die Welt des organisierten Verbrechens beherrscht.
Die Gefahr für den Bestand der westlichen Gesellschaft (!) kommt von innen, kommt aus dieser Gesellschaft, die keine Familie mehr ist, sondern ein abstraktes, allenfalls ideologisch überhöhtes Konglomerat.
Die Überlebenskraft der Familie ist ebenso archaisch, wie sie wirklich und gegenwärtig ist. Die westliche Ideologie der Aufklärung setzte sich für ihre Freiheitsidee über diese einfache Naturgegebenheit hinweg. Der Westen wird, wenn er mit den kommenden Problemen nicht fertig wird, erstaunt vor seinen eigenen Mängeln stehen.
Was jetzt aus dem Westen als Bedrohung für die Freiheit und Existenz des Ostens daherkommt, kommt aus dem Versuch, die beschriebenen Mängel mit religiös dekorierter Gewalt und technischer Überlegenheit wettzumachen, was kurzfristig auch Erfolge verspricht. Die Bereitschaft der Menschen, sich der Übermacht zu beugen, ist ganz allgemein - und darum auch austauschbar.
Die Inkonsequenz des Westens in bezug auf seine moralischen Prinzipien ist also gar nicht spezifisch westlich, sondern eher ein Anpassungsversuch an die vom Osten diktierten politischen Lebensumstände.
Familie und Moral scheinen zunächst zusammen zu gehören, schaffen aber auch ein paar Probleme. Die familieninterne Moral endet da, wo die Familie endet. Außerhalb der Familie ist potentiell Feindesland. Das schafft in einer zusammenwachsenden Welt ernste Probleme und Schwierigkeiten. Die biblischen Ausmaße werden erkennbar, wenn wir lesen müssen, daß Gott, um des Menschen Weltherrschaft zu verhindern, die Sprachen durcheinander brachte.
Die Vielfalt der Sprache entsteht aus der großen Zahl der Völker und Stämme. Jedes Dorf, jede größere Familie entwickelt einen eigenen Dialekt, eine eigene Sprache. Zwischen den Stämmen entstehen mit den unterschiedlichen Stammesinteressen auch Sprachbarrieren.
In dieser biblischen Sicht ist die Familie von notwendiger Dauer, während die alles umfassenden Ideen und Konstrukte letztendlich abstrakt bleiben müssen, "weil Gott es nicht will", das heißt: weil diese Ideen der Natur der Dinge, von denen sie sich herleiten, bereits entglitten sind.
Die Frage der Vielfalt aber führt uns direkt in unsere moderne pluralistische Gesellschaft zurück.
Die Idee der Freiheit kommt aus der Pluralität und soll jedem Einzelnen und jeder kleineren Einheit des Gesamten zugute kommen.
Einerseits haben wir es mit der von Gott offensichtlich gewollten Vielfalt der Sprachen und natürlichen Organismen wie Familie, Clan usw. zu tun. Andererseits spiegelt sich in dieser Vielfalt möglicherweise die Vielfalt überirdicher Zustände und Vorgänge.
Nur haben wir im Monotheismus die Vorstellung, daß sich in dem Einen Gott die Große Vielfalt etwa wie das Farbenspektrum im Weißen Licht sammle. Andererseits führt die Idee der göttlichen Einheit über die menschliche Vermittlung zu dem Bestreben, die Vielfalt zu vereinheitlichen und damit zu bezwingen, weil, insofern scheint das Bestreben gerechtfertigt, mit der Vielfalt und der vielfältigen Freiheit auch die Moral, die Gerechtigkeit, das Leiden und die Wahrheit vervielfältigt und damit in sich relativiert werden.
Möglicherweise kommt es bei der strittigen Frage viel weniger darauf an, daß die eine oder die andere Kategorie oder Weltanschauung den Sieg davontrage.
Der Konflikt, der sich uns auch in der biblischen Überlieferung kundtut als der ewige Krieg zwischen dem Einen Gott Israels und den Vielen Göttern der Völker, darf wahrscheinlich niemals enden, wenn die Welt nicht enden soll.
Die Vielen Götter sind ebenso ewig wie der Eine Gott. Die gegensätzlichen Welten bedingen einander und sind unausrottbar.
Der Gedanke, daß irgendwann am Ende das Eine über das Andere - das Gute über das Böse, der Eine Gott über die Vielen, oder auch umgekehrt - siegen werde, so siegen werde, daß der Gegner bzw. die Gegner und Erzfeinde verlöschen und also nicht mehr existieren, ist ein Selbstmordgedanke, der die Bedingungen und Wechselbeziehungen übersehen hat.
Wenn der Schatten verschwindet, ist das Licht ausgegangen. Wenn die Schatten verschwinden sollen, muß das Licht verschwinden, aber wer will das schon.
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