free download kokhavivpublications.com NewCatch - online exclusive The Dynasty

Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2002-02-25

Avram Kokhaviv

Aus Anlässen eine Geschichte machen

Stets sind es Anlässe, die Geschichte machen, große oder kleine Geschichte. Ich habe noch rechtzeitig die Pluralform vermieden. Jedesmal geht es um eine Geschichte, eine bestimmte Geschichte. Die Deutsche Geschichte, die Geschichte meiner jüngsten Radtour, die Geschichte vom Davidskran. Der König winkte dem jungen Löwen zu, eine besondere Geschichte aus einem besonderen Anlaß. Das Colosseum vor der Haustür, auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Und dann diese neugierigen Gesichter. Irgendjemand hatte das Heiligtum verdorben. Verdorben? Du meinst, geschändet, entweiht, beschmutzt. Nein, ich meine, er hatte das Heiligtum verdorben. Nicht wieder gutzumachen.

Trinkst du deinen Kakao mit Strohhalm? Warum mußte es ein Heiligtum sein? Geht's nicht darunter? Der graue Tag geht auf den Vollmond zu, noch einen oder zwei Tage, dann ist es so weit. Alles ist heilig, alles, hast du gesagt, erwähn es nicht jedesmal, da es doch jeder weiß. Alles ist heilig, hebt ab, steigt auf und verschwindet. Sobald du dich ihm näherst, verschwindet es, du siehst nicht, wohin.

Beim nächsten Einkauf, denk mal daran, daß du die Tüte nicht wieder aufreißt. Unterwegs verlierst du die Hälfte. Und wenn du wieder mal über Israel was schreibst, denk an die Heiligtümer. Ein Dichter erfand die Geschichte vom attackierten Felsendom. Ein israelischer Flieger flog direkt darauf los, wie ein Manhattaner, nur ein paar Monate früher. Wo kriegen die Verrückten bloß ihre Ideen her? Von den Dichtern und Denkern? Aber wer liest die denn? Die Terroristen lesen Zukunftsromane und zertöppern danach unsere Urlaubspläne?

Der Terror hat einen geistigen Ursprung, der sich über die Sprache mitteilt. Schreiber sind Terroristen, das halten wir ruhig mal fest. Oder andersherum: Terroristen gehorchen einem Text, einem Kontext. Alles geschriebene Wort ist eine Anleitung zum Handeln. Die heiligen Schriften sollen nicht gelesen werden, weil sie die Welt vernichten.

Was meinst du wohl, warum die Heiligtümer zuletzt alle in einem Tempel landen? Möglichst in einem versteckten Abstellraum, den niemand betreten darf. Da wird das Heiligste aufbewahrt. Um es zu schützen? Nein, um uns vor dem Heiligen zu schützen. Es ist gefährlich, ein wildes Raubtier von der Kette zu lassen. Das Heilige wirkt nicht wie ein Raubtier, es ist eine Kriechspur, ein unauffälliges Jucken am Hals, ein Geschmack auf der Zunge. Du bist in dem Moment verloren, da du es erlebst, ohne es auch erkannt zu haben.

Ein Mann unter vierzig möge nicht die Qabalah aufschlagen, er könnte darin lesen, und das würde ihm schaden. Er muß noch wachsen. Es fehlt ihm die Gewißheit im Umgang mit dem, was alle wissen, aber nicht ahnen. Sie können den Wert nicht ermessen. Die Bedeutung. Das Gewicht einer Botschaft. Alles ist Schrift, ist Zeichen.

Von 29 Zeugen war die Rede, die mich entlasten sollten. Von Tötung war die Rede, und ich war der Töter und Täter. Darauf lasse ich mich doch nur ein, wenn ich eine Wahrscheinlichkeit annehmen muß. Aber der Traum macht alles zunichte. Du nimmst das Urteil an, weil du's hinter dich bringen willst. Deine Ruhe ist dir wichtiger als die Gerechtigkeit. Das christliche Friedensversprechen kümmert sich um die jüdische Gerechtigkeit nicht die Bohne. Darf man so schreiben, kurz vor dem Eintritt?

Durchs Tor der Gerechtigkeit, das Tor zur Gerechtigkeit, schreitest du, du gehst nicht, du schreitest, wenn du Glück hast, leichten Schrittes. Leichten Schreitens geht alles auf sein Gericht zu, jedes auf sein, alles auf das Gericht zu.

Gott lädt an seine Tafel und sieht, wie es dir mundet. Gottes Liebe geht durch den Magen, das ist so alt wie sein Schöpfungswerk, eine raffinierte Mischung aus Güte und angewandter Seelenkunde. Dem entgeht keiner, der mit leerem Magen kommt, und das sind die meisten, wenn es Abend wird nach einem schweren Arbeitstag.

Eine feine Geschichte. Der Teufel macht es nicht viel anders. Nur die Berichterstattung über ihn fällt meist unfreundlicher aus. Der kann's ertragen, der ist robuster als der liebe Gott mit den blauen Augen. Jedenfalls werden unfreundliche Geschichten meist dem Teufel zugeschrieben, weil sie zum lieben Gott halt nicht passen. Wir wollen das nicht. Irgendwo haben wir uns den Sinn für Ordnung und Heile Gegenwelt erhalten, wenn's schon hier bei uns nicht mehr so klappen will, wie es jeder gern hätte, so soll es wenigstens sonntags im Himmel schön und friedlich aussehn, das haben wir uns redlich verdient. Schließlich gehen wir brav unserer Strafe nach im Schweiße unsres Angesichts.

Wer auf den Bürgersteig spuckt, schändet den Tempel. Sag das bloß keinem, sonst machen die's wahr.

kokhaviv publications > NewCatch > online exclusive

© Copyright 1999 - 2002 kokhaviv publications