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Die Freiheit ist unsere Sicherheit
2002-03-12
Wolfgang Hafner, Im Schatten der Derivate. Das schmutzige Geschäft der Finanzelite mit der Geldwäsche
© Eichborn AG, Frankfurt am Main, Februar 2002
Die kleine und die große Wäsche. Zwischen ihnen liegen Welten. Als ob im schmutzigen Geldgeschäft noch einmal so etwas wie ein Klassenkrieg tobt. Der andere Krieg aber, der Krieg gegens illegale Geschäft, läßt die große Wäsche ungemangelt.
Die Handwäsche also, die macht zwar viel Arbeit, mehr als die große Wäsche, doch die technischen Hilfen sind enorm, da geht man erst mal ans Kleine... Das ist auch leichter zu begreifen, ist relativ unkompliziert. Die große Waschanlage ist für die Verfolgungsbehörden ein paar Nummern zu groß. Holen wir uns erst mal die Kleinen. Die Regel gilt für alle Zeit.
Heute zahlen wohl bloß noch die auffälligen Drogenkonsumenten auf der Straße in bar. Die meist besser situierten Kokainkonsumenten hingegen werden zur Kreditkarte greifen, was heute das allgemein übliche Zahlungsverfahren ist. Kokain ist nahe bei der Finanzwirtschaft. Es hat sich beispielsweise in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts als Währung für Insiderinformationen an der Wall Street etabliert, wie etwa R. T. Naylor in seinem Report Hot Money and the Politics of Debt ausführt. Selbst bei Prostituierten ist unterdessen das Zahlen mit Kreditkarte üblich geworden, wie aus den entsprechenden Annoncen hervorgeht.
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Das ist doch schon mal was.
So wurde weniger die Steuerflucht und die sich anbahnende Vermögensumverteilung zugunsten der reicheren Bevölkerungsklassen zum Thema, sondern der Kampf des "Guten" gegen das "Böse". Das stark zunehmende Gefälle zwischen Reich und Arm und das damit verbundene Gefährdungspotenzial für demokratische Staatsformen wurde in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit in den Hintergrund gedrängt. Der "gerechte" Krieg gegen den Terrorismus konnte so zu einer logischen Weiterentwicklung dieses grundsätzlich angelegten, religiös verbrämten Kampfes um den Erhalt eines bestimmten Lebensstils und des entsprechenden ökonomischen Gefälles mutieren; eben des "american way of life", wie es der US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ausdrückte.
Darüber hinaus wurde aber auch mit der Möglichkeit spekuliert, die Bekämpfung der Geldwäscherei würde helfen, die Staatskasse zu füllen.
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Das Wüten der Großen - Staaten und Private - untereinander und gemeinsam gegen die Mittleren und Kleinen - Staaten und Private - ist der Brandherd unter dem Epizentrum der historisch-politischen Erschütterungen.
Geldwäscherei entpuppt sich so als eine neue Variante der im 17. Jahrhundert gängigen Freibeuterei auf den Weltmeeren: Es gab einerseits die im Geheimen von den einzelnen Staaten - vor allem von England und Frankreich - unterstützte und geförderte Piraterie gegen die Spanier, um so deren Monopolanspruch auf die Ausbeutung (Süd-)Amerikas zu unterhöhlen. Andererseits etablierten sich im rechtlichen Freiraum freiberufliche Abenteurer als unabhängige Kleinunternehmer, die verfolgt und bestraft wurden - es sei denn, es gelang ihnen, sich an eine mächtige Schutzmacht anzulehnen und einen Kaperbrief zu erhalten ... Die damaligen Großmächte nutzten die Piraten vor allem für ihren Handelskrieg und die Unterwanderung von Hegemonialansprüchen. So treffen sich staatliche und private Interessen heute auch bei der Geldwäscherei.
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Eigentlich ist damit schon alles gesagt, was wir wissen müssen, was wir auch schon ahnten und nun bestätigt erhalten.
Aber wenn in einer so gründlichen Arbeit wie der vorliegenden bereits auf den ersten Seiten die Katze aus dem Sack gelassen wird, muß man wohl damit rechnen, daß in dem Sack noch ein paar Überraschungen auf uns warten, und sich fragen, warum sie nicht schon entschlüpft sind.
