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Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2002-02-25

Avram Kokhaviv

Perlen streu ich nicht

Ich verstreue nicht Perlen, sondern kleine Kieselsteine, angeschliffene Kieselsteine. Sie erinnern mich an Sterne. Wenn man weit genug weg von ihnen ist, glitzern sie wie Silberstaub. Du mußt nur daran glauben, wenn irgendwoher Licht auf sie fällt. Manchmal reicht es, wenn du hineinschaust. Weißt du, jeder kleine Stein ist eine Welt von Lichtern. Ich komme davon nicht los. Ohne Licht scheint mir das Leben nicht. Das ist ja wohl logisch. Aber der Satz sollte anders heißen, ohne Licht scheint mir das Leben nicht zu - scheinen, zu leben, zu bersten, weil es von innen drückt. Wenn ich alles abgeladen habe, den politischen Kram, die theoretischen Naseweisheiten, dann komme ich auf dich zurück, und auf dich, auf dich auch, meine Kinder, meine Familie, meine Frau mit dem Namen aus einer anderen Welt und dem Verstand im Herzen. Das verstehst du doch wohl. Perlen vor die Hühner werfen, ist eine neue Variante, die ist besser als die alte, irgendwie sympathischer, und sie führt auch weiter. Hühner picken Kieselsteinchen auf und reinigen damit ihren Magen. Kiesel sind gut für die Verdauung, und wenn ein Hahn sie dabei erwischt, ist er ganz froh darüber, weil die Hennen sich dann wohlfühlen, das kommt auch ihm zugute. Gestreute Kieselperlen sind Glücksbringer. Während die echten Perlen Krankheitssymptome sind, das ist bitterböse, wenn's einen trifft, armes Muscheldasein, bis der Taucher kommt und dem Elend ein Ende macht, aber das liegt meist schon eine Weile zurück. Ich kannte einen Fotografen, der kannte uns, er hatte mich auf der Straße aufgelesen für Filmaufnahmen. Im Schuhgeschäft begann so etwas wie ein Vertragsverhältnis. Meine Mutter meinte aber, daß mich das grelle Licht im Atelier nervös machte, ich kriegte schon so Zuckungen, zwinkerte mit den Augen. Ich war vier Jahre alt, oder fünf, eher noch drei. Mein kleiner Bruder entdeckte später im Papiergeschäft um die Ecke Postkarten mit meinem Bild. Das war's also mit meiner Karriere in der Filmbranche. Da flimmerten schon ganz früh die Kieselsteine vor meinen Augen, wie ich jetzt darauf kam, der Fotograf hieß tatsächlich Kiesel und hatte sein Atelier in Halensee, Seesener oder Westfälische, gleich am Bahnhof, naja, ein paar Schritte. Kiesel verdarb mir das Augenlicht, notierte ich später.

Kiesel macht den Beton hart. Wer weiß das schon. Die meisten Menschen glauben, daß der Zement die Bunker bombensicher macht. Die Kieselsäure soll Verbindungen eingehen, von denen wir nicht einmal träumen oder auch nur die geringste Vorstellung haben, weil wir da nicht reinschaun können. Die müssen's ja wissen. In diesen Sätzen verbirgt sich eine geheime Botschaft, bestimmt tut sie das, weil in jedem Satz sich eine geheime Botschaft verstecken kann. Sie kann es auch lassen, aber woher sollen wir das wissen?

Die Dekadenz der Perle ist keine Eigenschaft, die sie ablegen könnte, Dekadenz ist ihr Wesen. Sie ist eine Krankheit, ist eine tödliche Krankheit.

Jede Perle ist eine Welt für sich, ein kleiner Planet, den wir uns nur vergrößern müssen, um zu wissen, daß wir auf so einer Perle leben, und daß wir's dem inneren Wesen der Perle verdanken, wenn wir hier niemals gesunden können. Das ist nicht möglich, weil wir Perle sind, die Krone der Schöpfung, wie es heißt, und das bringt uns um. Wir sind aus einer tödlichen Krankheit.

Vielen Dank für die Lebenshilfe, sollte wohl Sterbehilfe sein, Blödmann.

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