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Die Freiheit ist unsere Sicherheit
2002-02-19
Unabhängig sein, eigenwillig, autonom und ein Stück Sovereign seiner selbst...
Du solltest eine Pause einlegen, nicht alles dem Zufall überlassen, der Intuition des Denkflusses und des Schreibens, obwohl es keine bessere Quelle zu geben scheint; es auf anderem Wege nur schwer zu erreichen ist.
Dich den ontischen Strömungen überlassen, das könnte es sein, dem erzählenden Genie, einem schreibenden Selbst, das auf deiner Schulter sitzt und dir ins Herz legt, was du schreiben mußt.
In kurzer Zeit eine unendliche Geburtenfolge.
Wüßtest du's, du würdest ins Stolpern kommen, ins Stolpern kommen.
Eigenstand, ein ideeller Wert, der in der Praxis nichts zu suchen hat.
Denn das ist die Praxis: Ein Politiker äußert eine Meinung als die seine. In den Nachrichten heißt es, er oder sie habe dies und das gesagt.
Es war die Meinung der Partei. Der Organisation. Der Regierung.
Er, sie, es eröffnet nach der Beschlußlage ihres, eines, seines politischen Sprach-Vereins.
Eine private Meinung sagen, ist genug gesagt, um sie abzublocken. Herr Scharping hat nur seine private Meinung gesagt.
James Bond, der Einzelne, ist ein Beamter, die Marionette eines Apparats, nicht anders als der uniformierte Polizist im Streifenwagen.
Die Unterschiede gelten nur im Apparat, sind interne Rangunterschiede. Nach außen tritt mit jedem personellen Werkzeug der Apparat in Erscheinung.
Auf Befehl des Apparats wird der Beamte freundlich oder unfreundlich, zuvorkommend oder eine Bedrohung sein.
Wer mit Funktionären einer politischen Partei diskutiert, diskutiert mit der Partei. Das ordentliche Parteimitglied ist eine Schallplatte aus der Parteistudio-Produktion.
Du kannst es auch in der Parteipresse nachlesen.
Es ist angesagt in Deutschland, bedeutet, daß ein Parteibeschluß vorliegt, der für diese oder jene Sprachregelung die Schleusen geöffnet hat.
Das reicht bis in verbale Besonderheiten.
Wer aufmerksam zuhört, entdeckt hin und wieder ein neues Wort im Fernsehen, dann sogleich auf allen Sendern und bei allen Sprechern.
Ob "Nostalgie" der Siebziger oder "in Folge" in unsren Tagen oder "ich rufe Sie zurück" (bis dahin: "Ich rufe zurück"), es ist jedesmal angesagt worden, irgendwo, in den Redaktionen, nach telefonischen Absprachen.
In den siebziger Jahren erschien eine neue Kunst-Schrift auf Plakaten und Schildern, so was Rundes, an Bockwurst und Kaugummiblasen Erinnerndes.
Alles und jedes ist organisiert. Kein Mensch tritt als er selber auf. So der bleibende Eindruck. Alles ist inseitig, gehört zur Gesellschaft.
Wer auf eigene Rechnung und in eigenem Namen handelt, wird nicht als eigenständig, aber als nur noch nicht entlarvter Vertreter einer Firma, einer Organisation eingestuft.
Was man in Amerika "political correctness" nennt, gab es in Deutschland schon, als den Begriff noch niemand kannte.
"Politisch korrekt" ist das gerade Angesagte. Im Sozialismus war es die Parteilinie.
Die "politische Korrektheit" ist von Inhalten völlig unabhängig. Es spielt überhaupt keine Rolle, was gerade "in", was also "politisch korrekt" ist.
Das kann morgen schon wieder wechseln. Dann kommt was anderes. Wichtig ist nur, daß alle zur gleichen Zeit dasselbe denken und meinen und sagen.
Die kollektivistische Mentalität ist offensichtlich eine genetische Konstante. Ohne diese Voraussetzung hat die Gleichschaltung keine Chance.
Was heute an Gleichschaltung, Gleichrichtung und öffentlicher Meinungskontrolle vor sich geht, geschieht öffentlich und unauffällig zugleich.
Man muß wohl mit anderen Genen versorgt sein, um es wahrhaben zu können.
Das Ende des Individuums wurde vor vierzig oder fünfzig Jahren kreiert bzw. ohne großes Bedauern konstatiert. Leute wie wir wehrten sich dagegen.
Das bürgerliche Individuum mochte tot sein. Sein Tod war die Grundbedingung für die Entfaltung proletarischer Individualität. So stand es in kuckuck 1, Herbst 1973. "Man lasse über alles mit sich reden, nur über die individuelle Autonomie nicht."
Das war ein Wolkenkuckucksheim. Gewiß. Und doch, und doch...
Der Einzelne, bürgerlich oder proletarisch, deutsch, jüdisch, zigeunerisch oder aus allem geworden, läßt sich nicht programmieren, ist statistisch nicht zu fassen, kaum auch theoretisch zu begreifen.
Er muß damit leben, daß niemand es weiß, daß niemand die gegens Meer sich behauptende Insel glauben will.
Niemand ist nicht - und jeder ist eben doch - gesellschaftlich integriert, assimiliert, organisiert. Das Sensorium für die Freiheit des Individuums ist bequemlich verkümmert.
Der Jude so und so hat das und das gesagt, bedeutet eine Zuordnung. Der so denkt, ist vielleicht ein Deutscher, ein Franzose, ein Engländer. Der Russe denkt nicht viel anders anders. Der typische Amerikaner ist dem typischen Franzosen nicht einfach gleichzusetzen. Der Peruaner bringt Wertvorstellungen nach Europa, die mit hiesigen verglichen werden müssen. Jeder hat seine kollektiven Vorurteile im Gepäck und weiß es meist nicht.
Muß das autonome Individuum sich damit abfinden, daß es so autonom auch wieder nicht ist; daß es sich gesellschaftlichen, kollektiven Umfeld-Bedingungen verdankt?
Das freie Individuum ist ein ideelles Kind der Gesellschaft. Der Freie wollte frei sein, er war es nicht.
Die individuelle Freiheit gedeiht - nach gemeiner Auffassung - in einer freien Gesellschaft, und das ist ein Irrtum.
Das freie Individuum war nicht von vornherein frei. Es mußte sich seine Freiheit erstrampeln, erzürnen, erkämpfen.
Das Produkt widriger Umstände ist ein unverwüstlich unerwünschtes Asozialgenusbaby in und aus diktatorischer, despotischer, totalitärer Herrschaft und Gemeinschaft.
Das unerträglich gewordene Kollektiv weckt den Bedarf. Mangel macht Hunger, will Appetit. Wer frei sein will, kann es vorerst nicht sein. Die Wasser der Freiheit sind erst dem Ausgetrockneten das Leben.
Wie unter strenger Zensur das Wort seinen Wert erlangt, so ist die Freiheit des Einzelnen das verborgene Juwel der Unfreiheit.
Das Hohelied der Freiheit wird im Widerklang erhört. Freiheit und Individuum sind des selben Zuschnitts.
Drum fürchtet die Tyrannei nicht! Sehnt sie herbei, wenn die Ideale verrotten!
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