Die Finanzmärkte haben die Gewichte verschoben. Sie vermochten sogar den Einfluss der traditionellen Herrschafts- und Spitzelsysteme wie die der Geheimdienste zu entwerten. Folgerichtig kamen die Grundlagen zur Bewertung außenpolitischer Vorgänge nicht mehr von der CIA, sondern von Investmentgesellschaften wie beispielsweise J. P. Morgan, was zur Deprofessionalisierung und letztlich zum Versagen der Geheimdienste im Vorfeld des 11. September führte. Damit erhielten die Investmentgesellschaften aber auch eine gute Grundlage zur Bestimmung einer wichtigen Tätigkeit der Geheimdienste: der Geldwäsche. Im Rahmen einer von den Investmentgesellschaften geprägten Außenpolitik hat auch nicht mehr das Zuschieben von verdeckten Geldern zur Beeinflussung einer bestimmten Gruppierung eine zentrale Funktion inne, sondern die Versorgung der Günstlinge mit Hilfe von Insidertipps oder die Destabilisierung von potenziellen und tatsächlichen Gegnern und Konkurrenten durch börsenwirksame Gerüchte.
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Desinformation wird zum entscheidenden Instrument im Kampf um die Weltherrschaft.
Die Politik zur Bekämpfung der Geldwäsche ist in der Willkür, mit der sie umgesetzt wird, das heißt in der Vehemenz, mit der sie verkündet, andererseits aber nur sehr selektiv durchgesetzt wird, ein typisches Produkt der Deregulierung und deren Ambivalenz. Die Bekämpfung von Geldwäscherei kommt ohne Regulierung nicht aus. Marktfundamentalisten aber wollen das Gegenteil. Sie wollen möglichst viel deregulieren und die Herrschaft des Marktes mit seiner unerschöpflichen Vielfalt fördern. Durch die marktorientierte Deregulierung werden bisher staatliche Leistungen teils privatisiert und dann nach den Ideen des Marktes ausgerichtet.
Gleichzeitig bringt der Markt bei entsprechender Nachfrage zunehmend auch Branchen hervor, die illegalen Ursprungs sind: Schattenwirtschaft, Waffenhandel, Kinderprostitution, Kinder-, Frauen- und Organhandel - um nur einige der neuen, teilweise stark wachsenden Marktsegmente zu nennen. Insbesondere seit dem Zusammenbruch der UdSSR sind Strukturen entstanden, die kaum mehr durchschau- und kontrollierbar sind. Hier nun setzt die Geldwäscherei ein, die unter den gegebenen Umständen ein gänzlich neues Gesicht erhält: Sie ist die finanztechnische Ergänzung zum ungehinderten Spiel der Marktkräfte und seinen illegalen Ausprägungen.
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Das Zusammenlaufen von Staat und Verbrechen - Legalität und Illegalität - ist das Syndrom einer gesellschaftlichen und politischen Verderbtheit, die inzwischen als unheilbar gelten darf. Das ist das "Böse".
Der Autor - er ist Wirtschaftshistoriker und Journalist, arbeitet als Finanzexperte u.a. für die Neue Zürcher Zeitung - hat eine detaillierte Forschungsarbeit vorgelegt; sie beruht, so die Verlagsanzeige, "auf seinen ursprünglich vom Schweizer Nationalfonds geförderten Recherchen. Nachdem Bankkreise das Projekt torpediert hatten, wurden dem Autor jedoch weitere öffentliche Zuschüsse verwehrt".
Wolfgang Hafner kennt sich in der Materie aus, er nennt Namen, Namen, Namen von Firmen, Personen, Regierungsämtern, deckt Beziehungen und Verflechtungen auf, die der Leser im einzelnen nicht nachprüfen kann. Wir sehen uns überall in der Welt um, machen in Japan und Deutschland Station, um immer wieder mal auf die Schweiz zurückzukommen. Der Gedanke, daß eidgenössische Landesinteressen bei den Bewertungen eine Rolle spielen mögen, stellt sich zwangsläufig ein. Es ist von amerikanischen Rücksichtnahmen auf internationale Geschäftsverbindungen und familiäre Vermögensinteressen Osama Bin Ladens die Rede, um - nach dem militärischen US-Abenteuer in Afghanistan - die herrschenden Clans Saudi-Arabiens nicht noch mehr zu destabilisieren... Das muß alles Seite für Seite gelesen, überdacht, im Gesamtzusammenhang - kritisch - verstanden werden. Eine nachdrückliche Empfehlung, wo ein "Befehl" nicht erteilt werden kann.
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