free download kokhavivpublications.com NewCatch - online exclusive The Dynasty

Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2002-03-01

Avram Kokhaviv

Erziehung zur Freiheit

Mißerfolge regen zum Nachdenken an

In Freiheit zur Freiheit erzogen, fehlt den Zöglingen die Widerstandskraft, wo die Tyrannei beginnt.

Wer seine Kinder liebt, züchtigt sie, so steht's in der Bibel. Ein peruanisches Sprichwort sagt, daß, wer seine Frau nicht schlägt, sie auch nicht liebe. Wer seine Frau liebt, schlägt sie, denn Gründe hat er scheinbar stets.

Lieben und Schlagen liegen in den alten Überlieferungen so nah beieinander, daß man sich fragen muß, was es denn mit so einer Liebe auf sich habe.

Die Bindung der Frau ans Haus, an den Herd, an die möglichst zahlreichen Kinder ist ein Besitzanspruch des legitimen Mannes. Die Regeln des menschlichen Zusammenlebens kreisen um die Untreue der Frau und den permanenten Verdacht.

Das weibliche Temperament wird gezügelt und in die Ehe dirigiert: in die zu gründende Familie. Die Domestizierung der Frau ist ein zwanghaftes Ergebnis männlicher Ängste.

Der biblische Monotheismus entsteht zweifellos als Abwehrhaltung gegen die Übermacht der Göttinnen und damit der Frauen im täglichen Leben.

Die Institution der Ehe sichert dem Manne das Weib zu, um die sozialen Beziehungen zu befrieden, um der weiblichen Untreue die Brisanz zu nehmen. Die Angst der Männer ist die Quelle des Patriarchats.

Das ist zunächst die feministische oder matriarchalische Position, deren Wahrheitsgehalt jedoch nicht übersehen werden darf.

Wenn die männliche Erziehung zur Freiheit nur mit Prügeln durchzusetzen ist, bietet sich vielleicht die weibliche Erziehung als Alternative an. Das ist wiederum zunächst der weibliche Standpunkt, doch was hat er für sich?

Die Mütter gewähren den Kindern alle Freiheiten, die ihnen und der Familie keinen Schaden zufügen. Die mütterliche Autorität wacht über das Wohl der Kinderschar in der Familie.

Anders der Vater. Der Vater will Prinzipien durchsetzen. Es genügt ihm nicht, daß die Kinder gesund und munter sind, sie sollen eine bestimmte Richtung ein-schlagen. In der christlichen Familie sollen die Kinder gute Christen werden. Entsprechendes gilt für die jüdische und für die moslemische Familie.

Grundsätzlich ist der Gedanke des Schulischen eine Idee der Väter. Die Kinder sollen lesen und schreiben lernen, um den Anforderungen der Rabbiner, des Papstes oder des Königs zu genügen. Wer Gott gefallen will, muß lernen, muß das Wort zur Kenntnis nehmen und sich zu eigen machen.

Aus der schwachen Natur sich ergebende Widerstände müssen bezwungen werden.

Die freie Erziehung wendet Grundtatsachen der mütterlichen Kinderbehütung - Prinzipien gleich - auf die väterliche Erziehungs- und Lehrweise an.

Die Mängel und Mißerfolge in der schulischen und gesellschaftlichen Erziehung von Kindern und Jugendlichen scheinen hierin tatsächlich einen Grund zu haben.

Diese Überlegungen haben keinen Paradigmenwechsel im Sinn, sie sollen zum Nachdenken anregen, weil viele Mißverständnisse auf fehlendes Detailwissen zurückzuführen sind. Die patriarchalische Position, als deren Vertreter ich mich vom Prinzip her verstehe, hat Mängel ihrer Erziehungsweisen zur Kenntnis zu nehmen, die oft genug im Sinne der Erfinder negative Folgen gezeitigt haben. Die angebrachten Korrekturen schaden indes dem Leistungsbild.

Die in der Bibel befürwortete Prügelstrafe ist in der Tat eine Stütze des Monotheismus. Du sollst keine Götter neben mir haben, droht bei Zuwiderhandlung Strafe an.

Im Polytheismus ist die Ausweichmöglichkeit gegeben. In der Großfamilie, von der der Olymp eine Widerspiegelung ist, bleibt zwar der Gottvater die zentrale Figur. Seine Macht und unmittelbare Bedrohlichkeit wird jedoch durch Intrigen, Schutzversprechen und Fürsorgemaßnahmen der unteren Götter abgefedert, gemildert. Der Polytheismus scheint per se mehr Freiheit zu gewähren.

Beim Monotheismus tritt die Freiheit zunächst nur als Gedanke auf, als eine Idee, die noch verwirklicht werden muß. Erst auf Umwegen, die ins sehr Prinzipielle gehen und zum Beispiel das Gesetz als Bedingung für Gleichheit und Gerechtigkeit entdecken oder erfinden müssen, kommt Freiheit - als ein Begriff, eine Fata Morgana, ein Fetisch wie der Frieden - ins Spiel.

Ehrlicherweise müssen wir uns eingestehen, daß wir die Freiheiten der modernen Gesellschaft nicht durch das Wohlwollen eines Einzigen Gottes, sondern aufgrund der relativierenden Pluralität dieser Gesellschaft genießen, nur so genießen können.

Mein Monotheismus kennt keine Prügelstrafe, aber das heißt wohl fast schon, einen anderen Menschen - nicht zuletzt andere Lehrer - herbeizuwünschen. Wer das - inzwischen verfeinerte, mithin getarnte - Ritual nicht mitmachen will, bringt sich aus dem Geschäft.

Der moderne Mensch prügelt seine Kinder nicht, er piesackt sie unauffällig. Moderne Erziehungsstrafen hinterlassen weder Tränen noch blaue Flecke. Die Spuren sind ganz anderer Art.

In der modernen Schule heißt die Rache der Lehrer höhere Mathematik - bei systematischer Verweigerung wegeweisender Hilfen und Tips. Das ist nur ein Beispiel.

Der didaktische und pädagogische Sadismus hat die höheren Weihen empfangen. Die Schüler sind so gut wie ihre Lehrer und Erzieher.

kokhaviv publications > NewCatch > online exclusive

© Copyright 1999 - 2002 kokhaviv publications